Aufwind für benachteiligte Kinder

Im Projekt «Fit für die Sek» üben Primarschüler mit Studenten für die Sekundarschule. Die Idee stammt von Lehrerin Gabriella Sontheim, Gattin von Radiomann Roger Schawinski.

Gabriella Sontheim kam durch die eigene Tochter auf die Idee, Kindern bei ihren Schulaufgaben beizustehen. Foto: Urs Jaudas

Gabriella Sontheim kam durch die eigene Tochter auf die Idee, Kindern bei ihren Schulaufgaben beizustehen. Foto: Urs Jaudas

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«Es ist schön zu sehen, wie die Kinder dank uns Fortschritte machen», wird die Frau später sagen, die neben dem Pult eines Mädchen kniet und ihm im Flüsterton eine Aufgabe erklärt. Neun weitere Kinder lösen im Schulzimmer konzentriert Matheaufgaben. Doch die Kinder besuchen nicht den normalen Schulunterricht, sondern büffeln zusätzlich. Und das freiwillig, jeden Samstag im Schulhaus Kügeliloo in Zürich-Affoltern. Drei Stunden lang.

«Fit für die Sek» heisst das Projekt für Fünft- und Sechstklässler. 20 Kinder werden derzeit in zwei Gruppen von vier Lehrpersonen unterrichtet. Möglich gemacht hat dies die Frau, die noch immer neben der Schülerin kniet: Gabriella Sontheim, Gattin von Radiomann und Journalist Roger Schawinski.

Ersatz für Elternarbeit

Es war an jenen langen Abenden vor sieben Jahren, als Gabriella Sontheim den ersten Gedanken an ein Förderprogramm für Kinder verschwendete, die zu Hause wenig Unterstützung erfahren. Damals lernte die ausgebildete Primarlehrerin und angehende Erziehungswissenschaftlerin mit ihrer Tochter für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. Und ebenso ein halbes Jahr später, damit die Tochter gut durch die Probezeit kam. Davon erzählt Sontheim in einer Ecke des Schulzimmers. «Da fragte ich meinen Mann, wie das Eltern machen, die nicht so privilegiert sind wie wir.» Sprich: gebildet und finanziell gut gebettet sind.

Dass Eltern einen wichtigen Beitrag zum Schulerfolg der Kinder leisten, belegen diverse Studien – rund zwei Drittel der Unterstützung liegt in den Händen der Eltern. Ihre Hilfe bewirkt, dass ­Kinder ihr Potenzial besser ausschöpfen und positive Lernerlebnisse haben, was sich in den Noten niederschlägt. Doch wer keine Zeit hat, Kultur und Sprache nicht kennt oder wem das schulische Wissen fehlt, kann das nicht leisten.

Sontheim wollte nicht nur helfen, sie tat es auch: Sie gründete den Verein Lernturbo, erarbeitete ein Konzept, fand mit der Ernst-Göhner-Stiftung und der Freimaurer-Gemeinschaft potente Geldgeber und mit Ruggächer und Kügeliloo zwei Partnerschulen. Im Sommer 2012 startete der Verein mit dem ersten Training, derzeit läuft das vierte Schuljahr. Im Kurs werden Lernstoffe aus Deutsch und Mathematik wiederholt, Lernstrategien eingeführt, aber auch Aktivitäten wie ein Orientierungslauf oder ein Ausflug ins Technorama gehören dazu. Die Eltern bezahlen dafür 50 Franken pro Semester.

Mehr Chancengleichheit

Die Auswahl der Kinder liegt bei den Lehrpersonen. Beatrice Futter, Schulleiterin vom Kügeliloo, sagt: «Ausgewählt werden Kinder, die fürs Lernen noch ­etwas Wind unter die Flügel brauchen.» Ziel ist, die Schülerinnen so auf den Übertritt in die Sekundarschule vorzubereiten, dass sie ihrem Potenzial gemäss eingestuft werden. Die meisten Kinder stammen aus Somalia, der Türkei, Albanien, Tibet und Pakistan.

