Im Niederdorf schnappt die Bussenfalle zu

Seit Jahren hoffen Anwohner in der Zürcher Altstadt auf mehr Ruhe in der Nacht. Doch selbst Überwachungskameras nützen kaum – dafür gibts Bussen in Millionenhöhe.

Fahren trotz Verbot: Im Niederdorf nehmen die Automobilisten Bussen in Kauf.

Fahren trotz Verbot: Im Niederdorf nehmen die Automobilisten Bussen in Kauf. Bild: Dominique Meienberg

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Es ist ihnen nicht beizukommen, den unbelehrbaren Autofahrern, die nachts durch die Zähringer- und Häringstrasse in der Zürcher Altstadt kreuzen. Nach einem Versuch mit Barrieren setzt die Stadt seit nunmehr einem Jahr automatische Zufahrtskontrollen, also mobile Kameras, ein, um das dortige Nachtfahrverbot zwischen 22 und 5 Uhr umzusetzen und fehlbare Fahrer zu büssen. Mit verhaltenem Erfolg.

Bei der automatischen Zufahrtskontrolle erfasst die Kamera sämtliche Nummernschilder der zufahrenden Fahrzeuge. Wer über keine Bewilligung verfügt, wird vom System erfasst, die Lenker erhalten eine Busse. Im Quartier werde diese Massnahme zwar begrüsst, sagt Peter Rothenhäusler, Präsident des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat. «Wir sind aber erstaunt, dass trotzdem noch immer so viele Leute in die Zähringerstrasse fahren.»

Komplizierte Tafeln

Einige würden es wohl einfach in Kauf nehmen, gebüsst zu werden, sagt Rothenhäusler. Andere dürften schlicht das Verkehrsschild nicht verstehen. Die Tafel mit allen Angaben zu den Sonderregelungen sei recht kompliziert, sagt der Quartiervereinspräsident. «Wir haben der Stadt deshalb vorgeschlagen, dass sie eine Fahrverbotstafel montiert und nur die Ausnahmen zusätzlich auflistet. Das wäre eindeutiger.»

Problematisch sei auch der illegale Verkehr durch die Kirchgasse, die das Niederdorf kreuzt. Laut Rothenhäusler nutzen viele diese Strecke, um nicht übers Bellevue fahren zu müssen. «Sie sind zum Teil sehr schnell unterwegs und gefährden alte Leute und Kinder. Auch dieses Fahrverbot wird nicht eingehalten – hier müsste öfter mit der Kamera kontrolliert werden.»

Stadt kauft weitere Kameras

Bei der Stadt hat man das Problem erkannt. Die Signalisation beim Zähringerplatz wurde als erste Massnahme bereits geändert, wie Polizeisprecher Marc Surber auf Anfrage sagt. Geplant sei zudem, dass Ende 2019 oder Anfang 2020 zwei weitere Überwachungskameras angeschafft werden. «Ob noch weitere Kameras hinzukommen und ob diese fixe Standorte erhalten, wird vom Sicherheitsdepartement geprüft», sagt Surber.

Viel Text: Die Verbotstafel beim Zähringerplatz (Bild: Dominique Meienberg)

Derzeit setzt die Polizei vier mobile Kameras auf dem ganzen Stadtgebiet an verschiedenen Standorten ein – im Bereich des Langstrassenquartiers oder im Niederdorf. «Wann welche Zufahrten zu Nachtfahrverbotszonen kontrolliert werden, kann nicht im Voraus gesagt werden, weil die Kameras alternierend an verschiedenen Standorten eingesetzt werden», sagt der Polizeisprecher.

1,2 Millionen Franken Busseneinnahmen

Seit dem Einsatz der Kameras sei die Zahl der Übertretungen an der Zähringer- und Häringstrasse von rund 320 auf 270 an einem Wochenende zurückgegangen. «Die Tendenz ist leicht sinkend. Diese Entwicklung entspricht allerdings noch nicht dem erwünschten Umfang.»

Auf dem gesamten Stadtgebiet hat die Polizei im ersten Halbjahr 2019 dank der neuen Kameraüberwachung rund 12’000 Übertretungen des Nachtfahrverbots registriert. Laut Surber entspricht das einem Ertrag von circa 1,2 Millionen Franken. Das Geld könne allerdings nicht wie vom Quartiervereinspräsidenten gewünscht für den Kauf neuer Kameras verwendet werden. «Die Busseneinnahmen muss die Stadtpolizei budgetieren. Sie fliessen in die Stadtkasse.»

Keine Option ist das Anbringen von Barrieren, um die Nachtruhe im Niederdorf zu wahren. Aus Kostengründen. Die Stadt hat die 70 Barrieren, die sie 2012 an verschiedenen Stellen – unter anderem auch an der Zähringerstrasse – installiert hatte, vor vier Jahren wieder abgebaut. Der Betrieb dieser Barrieren verursachte Kosten von rund einer Million Franken, weil sie von externen Sicherheitsdiensten bedient werden mussten.

Erstellt: 29.10.2019, 12:00 Uhr

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