Anliefern, auspacken – und losfahren

Die Enge ist bereit für das Formel-E-Autorennen. Für den letzten Schliff wird das Quartier heute abgesperrt.

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Die blauen Startlinien sind auf das My­thenquai gemalt. Vor der Boxengasse nebenan stehen gelbe Kisten – wie überdimensionierte Pakete. Das Geschenk: die Formel-E-Boliden für Zürich. Der erste Rennwagen, der ausgepackt wird, ist jener des Schweizer Fahrers Sébastien Buemi.

So kompakt, so glänzend, so dynamisch! Eine Mischung aus Eleganz und Robustheit, klein und flink sehen die Boliden aus. Fortschritt und Innovation haben die Formel-E-Veranstalter versprochen – hier stehen sie materialisiert. Aber Nachhaltigkeit? Wie sieht Nachhaltigkeit eigentlich aus? So steril wie diese metallenen, schwarz-blau lackierten Flitzer?

In den Garagen riecht es dafür nach Tanne. Die Boxen und die Zuschauertribünen darüber sind aus Holz und sollen nächstes Jahr wiederverwendet werden. Ebenso das grosse Startgebäude über dem Mythenquai, das «Herzstück» der Strecke, wie Mediensprecher Stephan Oehen sagt. Hier ist die Rennkontrolle untergebracht, hier können geladene Gäste an bester Lage die Zieleinfahrt beobachten. Die beauftragte Ostschweizer Holzbaufirma Blumer-Lehmann AG hat den Turm in vier Tagen hochgezogen.

150'000 Zuschauer erwartet

Auf der obersten Ebene, gewissermassen auf der Kommandobrücke, steht der Cheforganisator des Rennens: Pascal Derron. Er ist erfreut über den bisherigen Verlauf des Aufbaus des grössten Schweizer Sport-Events des Jahres. Rund 2500 Menschen arbeiten dafür, 15 Millionen Franken soll er am Ende kosten. Ob er nervös sei? «Ein bisschen», sagt Derron. Am wichtigsten sei gutes Wetter am Sonntag. Und dass die Zuschauer Freude hätten. Bis zu 150'000 sollen ins Enge-Quartier strömen.

Mit den grossen Konstruktionen aus Holz heben sich die Veranstalter in Zürich von den bisherigen Formel-E-Austragungsorten ab – dort waren diese Infrastrukturen in Zelten untergebracht. Der Chef persönlich hat sich für Holz entschieden. «Als Holzbauingenieur habe ich natürlich Freude an diesem Material», sagt Derron. Es sei nebst der positiven öffentlichen Wahrnehmung auch aus praktischen Gründen geeignet: schnell aufgebaut, schnell abgebaut.

Formel E: Hier entsteht das Startgebäude. Video: Tamedia

Denn Aufbau und Abbau halten die Veranstalter genauso in Atem wie der Event selber. Seit Anfang Mai wird in der Enge gewerkelt, zum Leidwesen mancher Anwohner auch in der Nacht. Und heute Freitag zum Feierabend wird das Gebiet um die Rennstrecke für den Endspurt definitiv zur Sperrzone, zumindest für Autos und den öffentlichen Verkehr. Dann werden die letzten Tribünen aufgebaut, unter anderem in der Spitzkehre zwischen Mythenquai und Alfred-Escher-Strasse sowie direkt beim Start.

Am Samstagnachmittag werden bei der ersten Testfahrt die Boliden durch die Strassen surren, am Sonntag um 18 Uhr gilt es ernst. Rund eine Stunde später ist das Spektakel wieder vorbei – zumindest für dieses Jahr. Denn für einmal ist nach dem Rennen wirklich vor dem Rennen. Das Bauen geht in der Enge noch bis spätestens Ende Juni weiter. Dann sollen die Formel-E-Spuren ganz aus dem Quartier verschwunden sein.

Und der Termin für das nächste Rennen in Zürich steht bereits fest: Am 9. Juni 2019 soll der elektrische Rennzirkus wieder hier gastieren. Unter dem Vorbehalt, dass der Stadtrat den Anlass für das zweite Mal definitiv bewilligt.

Exklusiver Einblick: Formel-E-Star Sébastien Buemi führt durch seine Box. Video: Julius Bär

Das hängt auch davon ab, wie der Anlass evaluiert wird. Und ob der politische Widerstand konkreter wird. «Wir sind lernwillig und lernfähig», sagt Derron. Man werde mit Anwohnern, Politikern und dem Verband reden und wo nötig Anpassungen vornehmen.

Doch jetzt sollen die Flitzer erst einmal um die Wette surren. Und dieses Surren dürfte die Formel E von der Formel 1 erst so richtig unterscheiden. Vielleicht ist Nachhaltigkeit gar nicht sichtbar, sondern hörbar. Vielleicht ist dieses Surren das, was diesen Allerweltsbegriff mit Sinn auftankt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 23:43 Uhr

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