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Auch in Zürich wird kein Baby Nutella heissen

Ein Name darf nicht zum Nachteil des Kindes sein; ansonsten sind die Eltern relativ frei.

Zugezogene: In der Schweiz leben 17 «Okays» und 33 «Patrioten». Foto: Rafael Ben-Ari (Alamy)
Zugezogene: In der Schweiz leben 17 «Okays» und 33 «Patrioten». Foto: Rafael Ben-Ari (Alamy)

In Frankreich hat ein Gericht zwei Elternpaaren verboten, ihre Kinder Nutella und Fraise, zu Deutsch Erdbeere, zu taufen. Die Kinder heissen nun Ella und Fraisine, ein altfranzösischer Vorname. In der Schweiz machte vor ­einem Jahr eine Namensgebung im Oberaargau Schlagzeilen: Das Zivilstandsamt verbot den Eltern, ihren Knaben Jessico zu taufen; der Name töne zu weiblich. Inzwischen hat das Amt eingelenkt, nachdem die Eltern begründet hatten, der Name sei für Knaben in Argentinien und auf den Philippinen durchaus gebräuchlich.

Wie hält es das Zivilstandsamt Zürich, das jährlich 7000 Geburten registriert? Die Vorschriften seien «klar und doch unklar», sagt der Chef Roland Peterhans. Die Zivilstandsverordnung gebietet, Vornamen zurückzuweisen, welche «die Interessen des Kindes offensichtlich verletzen». Auch soll das Geschlecht des Kindes erkennbar sein. Ein abschliessendes Register mit erlaubten Vornamen dagegen existiert nicht. «Es gibt zum Beispiel wunderbare tamilische Namen, die in der Schweiz noch nie aufgetaucht sind, die wir aber akzeptieren», so Peterhans.

Tiger ist erlaubt, Löwe nicht

Kein Pardon aber gibt es für Namen, die dem Kind später einmal schaden könnten. So dürfen Namen nicht beleidigend, anstössig oder lächerlich sein und keine sexuellen Anspielungen auslösen. Nicht erlaubt sind zum Beispiel Hanswurst, Zimtstern oder Schnüggel. Auch Sach­namen oder Markenprodukte sind tabu: Pepsi, Rivella, Usego, Ferrari oder Citroën also. Mercedes dagegen ist erlaubt, da das im Spanischen ein sehr gebräuchlicher Frauenname ist.

Heikler wird es bei Tiernamen: Vogel, Löwe oder Büsi gehen nicht. Bei Tiger allerdings müsste das Amt wohl ein Auge zudrücken, seit ihn der bekannteste Golfer der Welt – Tiger Woods – salonfähig gemacht hat. Das gilt für viele Vornamen: Auf Deutsch sind sie schlicht unmöglich, in fast allen anderen Sprachen gang und gäbe: Löwe geht nicht – Leon, Leo, Leone, Leontin, Léopold, Leopoldo, Leonarda, Leonida, Leonore oder Leony dagegen schon. Auch Mond geht nicht, dabei leben in der Schweiz sieben Frauen und sechs Männer mit dem Namen Moon, sowie vier Mondays.

Fidel, Raoul und Marc-Tell

«Eher nein», hätte das Zürcher Zivilstandsamt früher auch zum Namen Sky (englisch für Himmel) gesagt. Seit in Deutschland der in Argentinien geborene Schauspieler Sky du Mont Karriere gemacht hat («Derrick», «Der Schuh des Manitou»), können die Ämter in der Schweiz nicht mehr viel einwenden – und zwar als Vornamen für Knaben wie Mädchen. Namen, die das Geschlecht des Trägers nicht eindeutig zuordnen – zum Beispiel Ike, Sascha oder Robin – bedingen einen zweiten Vornamen.

Zwei oder gar drei Vornamen sind ohnehin gebräuchlich. Da spielt die Tradition mit, den Götti oder Grossvater zu ehren, indem sie dem Kind den ihren als Zweitnamen leihen. Zweitnamen sind auch praktisch, wenn sich die Eltern nicht einig werden sowie als Option für den Träger, sollte er den ersten bald zu exotisch finden. Namen wie etwa der von Lilo Pulvers Sohn Marc-Tell oder die der Söhne von Kommunikationsguru Klaus J. Stöhlker: Fidel und Raoul.

Ganz anders verhält es sich wiederum, wenn Eltern ihren Sohn Fido, Waldi oder Bello taufen würden. Weil das typische Hundenamen sind, gehen sie nicht durch; der Junge würde spätestens im Kindergarten gehänselt. Bella wiederum als Name für ein schönes Mädchen wäre durchaus passend. Ebenso Stella, aber Stern geht nicht.

Viel Mainstream, wenig Exotik

Die Behörden sind toleranter geworden. Nepomuk, immerhin ein Heiliger, wurde vor 30 Jahren noch abgelehnt, seither aber im Kanton sechs- bis zehnmal zugelassen. Salonfähig ist seit Marie-Theres Nadigs Olympiasiegen von 1972 auch der Mädchenname Maite, sechs bis zehn Mädchen wurden im Kanton Zürich seither offiziell so getauft.

Viele in der Schweiz wohnhafte Personen sind im Ausland getauft worden. Deshalb können ihre Vornamen für unsere Ohren allerhand andere Assoziationen hervorrufen. So finden sich im Vornamensverzeichnis des Bundesamtes für Statistik die Namen Porn (3), Poo (3), Montana (7), Blondine (7), Okay (17), Patriot (33) oder Papa (54).

«Wir sind keine Institution, die über Namen entscheidet», sagt Zivilstandschef Peterhans. «Wir suchen das Gespräch mit den Eltern und versuchen, die Interessen der Kinder zu schützen.» Heikle Entscheide muss Peterhans «keine zehn pro Jahr» fällen. Eltern seien allermeistens vernünftig und gesprächsbereit. Vielmehr scheint es so, dass sich Eltern in der Schweiz – im Gegensatz etwa zu Amerika, wo der Fantasie der Vornamen kaum Grenzen gesetzt sind – fast zu brav an den Mainstream halten. Das zeigen die jährlichen Namensstatistiken. Seit 15 Jahren sind bei den Mädchen Lea, Anna, Lara, Sara, Nina, Julia und Laura top. Bei den Buben David, Noah, Leon, Tim, Luca oder Lukas. Da braucht sich keines im Kindergarten zu schämen.

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