Ausgebremst und überholt

Seit Jahren arbeitet die Stadt Zürich an einem eigenen Veloverleih. Wann er fertig wird, ist offen. Nun hat eine Versicherung in kurzer Zeit ein eigenes Mietsystem aufgestellt.

Das E-Bike kann mittels einer App entsperrt und nach Gebrauch bei irgendeinem Veloständer abgestellt werden. Foto: Urs Jaudas

Das E-Bike kann mittels einer App entsperrt und nach Gebrauch bei irgendeinem Veloständer abgestellt werden. Foto: Urs Jaudas

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Seit gut einer Woche hat Zürich ein elektronisches Veloverleihsystem. Nur ist es nicht das, welches linksgrüne Zürcher Politiker seit fast zehn Jahren fordern.

Smide heisst es, dazu gehören 200 E-Bikes, verteilt in der Innenstadt. Aufgestellt hat es nicht die Stadt Zürich, sondern die Berner Mobiliar-Versicherung. Von der Idee bis zur Ausführung vergingen rund eineinhalb Jahre.

Ein hohes Tempo. Die Realisierung des städtischen Veloverleihs – als Idee 2007 lanciert und 2009 vom Gemeinderat beschlossen – wurde immer wieder verschoben. Wann er starten kann, bleibt weiterhin unklar. Ein Rekurs blockiert das Projekt. Die Stadt übergibt den Betrieb der 100 Stationen und der rund 1500 Velos einem privaten Anbieter. Die Ausschreibung gewonnen hat Publibike, das der Postauto AG und den SBB gehört. Eine andere Firma, die den Auftrag nicht bekam, wehrt sich nun juristisch gegen die Niederlage. Eine Klage hat das Bundesgericht bereits abgewiesen, eine weitere bearbeitet seit dem Sommer das Verwaltungsgericht.

Bei der Stadt will man nicht ab­schätzen, wie viel Zeit die Rekursver­fahren beanspruchen. «Ist der Rechtsweg in unserem Sinne abgeschlossen, kann der Verleih etappenweise eingerichtet werden», sagt Pio Sulzer, Sprecher des zuständigen Tiefbaudepartements. Wie lange es danach noch dauere, bis das erste Velo verliehen wird, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls nicht sagen.

100 eigene Verleihstationen

Bezüglich Tempo hat die Mobiliar einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Stadt: Smide-E-Bikes kann man an allen herkömmlichen Veloabstellplätzen stehen lassen. Smide benötigt also keine Veränderungen in den Strassen, es nutzt lediglich die bestehende Infrastruktur. Publibike wird hingegen 100 eigene Verleihstationen erstellen; 40 in der Innenstadt sowie je 20 in Wipkingen, Oerlikon und Altstetten. Später sollen 50 Standorte in weiteren Stadtteilen dazukommen.

Der Bau dieser Velostationen kostet mehrere Millionen Franken. Dazu kommt, dass sie je nach Ausstattung eine Baubewilligung benötigen. Man kann also gegen sie rekurrieren, was das Projekt anfällig macht auf weitere Ver­zögerungen. Einen Ansatz ohne fixe Stationen habe die Stadt nicht geprüft, sagt Pio Sulzer. «Als wir die Dienstleistung vor zwei Jahren ausschrieben, waren solche Free-Floating-Systeme noch kaum ein Thema.»

Mit den Smide-Bikes nutzt die Mobiliar den öffentlichen Grund für ein privates Geschäft. Deswegen könnte die Stadt von ihr Gebühren verlangen. Doch weil es nur 200 Velos sind, hat sie erst einmal darauf verzichtet. Würde die Versicherung ihr Angebot ausbauen und die Anzahl Fahrräder stark erhöhen, müsste man diese Frage nochmals prüfen, sagt Pio Sulzer. Jana Lév, Projektverantwortliche bei der Mobiliar, sagt: «Derzeit müssen wir keine Konzessionen vonseiten der Stadt erfüllen.»

Die Versicherung hat sich im Vorfeld bei den zuständigen Stellen gemeldet und das Vorhaben abgesprochen. Das Tiefbaudepartement steht der Konkurrenz positiv gegenüber. «Grundsätzlich begrüssen wir auch private Initiativen der Veloförderung. Wir sind gespannt, was die Mobiliar für Erfahrungen macht», sagt Pio Sulzer.

Ausserdem unterscheiden sich die Angebote. Jenes der Stadt wird voraussichtlich günstiger ausfallen als das der Mobiliar. Und ein Teil der städtischen Mietvelos wird keinen elektrischen Antrieb haben.

Soll Veloskeptiker überzeugen

Auch unter Velofreunden begrüsst man Smide. «Wir glauben, dass es einen Umsteigeeffekt bewirken kann», sagt Simone Feigl von Pro Velo. Als mögliche Zielgruppe sieht sie Menschen, die in Zürich arbeiten und Velofahren sympathisch finden, bisher aber gewisse Vorbehalte dagegen gehabt hätten; zum Beispiel, dass man zu stark schwitze dabei oder dass es zu anstrengend sei. «Die schnellen E-Bikes entkräften solche Bedenken», sagt Feigl. Dass man die Velos überall hinstellen könne, bedeute einen weiteren grossen Vorteil. «Dies macht das System sehr flexibel.»

Der Preis scheine mit 25 Rappen pro Minute ziemlich hoch, sagt Simone Feigl. Normale Velofahrer schrecke dies wohl eher ab. Aber das Angebot sei mehr als ein Veloverleih, man könne es fast mit einem Carsharing-System wie Mobility vergleichen; auch weil man für die Smide-Velos einen Fahrausweis braucht. «Und durch ihren hohen Preis könnten die E-Bikes durchaus ein gewisses edles Image transportieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2016, 00:08 Uhr

So funktioniert die E-Bike-Miete

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