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«Ausländer irritiert, dass sie nur als Steuerzahler dazugehören»

Sie sind für Zürich Segen und Herausforderung zugleich: die 30- bis 39-Jährigen. Stadtentwicklerin Anna Schindler erklärt, weshalb.

Mit Anna Schindler sprach Hannes Nussbaumer
Jeder zweite 30- bis 39-jährige Zürcher hat keinen Schweizer Pass: Manche leben vorzugsweise unter ihresgleichen – etwa in einem Zürcher Pub beim Fussball-Gucken.
Jeder zweite 30- bis 39-jährige Zürcher hat keinen Schweizer Pass: Manche leben vorzugsweise unter ihresgleichen – etwa in einem Zürcher Pub beim Fussball-Gucken.
Urs Jaudas

«Stadt der Zukunft» heisst das Programm, in dessen Rahmen sich die Stadt Zürich mit den 30- bis 39-Jährigen befasst. Warum verkörpert diese Altersgruppe für Sie die Zukunft?

Natürlich gehören auch die Jüngeren zur Zukunft. Dass wir auf die 30- bis 39-Jährigen fokussiert haben, liegt einmal daran, dass diese Altersgruppe die zahlenmässig grösste und volkswirtschaftlich sehr wichtig ist. Diese Leute sind fertig ausgebildet, arbeiten viel und verdienen gut. Hinzu kommt: Nahezu jeder Zweite aus dieser Gruppe hat keinen Schweizer Pass. Diese Leute tragen zwar viel zu unserem Wohlstand bei, haben aber nichts zu sagen. Auch unter den Studierenden hat es viele Ausländer, doch nicht wenige gehen nach dem Studium wieder, nicht zuletzt wegen der Drittstaatenregelung. Von den 30- bis 39-Jährigen wollen aber drei Viertel hier bleiben.

Knapp 100'000 Zürcherinnen und Zürcher sind 30- bis 39-jährig. Gewöhnlich heisst es, die Gesellschaft sei am Überaltern. Ist Zürich ein Spezialfall?

Ja. Was Zürich erlebt, ist typisch für starke Wirtschaftszentren mit attraktivem Jobangebot. London oder New York haben ein ähnliches Durchschnittsalter wie Zürich. Einmalig in Europa ist der hohe Ausländeranteil, den Zürich bei dieser Altersgruppe aufweist – er liegt bei 48 Prozent.

Noch in den 90er-Jahren dominierten in Zürich die Über-60-Jährigen. Was ist passiert?

Es sind hauptsächlich zwei Gründe, die Zürich immer jünger machen. Erstens der Geburtenüberschuss: Seit 2000 steigt die Geburtenrate an, aktuell ist sie so hoch wie noch nie. Wir zählten in Zürich im vergangenen Jahr 5240 Geburten. Zweitens die Zuwanderung – die Personenfreizügigkeit mit der EU ist die Hauptursache für Zürichs Verjüngung. Die Einwanderung aus der EU hat sich inzwischen allerdings abgeflacht. Die – ebenfalls intensive – Wanderung innerhalb der Schweiz ist dagegen konstant. Insgesamt gilt: Es handelt sich hier um eine Arbeitsmigration. Die allermeisten der zugewanderten 30- bis 39-Jährigen kommen wegen eines Jobs. Bei einigen wenigen ist auch die Liebe der Grund.

Das heisst dann aber auch: Die meisten sind immer auf dem Sprung zum Weiterziehen?

Tatsächlich ist diese Altersgruppe mobil. Interessant ist allerdings: Wenn diese Leute, die aus dem Ausland nach Zürich gekommen sind, wieder weiterziehen, dann in aller Regel in eine andere Zürcher Gemeinde.

Was sind das für Leute, die 30- bis 39-Jährigen?

92 Prozent stehen im Erwerbsleben, Frauen wie Männer. 70 Prozent haben eine Uni- oder Fachhochschulausbildung, viele arbeiten Vollzeit und verdienen vergleichsweise viel. Und sie sind die Generation Stress – sie selber sprechen von der «Rushhour of Life». Es ist die erste Generation, die sozusagen mit Social Media gross geworden ist. Es gilt: Man macht nichts, ohne es zu posten. Gleichzeitig handelt es sich um die erste Generation, welche die Gleichberechtigung wirklich praktiziert, gerade auch, wenn Kinder da sind. Daher ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hier ein grosses Thema.

Was bedeutet Zürichs Verjüngung nun für die Stadt?

