Ausgekaut, ausgespuckt – und dann wirds Kunst

Der Künstler Ben Wilson hat innert vier Tagen 20 Miniaturen auf Zürichs Strassen gemalt. Als Untergrund nutzte er Kaugummis, die auf dem Pflaster kleben. Das hat einen Grund.

Scharf beobachtet: Der Künstler Ben Wilson kreiert ein Kunstwerk beim Cabaret Voltaire unter den Augen einer Bewunderin.

Scharf beobachtet: Der Künstler Ben Wilson kreiert ein Kunstwerk beim Cabaret Voltaire unter den Augen einer Bewunderin. Bild: zvg

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Man muss zweimal hinsehen, um zu erkennen, was da auf dem Boden ist. Ein verlorener Ohrring? Eine Brosche? Ein anderes Schmuckstück? Nein, ein Gemälde. Auf einem ausgespuckten, auf dem Pflaster festgetretenen Kaugummi. 20 dieser Miniaturen schmücken seit Ende August Zürichs Strassen. Wo sie sich befinden, ist auf einer Karte festgehalten, die seit kurzem im Musée Visionnaire gratis bezogen werden kann.

Gemalt hat die Werke in leuchtenden Acrylfarben der britische Street-Art-Künstler Ben Wilson, der auf Einladung des Musée in die Stadt kam. In nicht weniger als vier Tagen hat er die Bilder kreiert – und das mit einer Präzision und Akribie, die einen in Staunen versetzt. Selbst kleinste Details sind auf den platt gewalzten Flecken zu erkennen: eine Frau beim Biertrinken am Bistrotisch, eine Familie im Garten, ein Reiter mit Ross.

Auf dem Boden die Realität

Manchmal sind auch ganz konkrete Orte auf den Gemälden auszumachen. Beispielsweise der Freitag-Turm beim Geroldareal, eine Tramhaltestelle, das Toni-Areal an der Pfingstweidstrasse. Das ist natürlich alles kein Zufall. «Wilsons Miniaturen stehen immer in einem Zusammenhang mit dem Fundort des Kaugummis und mit den Leuten, die er dort während des Malens antrifft», sagt Yvonne Türler, Projektleiterin beim Musée Visionnaire.

Sechs Stunden Arbeit: Das Kaugummibild beim Cabaret Voltaire (Bild: zvg)

So habe der Künstler an einem Kaugummibild, das beim Cabaret Voltaire entstanden ist, über sechs Stunden gearbeitet. «Schwarzweiss sind die Dadaisten dargestellt, dazu hat er einen Hasen gezeichnet, den er auf der Hose eines Mädchens entdeckt hat, das ihn beim Malen beobachtete», sagt Türler. Beim Musée Visionnaire habe er das Bild eines Spiegeleis auf einen Kaugummi gemalt, weil er von seiner Gastgeberin, die dort in der Nähe wohnt, am Morgen jeweils zum Frühstück ein Ei serviert bekommen habe.

Ein Statement gegen das Littering

Wilsons Kunst ist nicht nur ein Statement gegen das Littering, sondern auch für Toleranz und Vielfalt. «Er will aus etwas Hässlichem etwas Schönes und Positives machen», sagt Türler. Seine bunten Bilder stünden im krassen Kontrast zu den anderen Kaugummis, die überall auf der Strasse kleben. «Auch mir wurde erst dank Ben Wilson bewussst, wie stark verklebt selbst Zürichs Strassen sind und wie eklig das eigentlich ist.» In London, wo der Street-Art-Künstler bereits über 10'000 dieser kleinen Originale geschaffen hat, ist er mehrmals wegen Sachbeschädigung verhaftet worden. «Inzwischen hat man auch dort gemerkt, dass nicht seine Kunst die Sachbeschädigung ist, sondern die Kaugummis», sagt Türler.

Frau mit Bier: Dieses Bild entstand beim Café Zähringer (Bild: zvg)

Eine Bewilligung für sein Wirken hat Wilson allerdings auch in Zürich nicht erhalten. Das hängt mit seiner Arbeitstechnik zusammen: Um sein Werk haltbar zu machen, erhitzt der Künstler die Kaugummimasse zunächst mit einem Gasbrenner. Dann glättet und lackiert er sie, bevor er die Akrylfarbe aufträgt. «Die Stadt hat unseren Bewilligungsantrag mit der Begründung abgelehnt, dass durch das Aufheizen des Kaugummis der Asphalt beschädigt werden könnte und dass Markierungen auf Strassen nur mit wasserlöslichen Farben angebracht werden dürfen», sagt Türler. Man habe deshalb Stellen auf Privatgrund gesucht, wo er die Miniaturen malen konnte.

Schulklasse besorgte das Geld

Auch die Finanzierung der Aktion war nicht leicht. Üblicherweise bekommt Wilson für seine Kunst Geld von den Leuten, die ihn beim Malen auf der Strasse antreffen und ihm das Werk für 20 oder 30 Franken abkaufen. Wer für das Bild bezahlt, gilt als dessen Besitzer, und weil das Werk nicht mit nach Hause genommen werden kann, stellt der Maler auf der Miniatur einen Bezug zum Käufer her. Das sei allerdings in Zürich nicht möglich gewesen, weil Strassenkünstler hier kein Geld annehmen dürfen, sagt Türler. «Wir mussten das Geld daher auf andere Weise beschaffen.»


Sammeln für Wilson: Eine Schulklasse hat dafür gesorgt, dass der Künstler nach Zürich reisen konnte.

Die Hilfe kam schliesslich von einer Schulklasse, die in den Räumlichkeiten des Museums regelmässig zum Unterricht kommt. Die Schülerinnen und Schüler seien von Ben Wilson so begeistert gewesen, dass sie eine Sammelaktion lancierten: Sie haben ein Fest organisiert, Esswaren und Selbstgebasteltes verkauft und mit einem Film für Spenden geworben. Laut Türler kamen so 5500 Franken zusammen. «Mit dem Betrag konnten wir nicht nur den Künstler nach Zürich holen, sondern auch einen Film und die Stadtkarte zur Kunstaktion finanzieren.»

Wilsons Chewing-Gum-Art ist Teil der Ausstellung «Himmelsstürmer*innen auf Kurs», die den Fokus auf Künstlerinnen und Künstler richtet, welche sich mit ihren Werken nicht durch reale Gegebenheiten einschränken lassen. Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Februar 2020 im Musée Visionnaire am Predigerplatz 10 in Zürich zu sehen.

Erstellt: 08.10.2019, 17:00 Uhr

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