Dabei versteht sich «Fit für die Sek» nicht als Konkurrenz zum Unterricht im Schulzimmer. Schulleiterin Futter nahm sich deshalb viel Zeit, ihr Lehrerteam für «Fit für die Sek» zu gewinnen. «Das Projekt sieht sich als Ergänzung zur schulischen Förderung, indem darin bewusst die elterliche Seite unterstützt wird.» Der Samstagskurs leiste einen wichtigen Beitrag, Kindern mehr Chancengleichheit zu bieten. Dass diese gewährleistet ist, hat auch die externe Projektevaluation von 2015 ergeben. Mittlerweile ist der Ruf des Projektes so gut, dass er ab August auf drei Gruppen ausgebaut wird.

Die Schüler scheinen das Angebot zu schätzen. «Ich lerne hier, wie ich lernen kann», sagt ein Mädchen. Ein Junge sagt, im Kurs könne er in Ruhe die Hausaufgaben lösen und bekomme Hilfe, wenn er etwas nicht verstehe. Die Rückmeldung vonseiten der Schule ist durchwegs ­positiv. Schulleiterin Futter sagt: «Alle Kinder sind durch die Erfolgserlebnisse selbstbewusster und fröhlicher ge­worden.»

Viermal Schule für die Eltern

Wir wechseln für einige Minuten in den Singsaal des Schulhauses. Dort sind derweil die Eltern der «Fit für die Sek»-Kinder versammelt. Sie lauschen den Worten von Erwachsenenbildnerin Gabi Woer­len, die über das Thema Pubertät referiert. An vier Samstagen pro Jahr sind die Eltern zum Kursbesuch verpflichtet. Mit dem erworbenen Wissen sollen sie ihre Kinder besser begleiten können. Gleichzeitig wird über die Diskussion in Kleingruppen die sprachliche Integration gefördert. Um eine Rück­meldung gefragt, sagen alle: «Wir sind dankbar, dass es das Projekt gibt.»

Ein gutes Übungsfeld bietet das Projekt auch für die Kurslehrer Leila Stierli und Thomas Mauchle. Die beiden sind im letzten Jahr ihrer Quereinsteiger-Ausbildung an der PHZH. Mauchle: «Hier kann ich ohne Notendruck und Elternarbeit Unterrichtsformen ausprobieren und festigen.» Zudem schätze er, über ein Jahr eine konstante Gruppe von Kindern begleiten zu können. Stierli konnte im Projekt jene Erfahrungen sammeln, wie sie in keinem Praktikum möglich gewesen wären. Nicht zuletzt wegen des Projektes treten beide im Sommer eine Stelle im Schulhaus Ruggächer an. «Fit für die Sek» bleiben sie auch dann noch treu, Stierli übernimmt dabei den Trainervorsitz, weitere PH-Studenten sollen nachrücken.

Die einzig offene Frage fürs nächste Jahr ist jene der Spendengelder. In welcher Höhe sie fortan fliessen, ist noch unklar. Sontheim ist aber zuversichtlich und meint: «Wir erschliessen derzeit eine neue Finanzquelle.» Auch mit der Stadt Zürich ist sie im Gespräch. Wenn alles eingefädelt und das neue Schuljahr reibungslos angelaufen ist, wird sich Sontheim aus dem Schulzimmer zurückziehen und sich nur noch um die strategischen Belange des Projektes kümmern. Obwohl sich Sontheim für ihre Herzensangelegenheit nie einen Lohn ausbezahlt hat, schaut sie erfüllt auf das Geleistete zurück. Sie sagt: «Es hat sich gelohnt. Das Projekt erfüllt seinen Zweck und würde sicher auch an anderen Schulen funktionieren.»

Erstellt: 24.04.2016, 23:14 Uhr

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