Schwach sein will niemand

Mit seinen Ansprüchen an den Staat erinnere der Zürcher Mittelstand an die Bauern, findet die NZZ. Sicher ist: Es wird schwieriger, kein Förderfall zu werden.

Subventionen machen die Arbeit nicht leichter: Wildheuer Sepp Aschwanden in Uri. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Subventionen machen die Arbeit nicht leichter: Wildheuer Sepp Aschwanden in Uri. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Es stimmt: Der Stadtzürcher Mittelstand hat keinen Grund, auf die Bauern hinabzublicken. Schliesslich, schreibt die NZZ, führten viele Zürcher ebenfalls ein subventioniertes Leben. «Was dem Bauern die Verkäsungszulage und die Hanglagenentschädigung, ist dem mittelständischen Stadtbewohner der subventionierte Krippenplatz, die staatlich vergünstigte Wohnung.» Im Herzen seien die angeblich so urbanen und progressiven Städter Bauern geblieben.

Die Selbstverklärung der Schweizer zu einem Volk der Schwinger, Jodler, Bauern stimmt also doch – nur anders, als die SVP das meint. Lern dieses Volk der Subventionsbezüger kennen.

Trotz harter Arbeit ein Fall für die Hilfswerke

Zu behaupten allerdings, das gestützte Leben würde weitherum als sinnvoll und angenehm empfunden, ist polemisch. Nehmen wir die Landwirte. Über sie wird manches gesagt, aber kaum je, dass sie faul seien. Jedes Kind weiss, dass der Bauer morgens früh aufsteht, dass er rennen muss, wenn die Kuh kalbt, und dass sein Heu sich nicht von selber mäht. Wer noch Zweifel hegt, kann sich bei der Caritas für einen Freiwilligeneinsatz bei einer Bergbauernfamilie melden.

Und das ist das Drama: dass die Bauern trotz harter Arbeit ein Fall für die Hilfswerke sind. Sie schuften und verdienen doch zu wenig. Weil das Fleisch aus Neuseeland billiger, die Milch nichts mehr wert ist und wir, die Kundschaft, den vorgewaschenen Salat im Plastiksack möglichst billig wollen. So kommt der Landwirt in die unschöne Position des Subventionsempfängers. Er muss gestützt werden – oder untergehen.

Selbst gewählte Bedürftigkeit

In der Stadt scheint die Lage anders. Da bringen sich gut ausgebildete Mittelständler – Lehrer, Verwaltungsangestellte, Architekten, Journalisten – offenbar selber in eine Position der Bedürftigkeit. «Individuelle Freizeitoptimierung» nennt das die NZZ; wenn gesunde, leistungsfähige Arbeitnehmer aus freien Stücken nur noch 60 Prozent arbeiten und sich das fehlende Einkommen vom Staat ausgleichen lassen.

Ist das so? Sicher, es gibt in Zürich Wenigarbeiter, die sich mit Kulturlegi und Sportabo in einer Stadtwohnung gemütlich eingerichtet haben. Doch sind es viele? Nach neusten Zahlen arbeiten fast vier von fünf Stadtzürcher Männern in Vollzeitjobs. Eine Epidemie der Wohlfühlteilzeitler sieht anders aus.

Krippenplätze sind teuer, darum hilft die Stadt

Zahlreicher sind die Bewohner Zürichs, die trotz harter Arbeit nicht auf ein Einkommen kommen, mit dem sie dem Subventionsbereich entwachsen. Das zeigt sich bei den Krippenplätzen. Diese braucht es, wenn sich die vielen gut ausgebildeten Frauen nach der Geburt der Kinder wieder im Beruf einbringen sollen, so wie dies die Schweizer Wirtschaft fordert. Eine Rückkehr zum traditionellen Familienmodell, bei dem die Frau daheim bleibt und die Kinder vermeintlich gratis betreut, empfiehlt niemand.

Doch Krippenplätze sind teuer. Wer zwei Kinder an zwei Tagen pro Woche betreuen lassen will, zahlt rasch 2200 Franken im Monat. Deshalb hilft die Stadt: Nur wer als Haushalt 130'000 Franken Einkommen oder mehr versteuert, muss mit zwei Kindern die Krippe vollständig selber bezahlen. Darunter wird subventioniert: Bei 125'000 Franken Einkommen gibt es 5 Prozent Rabatt, bei 80'000 Franken 50 Prozent.

Im reichen Zürich gehört man leicht zu den Schwachen

Grund zum Feiern? Eher unheimlich. Zürich ist heute so teuer, dass selbst eine scheinbar solide Mittelstandsfamilie zum Förderfall wird. Während junge Eltern vor 30 Jahren Wohnungen an bester Lage kaufen konnten, müssen sich ihre Kinder heute bei den Krippenrechnungen helfen lassen. Subventionen sollten für die Schwachen sein – die Schlechtverdiener an der Supermarktkasse, die sehr kinderreichen Familien. Doch im reichen Zürich wird es immer schwerer, nicht zu den Schwachen zu gehören. So leicht wird man zum liebenswerten Anachronismus – eigentlich nicht mehr lebensfähig, aber schützenswert aus Gründen der Vielfalt oder Landschaftspflege.

Kann sein, dass manche Zürcher sich so wohlfühlen, ja finden, das Geld stehe ihnen zu. Die meisten aber würden lieber ohne Hilfe bestehen. Wie jeder Bauer.

Erstellt: 14.09.2016, 19:57 Uhr

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