«Bei der Infrastruktur sind wir unattraktiv»

Gregor Zünd, Direktor des Universitätsspitals Zürich, will zusätzliche Chefposten schaffen, um Spitzenmediziner nicht an die Konkurrenz zu verlieren.

Der neue Chef: Gregor Zünd im Notfall des Universitätsspitals. Foto: Urs Jaudas

Der neue Chef: Gregor Zünd im Notfall des Universitätsspitals. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Unispital leidet unter der Konkurrenz von Hirslanden. Immer wieder wechseln Spitzenmediziner zur Klinik Hirslanden. Was hat diese, was das Unispital nicht hat?
Das Hirslanden ist anders organisiert als wir. Das hat mit unserer Funktion zu tun. Wir sind ein hoch spezialisiertes Universitätsspital mit Aufgaben in Lehre und Forschung. Das Hirslanden hat eine flache Organisation. Sein Hauptziel ist es, einen optimalen Spitalbetrieb zu ermöglichen. Bei uns haben wir pro Fachgebiet eine Pyramide. Unsere Hierarchie ist so: Klinikdirektor, der zugleich das Fach an der Universität als Professor vertritt, leitende Ärzte, Oberärzte mit erweiterter Verantwortung, Oberärzte, Oberassistenten, Assistenten, Unterassistenten, Studenten. Dieses Pyramidenmodell ist aus meiner Sicht kaum zukunftsorientiert.

Was ist die Alternative?
Wir müssen neue Modelle diskutieren. Ich kann mir ein Säulensystem vorstellen. Alle Subspezialitäten sollten ihre eigene Organisation und ihren Leiter oder ihre Leiterin haben. So haben Spezialisten die Chance, in ihrem Fachgebiet Chef oder Chefin zu werden. Das ermöglicht ambitionierten Ärztinnen und Ärzten, bei uns eine Karriere zu absolvieren. Es hat aber noch andere Vorteile. Die Entwicklung der Medizin läuft dahin, dass wir uns als Unispital in Subsubspezialitäten positionieren wollen, wobei die verschiedenen Subsubspezialitäten zwingend zusammenarbeiten müssen. Der verantwortliche Leiter im Pyramiden­modell kann sich heute immer weniger in allen Bereichen seines Fachs auskennen.

Vor einem Jahr wechselte der Speiseröhrenspezialist Paul Schneider zur Klinik Hirslanden. Der Fall wurde publik, weil das Unispital ihn mit einem Konkurrenzverbot daran hindern wollte. Das Gericht hat entschieden, das sei unzulässig. Weshalb ging Schneider?
Zum Einzelfall will ich keine Aussage machen. Aber in der Regel geht es um mehr Gestaltungsraum, mehr Eigenverantwortung, die wir in unserem System nicht einräumen können – und es geht ums Geld.

Andere Beispiele?
In der Herzchirurgie und der Kardiologie ging vor drei Jahren ein ganzes Team vom Unispital weg. Dort gab es eine ähnliche Diskussion. Die Ärzte sagten, wenn wir als Gruppe im Hirslanden zusammen sind, können wir mehr leisten, als wenn wir am Unispital unter verschiedenen Chefs arbeiten. Unsere leitenden Ärztinnen und Ärzte haben eine hohe Kompetenz und wissen in ihrem Fachgebiet viel mehr als ihr Chef, der Klinikdirektor. Wir brauchen diese Persönlichkeiten mit ihrem grossen Know-how. Wir müssen prüfen, wie wir sie besserstellen können.

Wie soll das konkret gehen?
Ich mache ein mögliches Beispiel: Unser heutiger Chef in der Kardiologie hat acht leitende Ärzte unter sich. Theoretisch könnte man daraus mehrere kleinere Lehrstühle formen.

Dazu wäre jetzt Gelegenheit. Der langjährige Klinikdirektor Thomas Lüscher wird 2017 pensioniert – die Professur ist ausgeschrieben.
Für ein neues Modell ist es noch zu früh. Die Diskussion mit der Universität steht ganz am Anfang.

Was sagen die Vertreter der Uni zu Ihren Vorschlägen?
Grundsätzlich sind sie offen für die Fragestellung. Es stellt sich aber auch die Frage nach den finanziellen Auswirkungen. Schaffen wir mehr Lehrstühle, wird der einzelne Professor wohl weniger Einrichtungs- und Betriebskredit zugeteilt bekommen.

Das widerspricht der Absicht von Unirektor Michael Hengartner, der international umworbene Forscher mit extrahohen Zahlungen für Zürich gewinnen will – namentlich in der Medizin. Wie beurteilen Sie die aktuellen Löhne der Zürcher Medizinprofessoren?
Diese setzen sich aus verschiedenen Teilen zusammen. Erstens gibt es das Professorengehalt der Universität, derzeit knapp 240'000 Franken. Zweitens verdient der Professor an den Zusatzhonoraren, die er in seiner Klinik erarbeitet.

