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Eine Angst geht um in den Stadtkreisen 4 und 5

Sie sind zufrieden, die Menschen in den Kreisen 4 und 5. Wäre da nicht die Sorge, dass die Langstrasse etwas verlieren könnte.

Was beschäftigt die Bewohner in den Kreisen 4 und 5 im Hinblick auf die Wahlen? Video: Lea Koch

An Plastiktischen, die Gläser grosszügig gefüllt mit Weiss- oder Rotwein, sitzen sie an diesem späten Nachmittag an der Josefstrasse und heben die Hand zum Gruss, wenn wieder jemand vorbeispaziert, den sie kennen. Es sind pensionierte Hausmeister wie Josef Thomann, der mit seinem Partner seit 40 Jahren hier im Quartier wohnt, ein ehemaliger Coiffeur gehört genauso zur Gruppe wie Lisbeth Schellenberg, die kürzlich ihren Mann verloren hat – nach Jahrzehnten des Zusammenlebens im Nachbarhaus des tamilischen Imbisses.

«Wir haben unsere alten Restaurants verloren. Die Kundschaft, die mit den neuen Besitzern kam, passte nicht zu uns.»

Lisbeth Schellenberg, seit 37 Jahren im Kreis 5

«Der Kreis wurde aufpoliert in den letzten Jahren. Ich würde meine günstige Wohnung nie verlassen. Freie Wohnungen werden nicht einmal mehr ausgeschrieben.»

Josef Thomann, seit 40 Jahren im Kreis 5

Es ist ihr gemeinsamer Stammtisch. Der Kreis 5 ist es. Sie alle leben gerne hier, weil sie die Nähe zum Bahnhof schätzen, zu ihrem Arzt oder Apotheker, zu den bevölkerten Restaurants und Bars. Lisbeth Schellenberg wiederholt mehrmals ganz verblüfft, dass es noch immer möglich sei, mit ihrem Hund durchs Quartier zu spazieren, ohne Leine. Im ganzen Kreis! Wenn auch eher frühmorgens als nachmittags.

Allerdings, sagt Josef Thomann, fürchte er sich am Sonntagmorgen öfter als noch vor ein paar Jahren. Obwohl er mit dem Hund unterwegs ist. Er begegne nur noch Betrunkenen, die ihn anbetteln oder beschimpfen würden.Das Nachtleben, das sich vor allem um die Hardbrücke und an der Langstrasse abspielt, dauere heute bei manchen bis zum Mittag. Die Josefstrasse verbindet die beiden Ausgehpunkte, sie ist die Transitzone, in welcher der Lärm der Party­besucher nachts widerhallt.

«Für Junge ist es schwierig»

Im einstigen Industriequartier ist auch anderes im stetigen Übergang, man weiss es: Wohnungen werden saniert und teurer weitervermietet. Zahlungskräftigere Mieter kommen ins Quartier. «Hier müssen alle Bewohner raus», sagt Thomann und zeigt auf das Mehrfamilienhaus hinter sich, «weil man die Wohnungen ausbauen will.» Darum wollen Leute wie er und Schellenberg nicht wegziehen. Wer kann ihnen eine ähnlich günstige Wohnung garantieren? Lieber behält man, was man hat.

Solche Sorgen kennt André Bleiker gut. Er ist Besitzer des Fischer­ladens beim Helvetiaplatz im Kreis 4 – seit 27 Jahren. Werden die Mieten raufgehen? Wird er sich sein Geschäft noch leisten können? Es seien Gedanken, die man sich als Ladenbesitzer immer mache, sagt Bleiker. Aber hier im Langstrassenquartier sei diese Befürchtung besonders gross, weil sich Migros und Coop ansiedeln und kleinere Läden schliessen müssen.

«Ich liebe meinen Laden, aber wohnen würde ich hier nicht wollen. Dafür ist es mir zu laut. Die Langstrasse hat sich zur Partymeile entwickelt, tagsüber wird man oft angebettelt. Dafür hat sich die Drogenszene stark beruhigt.»

André Bleiker, seit 27 Jahren im Kreis 4

«Für Junge ist es schwierig geworden, etwas Eigenes aufzumachen», sagt Flo Ramseyer. Der Kellner wohnt seit 14 Jahren an der Langstrasse und beobachtet, wie der Charme des Quartiers, der von den vielen kleinen Shops herrührt, langsam verschwindet. Die Leute würden wegziehen, weil sie es sich nicht mehr leisten können, hier zu leben. «Dabei sorgen die Jungen dafür, dass man im Kreis 4 das Gefühl hat, hier schaue man dem pulsierenden Leben zu», sagt er.

«Der Kreis 4 lebt. Ich habe fast alle meine Freunde hier. Nur die Mieten sind zu hoch.Für Junge und Leute mit wenig Geld wird es schwieriger, sich zu verwirklichen. Damit geht Kultur verloren.»

Flo Ramseyer, seit 14 Jahren im Kreis 4

Selihan Mouflih und ihr Mann beschreiben das Quartier als etwas, das «nicht wie die Schweiz» sei: Gehe man am Samstagmorgen an den Flohmarkt auf dem Kanzleiareal, sei es lebendig, man könne die Preise verhandeln, es komme automatisch zu einem sozialen Austausch. Die beiden sind mit ihren Kindern vor knapp einem Jahr hierhergezogen. Sie haben das rare Glück gefunden: eine günstige Wohnung.

«Es ist ein gutes Quartier. Die Schweiz beginnt erst an seinen Grenzen wieder. Hier wird auf dem Markt gehandelt, man findet Produkte aus aller Welt, es lebt und pulsiert.»

Selihan Mouflih, seit bald 12 Monaten im Kreis 4

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