Wir machten eine Studie zu diesem Thema. Unser Ausgangspunkt war: Diese Leute sind wichtig für die Stadt. Wir möchten, dass sie hier bleiben. Also wollten wir wissen, was diese Menschen umtreibt und wo sie Verbesserungen wünschen. Es sind namentlich drei Bereiche: neben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Wohnungssituation sowie das Mitreden-Können beziehungsweise Nicht-mitreden-Können. In einer Stadt, in der alle halbwegs wichtigen Fragen direktdemokratisch entschieden werden, erlebt man das Ausgeschlossensein besonders ausgeprägt. Für Ausländer, die hier bleiben und sich hier integrieren wollen, ist es irritierend, dass sie nur als Steuerzahler voll dazugehören. Da muss sich die Stadt fragen, welche Formen es gibt, um diese Leute mitgestalten zu lassen.

Sie fordern einen weiteren Anlauf, um das kommunale Ausländerstimmrecht einzuführen?

Das haben wir nun genug oft versucht. Das kommunale Ausländerstimmrecht hat im Kanton Zürich aktuell wohl keine Chance – auch wenn es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Bereits heute können Ausländerinnen und Ausländer Petitionen unterschreiben und lancieren. Und sie können sich in einer Partei engagieren. Darüber hinaus denken wir darüber nach, wie Nicht-Schweizer auf Quartierebene in die Gestaltung eingebunden werden könnten.

Das heisst?

Wichtig ist, dass es Beteiligungsformen mit Verbindlichkeit sind. Ausländerinnen und Ausländer pro forma an Konsultativabstimmungen teilnehmen zu lassen, bringt nicht viel. Es gibt Städte, die vorbildliche Mitbeteiligungsverfahren aufgegleist haben, etwa Barcelona, Talinn oder Reykjavik. Da werden die Leute aufgefordert, Ideen einzubringen. Diese werden ausgeschrieben, danach stimmen die betroffenen Quartierbewohner über die Realisierung ab, und zwar einheimische wie zugewanderte.

Das wäre dann sozusagen eine Alternative zur klassischen direkten Demokratie? Nicht eine Alternative – die klassische Demokratie lässt sich nicht aushebeln und soll auch nicht ausgehebelt werden. Es geht um ihre Ergänzung. Das Verhältnis zwischen In- und Ausländern hat sich in den Jahren stark verändert – dem müssen wir auf Gemeindeebene Rechnung tragen. Was die nationale Politik betrifft, verfolgt ein Deutscher oder eine Engländerin weiterhin vor allem das, was in der Heimat geschieht. Auch das Kantonale interessiert sie kaum. Aber im Lokalen möchten sie mitreden können.

Mit dem «Stadt der Zukunft»-Programm kümmert sich die Stadt um eine Altersgruppe, die sich auch selber, ohne öffentliche Beihilfe, behaupten kann.

Wir interessieren uns für diese Altersgruppe, weil sie wichtig ist – für Zürich, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Natürlich können sich diese Leute dank ihrer guten materiellen Situation selber helfen. Trotzdem kann uns die Bevölkerungsentwicklung nicht egal sein. Wenn man diese einfach laufen lässt, haben wir am Ende eine Gesellschaft, in der gerade unter den Jüngeren ein Grossteil von der Partizipation ausgeschlossen ist. Abstimmen tun dann vor allem noch jene, die im Pensionsalter oder darüber sind. Die Folge wäre, dass sich die politischen Behörden noch weiter entfernen von der heterogenen Bevölkerung. Und das kann nicht im Interesse der Stadt sein. Daher müssen wir etwas unternehmen.

Und was konkret bringt nun das «Stadt der Zukunft»-Programm?

Es ist nicht so, dass wir etwas Pfannenfertiges parat haben. Wir sind am Sammeln. An den «Stadt der Zukunft»-Veranstaltungen geht es darum, die entscheidenden Punkte zu besprechen. Am Ende schreiben wir einen Bericht mit konkreten Ideen. Unser Ziel ist, dass wir der Politik einige Massnahmen empfehlen können. Gleichzeitig geht es aber auch darum, Überlegungen zu formulieren, die dann weiterdiskutiert werden können.

Am kommenden Montag, 18.30 Uhr, findet im Kraftwerk, Selnaustrasse 25, die «Stadt der Zukunft»-Schlussveranstaltung statt. Programm und Anmeldung auf der Website der Stadt Zürich.

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