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Asylzentrum? Nie gehört!

In Oerlikon leben 250 Flüchtlinge seit zwei Jahren direkt neben einer Wohnsiedlung. Dennoch ist man sich fremd. Zwei Kunststudenten wollen dies ändern.

Anwohnerinnen und Flüchtlinge am Werk: Ursina Berger, Hazrouka Yahya und Saskia Keller. Foto: Dominique Meienberg
Anwohnerinnen und Flüchtlinge am Werk: Ursina Berger, Hazrouka Yahya und Saskia Keller. Foto: Dominique Meienberg

Die Neudorf-Siedlung und die Halle 9 in Oerlikon trennt nur eine kleine Quartierstrasse. Doch dazwischen liegen Welten. Auf der einen Seite die Bewohner der Siedlung: mehrheitlich schweizerischer Mittelstand, gut ausgebildet und in kleinen Häusern mit hübschen Vorgärten lebend. Auf der anderen Seite: Knapp 250 Flüchtlinge, die seit rund zwei Jahren in einer doppelstöckigen Halle auf engem Raum untergebracht sind. Es handelt sich mehrheitlich um Syrer, Eritreer und Afghanen, die in die Schweiz geflüchtet sind.

Über die Hälfte von ihnen sind alleinstehende Männer mit Aufenthaltsstatus N – Asylsuchende im Verfahren. Das heisst, ihre Anwesenheit wird geduldet, arbeiten dürfen sie jedoch nur in Ausnahmefällen. Geschlafen wird in kleinen Hütten in der Halle. Ikea-Häuschen hätten es ursprünglich sein sollen, doch diese waren Ende 2015 durch den Feuertest gefallen. Die jetzigen Behausungen bestehen aus Spanplatten und sind namenlos, anonym. Wie die Flüchtlinge selber. Die meisten von ihnen leben schon Monate auf dem Messegelände. Der Nachbarschaft sind sie dennoch unbekannt. Zu diesem Schluss kamen Lea Planzer und Sandro Poli, als sie im Januar ihr Projekt «Becoming Neighbours» (Nachbarn werden) lancierten.

Bisher kein Austausch

Die Interactive-Design-Studenten der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) machten für ihre Bachelorarbeit eine Umfrage: Wie steht es um den sozialen Zusammenhalt zwischen Anwohnern und Flüchtlingen? Die Antwort, die sie im Quartier erhielten: Weder gut noch schlecht – ein Austausch findet nicht statt. «Einige Anwohner wussten nicht einmal, dass hier eine Asylunterkunft existiert», sagt die 28-jährige Planzer. «So suchten wir nach einem Weg, damit sich die beiden Gruppen besser kennen lernen können.»

Das Hüttendorf für Asylsuchende mitten in der Stadt – die Strassen sind mit Filz belegt, der Himmel ist ein Dach, und für frische Luft sorgt die Ventilation.
Das Hüttendorf für Asylsuchende mitten in der Stadt – die Strassen sind mit Filz belegt, der Himmel ist ein Dach, und für frische Luft sorgt die Ventilation.
Sabina Bobst
Der Kurde Huzhaifa aus Syrien würde am liebsten  eine Musikschule besuchen.
Der Kurde Huzhaifa aus Syrien würde am liebsten eine Musikschule besuchen.
Sabina Bobst
Die Holzhütten bieten Platz für das Nötigste.
Die Holzhütten bieten Platz für das Nötigste.
Sabina Bobst
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So leben die Flüchtlinge in der Halle 9.

Ein Gemeinschaftsgarten sollte das Problem lösen. Während Wochen bepflanzten, hegten und pflegten die Anwohner gemeinsam mit den Flüchtlingen ein kleines Stück Land der Neudorf-Siedlung. Auf einer kargen Wiese entstand ein Gemüsegarten mit Hochbeeten, bepflanzten Tonnen und einem Sitzplatz mit Feuerstelle. Doch dieser Garten ist anders; er ist das Resultat eines Integrationsprojekts mit Vorbildcharakter. Die ZHDK-Studierenden folgten einem wissenschaftlichen Ansatz, der ursprünglich in den 1980er-Jahren entwickelt worden war, der sogenannten Human-Centered-Design-Methode. Wichtigstes Merkmal: Die künftigen Nutzer des Produktes werden von Beginn weg in den Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses gestellt. In diesem Fall die Flüchtlinge und die Anwohner mit ihren Wünschen, Eigenschaften und Zielen. «Das Wichtigste war für uns die Bildung einer Gemeinschaft. Alle sollten das Gefühl haben, Teil des Projektes zu sein – trotz der Sprachbarrieren», sagt Planzer.

Erschöpft vom Nichtstun

Zwei Kunststudenten dringen in die Domäne der Sozialarbeiter ein. Kann das gut gehen? Es kann, wie das Resultat des Projekts zeigt. Auberginen, Rucola und Salbei gedeihen offensichtlich auch ohne gemeinsame Sprache. Hazrouka Yahya beisst in eine Gurke und sagt: «Wir ernten nun, was wir gesät haben.» Der 44-jährige Syrer ist einer der Flüchtlinge, die sich am Projekt beteiligten. Die Gartenarbeit hat für ihn existenziellen Charakter: «Ich hatte in Zürich bis jetzt nichts zu tun ausser essen und schlafen.»

Yahya lebt seit über einem Jahr in der Halle. Kommende Woche zieht er in einer andere Unterkunft an der Nordstrasse. Das Leben in der Halle 9 habe er nicht mehr ertragen können. Zu laut, zu unhygienisch sei es im Übergangszentrum der Zürcher Fachorganisation AOZ.

Im Januar hatte er sich bereits ans Nichtstun gewöhnt, was seinem psychischen Zustand nicht dienlich gewesen sei. Da erfuhr er vom Gartenprojekt. «Ich dachte erst, es sei ein Witz», sagt Yahya. Einen Monat später sass er mit den Anwohnern der Neudorf-Siedlung an einem Tisch. Gemeinsam bastelten sie Modelle für einen Gemüsegarten, der ihren Vorstellungen entsprach. Im Mai griff er zur Gartenhacke und pflanzte einen Setzling in den Boden – zum ersten Mal in seinem Leben. Einen Garten hatte der Syrer noch nie gehabt.

Schliesslich beteiligten sich 15 Flüchtlinge und fast so viele Anwohner am Projekt. Eine davon ist Saskia Keller. «Wir hatten keine Ahnung, wer diese Leute sind und woher sie stammen», sagt Keller. Nun begrüsst sie Yahya wie einen alten Freund. Ein Whatsapp-Chat und Einschreibelisten sollen den Fortbestand der gemeinsamen Gartenarbeit sichern. Das Gemüse wächst weiter, die Freundschaft soll es auch. Zumindest solange die Flüchtlinge in der Halle leben.

Die Bestnote erhalten

Jonas Aebischer, Manager der Halle 9, ist positiv überrascht von der interdisziplinären Zusammenarbeit. Der Sozialpädagoge hat zum ersten Mal für ein Projekt mit Interaktionsdesignern zusammengespannt. «Wir sprachen zu Beginn eine andere Sprache.» Doch vielleicht habe es genau das gebraucht. «Wir lernten und profitierten voneinander», sagt Aebischer. Studentin Planzer betont die Vielfältigkeit des Ansatzes. Ob Gemüsegarten, Spielplatz oder Sportanlage: «Unser Ansatz kann auf viele Bereiche angewendet werden.» Für die Studierenden hat sich der Einsatz bereits gelohnt: Sie erhielten die Bestnote.

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