Auf den Spuren der Parkhausmörderin

Ein abgehalfterter Reporter stochert im Fall einer verwahrten Verbrecherin. Der Inhalt von Mathias Nincks erstem Roman hat viele Bezüge zur Realität.

Zwischen Journalismus und Fiktion: Mathias Ninck in der Polizeiwache Urania.

Zwischen Journalismus und Fiktion: Mathias Ninck in der Polizeiwache Urania. Bild: Reto Oeschger

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Ist das nun wahr oder frei erfunden? Diese Frage stellt sich dem Leser und der Leserin von Mathias Nincks erstem Roman «Mordslügen». Zwar wird das eben erschienene Buch als Fiktion angepriesen, doch weist die Geschichte auch deutliche Parallelen zu einem aktuell wieder verhandelten Fall auf. Jenem der sogenannten Parkhausmörderin Caroline H., der «gefährlichsten Frau der Schweiz», die 2001 wegen Doppelmordes verurteilt wurde und seither in einem Hochsicherheitstrakt im Gefängnis einsitzt. Die Onlinezeitung «Republik» hat den Fall vor wenigen Wochen mit neuen Erkenntnissen wieder aufgerollt – und die Frage gestellt: Ist dem Geständnis der Frau zu trauen?

Dasselbe fragt sich nun eben auch die Hauptfigur in Nincks Buch, Simon Busche, ein desillusionierter Lokaljournalist mittleren Alters. Eine Doppelmörderin sitzt seit vielen Jahren in einem Hochsicherheitstrakt in Haft. Busche erhält von einer Psychiaterin Hinweise, dass jemand anderer hinter den Morden stecken könnte. Eine einmalige Chance für Busche, mit einer Story gross rauszukommen. Er nimmt unbezahlten Urlaub und beginnt mit der Recherche, die ihn durch Gefängnisse, in Wohnungen von ehemaligen Ermittlern und schliesslich, klar, mitten ins Verderben führt.

Als Journalist recherchiert

Auch Ninck hat den Fall der sogenannten Parkhausmörderin als Journalist recherchiert. Aus dem Ruder gelaufen ist sein Leben deswegen nicht. Ninck amtet seit der Beendigung seiner zwanzigjährigen journalistischen Karriere, die über «NZZ am Sonntag», «Tages-Anzeiger» und das «Magazin» führte, als Medienchef des Stadtzürcher Sicherheitsdepartements. Im Gespräch sagt er, dass er nicht über den Wahrheitsgehalt des Buches sprechen dürfe.

Man kann also rätseln. Und sich fragen: Warum legt jemand ein falsches Geständnis ab? Im Buch weiss das die verurteilte Mörderin selbst nicht. Hinweise geben nur ihre niedergeschriebenen Kindheitserinnerungen. Klar ist aber, dass der Roman einen Beitrag zur echten Diskussion rund um das Geständnis von Caroline H. liefern könnte. Er zeigt auf, wie komplex und wenig vermittelbar Wahrheiten manchmal sind. Klar ist auch, dass der «Republik»-Journalist Carlos Hanimann seine Artikelserie wie auch das Buch, in dem die Texte gesammelt sind, fast zeitgleich mit dem Roman herausgegeben hat. Das ist kein Zufall. Ninck sagt, er würde eine neuerliche Begutachtung und Diskussion des Falls begrüssen.

Den Wahrheitsgehalt einmal beiseite gelassen, ist «Mordslügen» ein packender Roman geworden. Dabei auch mit düsterem Grundton versehen. Der Hauptdarsteller ist übel gelaunt, steht unsicher im Leben, das Setting: ein kalter und regnerischer, gewissermassen dürrenmattscher mittelländischer Winter. Die Medien erweisen sich als zynisch, die Macht des Justizsystems ist undurchdringbar, denn jeder, der dort arbeitet, sucht nur seinen eigenen Vorteil.

Es versteht sich: Ein zögerlicher Charakterwie Busche kommt eher schlecht als recht durch diese Geschichte. Ein Verlag hat Nincks Buch aus dem Grund abgelehnt, Busche sei ein unsympathischer, verweichlichter Kerl. Ninck entgegnet: «Im echten Leben sehe ich auch keine Helden, warum sollte Simon Busche einer sein?» Seine Unzulänglichkeiten machen Busche eben auch zu einer lebensnahen Figur. «Mordslügen» ist nicht zuletzt wegen der ebenso nachvollziehbaren wie genauen Charakter- und Milieuzeichnungen lesenswert.

Der Drill der Klickzahlen

In einem Abschnitt beschreibt Ninck die prekäre Situation auf Busches Redaktion: «Vor zwei Jahren war die Sekretärin entlassen worden, eine Sparmassnahme, seither versuchte schon gar niemand mehr, sich der Unordnung entgegenzustemmen.» Busches Chef ist ein berechnender Erfolgsmensch, seine Untergebenen sind dem Drill der Klickzahlen untergeordnet. Für Ninck keine Überzeichnung. Er sagt: «Alles, was in dem Buch vorkommt, ist genauso vorstellbar.»

Die Realitätsnähe erweist sich manchmal auch als Schwachstelle. Zähe Vorgänge in Amtshäusern, Gespräche von Staatsanwälten und Verteidigern, akkurat nachgezeichnet, bestimmt, aber nicht immer aufregend zu lesen. Und so lässt sich zumindest noch einmal die Frage stellen: Istdasnun Journalismus oder Fiktion? Die Grenze verwischt sich beim Lesen. Das macht eben auch den Reiz dieses Romans aus.

«Mordslügen», Roman, Edition 8, 232 S., ca. 25 Fr.

Erstellt: 18.11.2019, 15:05 Uhr

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