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Ausländeranteil in Zürich so hoch wie letztmals 1914

Woher die Zugewanderten kommen, in welchen Quartieren sie wohnen und welchen Einfluss sie auf Sprache und Religion haben.

Multikulti-Stadt: Zürcherinnen und Zürcher flanieren auf der Bahnhofstrasse.
Multikulti-Stadt: Zürcherinnen und Zürcher flanieren auf der Bahnhofstrasse.
Keystone

Die Geschichte Zürichs ist auch eine Geschichte der Immigration. Schon beim Ausbau Zürichs zur Grossstadt, der sich um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert vollzog, spielten Zuwanderer eine entscheidende Rolle. Die Industrialisierung führte damals zur Landflucht und zu einem sprunghaften Bevölkerungswachstum vor allem in den Zürcher Vororten.

Es kamen aber nicht nur Menschen aus der Umgebung und anderen Kantonen in die Stadt, sondern auch viele Ausländerinnen und Ausländer. Um das Jahr 1912 stellten sie mehr als 34 Prozent der Bevölkerung. Dann brach in Europa die Zeit der grossen Kriege aus und viele verliessen die Schweiz wieder, weil die Männer von den Armeen ihrer Heimatländer in den Dienst eingezogen wurden. Die schwache Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg und eine restriktive Asylpolitik in den darauffolgenden Jahren taten ihr übriges: Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung nahm auch in Zürich stark ab. 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, betrug er gerade noch 6,8 Prozent.

Höchster Stand seit über 100 Jahren

Doch Industrie und Infrastruktur waren in der Schweiz intakt geblieben. Der Wirtschaftsboom in den 1950er-Jahren leitete eine Trendwende ein. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften kamen zunehmend ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter nach Zürich. Ganze Stadtquartiere wie der Kreis 4 verwandelten sich durch die starke Zuwanderung von bisher schweizerisch geprägten Arbeiterquartieren in multikulturelle Schmelztiegel.

Seither hat Zürich nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Jahrzehntelang blieb die Zuwanderung hoch, ausserdem trug die Demografie ihren Teil bei: Ausländische Frauen weisen eine höhere Geburtenrate auf als Schweizerinnen. Weil viele ihrer Kinder in Zürich bleiben und hier älter werden, steigt der Ausländeranteil kontinuierlich. Heute beträgt er 32,4 Prozent – das ist der höchste Stand seit über 100 Jahren.

Jeder dritte Einwohner hat heute einen ausländischen Pass. Und Zürich ist vielfältig: Menschen mit 171 verschiedenen Nationalitäten leben in der Stadt, darunter solche aus Tansania, Kirgisistan und Guyana. Die dominierenden Herkunftsländer sind aber europäisch.

Ab den 1950er-Jahren kamen vor allem Menschen aus Italien, um hier zu arbeiten. Auf dem Höhepunkt 1970 stammte beinahe jede zweite Person mit ausländischem Pass aus unserem südlichen Nachbarland. In den 80er- und vor allem in den 90er-Jahren waren es Familien aus Sri Lanka und dem damaligen Jugoslawien, die vor Bürgerkriegen nach Zürich flohen. Und in den letzten Jahren sind vermehrt unverheiratete Personen, die über eine höhere Berufsbildung beziehungsweise einen Universitätsabschluss verfügen, einer Arbeitsstelle wegen nach Zürich gezogen.

Viele von ihnen kommen aus dem EU/Efta-Raum. Seit dem Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens 2002 haben sich die Arbeitsbedingungen für EU-Bürgerinnen und -Bürger in der Schweiz vereinfacht. Das nutzten in erster Linie Deutsche. Sie machen heute fast ein Viertel der ausländischen Bevölkerung in Zürich aus.

