Apps verschweigen die schnellsten Verbindungen in Zürich

Wer mit ZVV- oder SBB-App seine Anschlüsse heraussucht, ist länger unterwegs als mit einem Konkurrenzangebot. Die SBB versprechen Besserung.

Unterschlägt die App: Die schnelle Verbindung via Albisriederplatz.

Unterschlägt die App: Die schnelle Verbindung via Albisriederplatz. Bild: Urs Jaudas

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«Jeden Morgen fahre ich in einem Geisterbus zur Arbeit», scherzt Tagi-Leser Michael H. Er wundert sich seit langem, dass die schnellste Verbindung von seiner Einsteigehaltestelle In der Ey bis zu seinem Arbeitsplatz am Zürcher Stauffacher von der ZVV-App nicht angezeigt wird. Die Verbindung um 6.32 Uhr an den Albisriederplatz und von dort weiter mit dem Tram der Linie 3 unterschlägt die App. Die gleiche Verbindung wenige Minuten später aber wird wieder angezeigt. «Das bedeutet, dass ich mit der ZVV-App oft die schnellste Verbindung verpasse und daher auf meinen Reisen Zeit verliere», folgert der Tagi-Leser.

Die ÖV-App von Konkurrent Google zeigt im Gegensatz zur ZVV-Lösung die schnellere Verbindung an. Weshalb ist das so? Stefan Kaufmann vom ZVV kann einen Bug, also einen Fehler in der App, nicht ausschliessen. Er gibt aber zu bedenken, dass es durchaus gewollt sei, dass die ZVV-App nicht alle Verbindungen anzeige. Der Grund: zu knappe Umsteigezeiten, die man den ZVV-Nutzern nicht zumuten wolle. Ziel sei es, dass alle den Anschluss schaffen. Auch Personen, die sich vor Ort nicht auskennen, oder Pendlerinnen und Pendler, die mit einer geringen Verspätung in den Stosszeiten an der Haltestelle ankommen. «Gewiefte ÖV-Nutzer fahren mit schnelleren Verbindungen», sagt Kaufmann.

Der «Turnschuh-Anschluss»

Für solche, durch Erfahrung optimierten Anschlüsse hat sich die inoffizielle Bezeichnung «Turnschuh-Anschlüsse» eingebürgert. Verbindungen, die man im optimalen Fall erreichen kann, wenn man beispielsweise an einem Umsteigeort zum nächsten Verkehrsmittel rennt. «Das sind aber keine geplanten Anschlüsse», sagt Kaufmann, «deshalb erscheinen sie auch nicht in der Fahrplanauskunft des ZVV.» So werde verhindert, dass sich der Kunde ärgere, wenn er diese Verbindung nicht schafft.


So funktioniert die ZVV-App

Redaktor Ruedi Baumann testet die neue ZVV-App zum Lösen von Tickets.
(Video: Lea Blum und Ruedi Baumann)


Die SBB scheinen ihre Passagiere noch weniger sportlich einzuschätzen als der ZVV. Die SBB-App zeigt die morgendliche Verbindung von Michael H. mit dem 33er-Bus und dem Tram der Linie 3 gar nie an. Sie schlägt vielmehr die Verbindungen mit dem späteren 2er- oder 14er-Tram vor – oder dann gleich mit dem 80er-Bus übers Triemli zu verkehren, was etwas länger dauert.

SBB-Sprecher Reto Schärli kann sich das nicht recht erklären, denn die Fahrpläne ebenso wie die Umsteigezeiten werden den SBB von den VBZ geliefert. Auf dem Stadtgebiet habe sein Unternehmen keine Möglichkeit, die Umsteigezeiten zu beeinflussen.

SBB versprechen Besserung

Bei den SBB verlässt man sich bei den Umsteigezeiten auf den eigenen Bahnhöfen auf langjährige Erfahrungswerte, wie Schärli sagt. Am Hauptbahnhof etwa sind es generell 7 Minuten. Für Vielpendler, die wissen, dass sie eine gewisse Verbindung auch in weniger Zeit erreichen können, oder für Reisende, die mit viel Gepäck und dementsprechend langsam unterwegs sind, besteht in einer der kommenden Versionen des elektronischen Fahrplans die Möglichkeit, Umsteigezeiten manuell zu verkürzen oder zu verlängern.

Dass der elektronische Fahrplan der SBB mitunter «nicht erklärbare Ergebnisse anzeigt», hat bereits mehrfach das Konsumentenmagazin «K-Tipp» beschäftigt. Vor allem hat es wiederholt darüber berichtet, dass unsinnigerweise Routen mit langer Reisezeit, mehrmaligem Umsteigen und teuren Billetten vorgeschlagen werden. Für die Fahrt von Basel nach Moutier BE etwa liefert der Fahrplan nicht nur die direkte Verbindung, sondern auch jene mit Umsteigen in Olten SO und Biel BE. Die Fahrt auf dieser ­Route dauert doppelt so lange und ist doppelt so teuer.

Unsinnig – aber nicht für alle

Das allerdings hat einen guten Grund, wie Schärli erklärt. Die genannte Verbindung erscheine zwar unsinnig, wenn jemand die nächste günstige und schnelle Verbindung suche. «Hat man aber seinen Zug verpasst und ist im Besitz eines Abos, kann man mit einer langsameren Verbindung früher ans Ziel gelangen als mit der schnellen Verbindung, die nur alle Stunden verkehrt.»

Die sportlichsten Verbindungen zeigt die Fahrplanauskunft von Google-Maps an. Sie weist sogar Anschlüsse mit Umsteigezeiten innerhalb der gleichen Minute aus. Ob Google diese «Turnschuh-Verbindungen» vorschlägt, weil sie die Daten ihrer Nutzer auswertet und ihnen diese deshalb zutraut, oder ob Google ganz einfach von sportlicheren Nutzern ausgeht, war nicht in Erfahrung zu bringen. «Wir gehen aber nicht davon aus, dass Google entsprechende Überlegungen zu Umsteigebeziehungen, offiziellen Anschlüssen oder Reiseketten macht, sondern lediglich Rohdaten zur Verfügung stellt», heisst es beim ZVV. So sei die Gefahr einer unterbrochenen Reisekette bei sehr kurzen Umsteigezeiten erheblich grösser.

Erstellt: 19.10.2018, 12:05 Uhr

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