Deutschland ist seit dem Jahr 2003, als es Italien an der Ranglistenspitze ablöste, die am stärksten vertretene ausländische Nation. Seither hat sich die Zahl der Deutschen in Zürich von 16'000 auf 34'000 mehr als verdoppelt, während die Anzahl Italienerinnen und Italiener bei knapp 15'000 Personen stagnierte, was sicher auch mit Einbürgerungen zu tun hat.

Trotzdem stellt unser südliches Nachbarland immer noch die zweitgrösste Ausländergruppe. Dahinter folgen mit einigem Abstand Portugal, Spanien, Österreich und Frankreich. 80 Prozent der Stadtzürcher Ausländerinnen und Ausländer kommen aus Europa, 10 Prozent aus Asien sowie je 5 Prozent aus Amerika und Afrika.

Doch wo wohnen die Zugezogenen aus dem Ausland eigentlich? Ihr Anteil variiert je nach Quartier erheblich.

Den höchsten Ausländeranteil weist Schwamendingen auf: Fast die Hälfte (42,3 Prozent) der Einwohner des Quartiers hat keinen roten Pass. Vergleichsweise multikulturell sind auch Seefeld und Seebach mit jeweils über 39 Prozent. Wenig Ausländer wohnen hingegen in Höngg, Witikon und vor allem Friesenberg, wo sie nur 18,5 Prozent der Bevölkerung stellen.

Einfluss auf Sprache und Religion

Die stete Zuwanderung und der wachsende Ausländeranteil wirken sich auf das Leben in Zürich aus. So ist das Deutsch lange nicht mehr so dominierend wie einst. Bis in die 1950er-Jahre bezeichneten noch über 90 Prozent der Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch als ihre Hauptsprache. Seither hat dieser Anteil schleichend abgenommen.

Heute ist Deutsch mit 78 Prozent zwar immer noch die häufigste Sprache in Zürich, klar vor Englisch (10 Prozent), Italienisch und Französisch. Bestimmte ausländische Sprachen haben sich aber stark ausgebreitet, vor allem Englisch. Bis zur Jahrtausendwende gab es noch weniger als 2 Prozent englische Muttersprachler in Zürich, heute sind es fünfmal mehr.

Italienisch, das bei den ausländischen Sprachen einst fast so dominant war wie heute Englisch, hat seit den 70er-Jahren an Bedeutung eingebüsst. Interessanterweise wurde in den letzten 17 Jahren aber wieder ein Anstieg verzeichnet. Auch Französisch wird heute deutlich öfter gesprochen als noch zur Jahrtausendwende. Der Anteil von Sprachen aus dem Balkan ist seit der ersten Erfassung im Jahr 2010 in etwa gleich geblieben.

Dafür hat die Immigration aus Südosteuropa und aus anderen Gegenden dafür gesorgt, dass sich das Verhältnis der Religionen in der Stadt verändert hat. 1990, vor dem Ausbruch der Jugoslawienkriege, waren nicht einmal 2 Prozent der Menschen in Zürich muslimischen Glaubens. Bis 2016 stieg ihr Anteil auf 6,1 Prozent.

Gleichzeitig nahm die Bedeutung der katholischen und insbesondere der reformierten Kirche stark ab. War das Christentum in Zürich 1970 mit über 92 Prozent noch die mit Abstand stärkste Religion, verlor es über die Jahre immer mehr an Bedeutung – zu einem kleinen Teil auf Kosten des Islam, vor allem aber auf Kosten von Konfessionslosen, also Leuten, die aus der katholischen oder reformierten Kirche ausgetreten sind.

Zürich ist im Wandel. Und einen Anteil daran haben die Ausländerinnen und Ausländer, die das Leben in der Stadt durch ihre Sprachen und ihre Lebensweisen mitprägen. Je mehr unterschiedliche Nationalitäten in der Stadt wohnen, desto grösser wird die sprachliche und kulturelle Vielfalt. Aufgrund der Zuwanderung steigt zudem nicht nur die Bevölkerungszahl, sondern es ändert sich auch die soziodemografische Zusammensetzung: Zürich wird jünger – und internationaler.

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