Ist das nochmals etwa gleich viel?
Das kommt drauf an: auf die Grösse der Klinik, das Fachgebiet, den Anteil der Zusatzversicherten in dieser Klinik, die Anzahl honorarberechtigter Ärztinnen und Ärzte.

Wie sieht es im Vergleich mit andern Spitälern aus, die ebenfalls hoch qualifizierte Medizin machen?
Ich glaube, wir zahlen korrekte Saläre. In deutschen Universitätskliniken etwa verdienen die Chefärzte ähnlich viel.

Wenn sich ein Spitzenmediziner für eine Stelle im Unispital Zürich interessiert: Wie werben Sie ihn an?
Wir gehen ihn besuchen und diskutieren, was er sich vorstellt. Vielleicht braucht er für seine Forschung ein Gerät, das wir noch nicht haben. Dann prüfen wir zusammen mit der Universität, ob wir es anschaffen können. Oder er möchte gern zwei enge Kollegen mitnehmen. Dann prüfen wir auch das und machen es in der Regel möglich. So können wir im internationalen Wettbewerb um gute Leute bestehen.

In Fachkreisen hört man allerdings, die medizinische Fakultät Zürich habe zunehmend Mühe, ihre Lehrstühle hochkarätig zu besetzen.
Das kann ich nicht bestätigen. Wir finden nach wie vor sehr gute Leute, vor allem auch dank unserer Hochschulpartner, der Universität und der ETH. Zürich kann viel bieten, es ist bekannt als starker Innovationsstandort, wir werden vom staatlichen System gut getragen und erhalten auch viele Drittmittel. Einzig beim Thema Infrastruktur sind wir heute noch unattraktiv. Da hat – wenn wir zur Konkurrenz in Zürich zurückkehren – die Klinik Hirslanden einen Vorteil. Als privat organisiertes Spital ist sie flexibler und kann wenn nötig rasch etwas Neues bauen.

Auch punkto Lohn ist sie im Vorteil, in der Klinik Hirslanden können Ärztinnen und Ärzte einiges mehr verdienen als im Unispital.
Das ist so. Weil sie dort mehr halbprivate und private Patienten haben und weder Lehre noch Forschung betreiben.

Weshalb gelingt es dem Unispital nicht, den Anteil der Zusatzversicherten zu erhöhen? Dieser liegt bei gut 20 Prozent, im Hirslanden ist es umgekehrt.
Unser Auftrag ist nicht, primär Halb­private und Private zu behandeln. Unser Auftrag ist, die Bevölkerung des ganzen Kantons optimal und in hoher Qualität zu versorgen.

Man hört immer wieder, Hirslanden schiebe schwierige, finanziell unattraktive Patienten ans Unispital ab. Stimmt das?
Dazu haben wir keine Zahlen.

Aber Beispiele?
Ja, die gibt es. Ich möchte aber betonen: Die Klinik Hirslanden macht eine gute Medizin. Das müssen wir neidlos anerkennen. Eine Mehrheit ihrer Ärzte war früher am Unispital.

Die Hirslanden-Chefs sagten wiederholt, sie seien an Kooperationen mit öffentlichen Spitälern interessiert. Es gibt eine Zusammenarbeit mit Herzchirurg Carrel vom Inselspital, der auch in der Hirslanden-Klinik in Aarau operiert. Wie beurteilen Sie das?
Wir müssen uns fragen, was den Patientinnen und Patienten am meisten bringt. Meiner Meinung nach können wir unsere Ärzte nicht am Nachmittag in die Klinik Hirslanden delegieren, denn sie tragen Verantwortung hier im Haus. Wir arbeiten durchaus mit anderen Spitälern zusammen – mit dem Triemli zum Beispiel oder dem Waid. Wenn man aber mit einem Spital kooperiert, an dem die Ärzte viel mehr verdienen können, besteht die Gefahr, dass der Patient am andern Ort keine optimale Betreuung bekommt. Das sehen wir häufig in anderen Ländern. Dort beginnen die Professoren am Morgen im Universitätsspital, und bereits ab elf Uhr wechseln sie in die Privatklinik. Wir wollen keine Entwicklung zur Zweiklassenmedizin unterstützen, und wir wollen nicht, dass die Qualität bei uns leidet. Deshalb arbeiten unsere Leute nicht im Hirslanden.

Eine Zeit lang hat aber einer Ihrer bekanntesten Chefärzte, der Viszeralchirurg Pierre-Alain Clavien, auch in der Klinik Hirslanden operiert.
Das war ein Versuch, den wir inzwischen beendet haben. Das Modell funktionierte schlecht. Professor Clavien operierte im Hirslanden, und die Nachbetreuung fand dann im Unispital statt. Das war verwirrend für die Patientinnen und Patienten, sie wussten nicht mehr, wer für sie zuständig war.

Erstellt: 27.10.2016, 22:42 Uhr

Gregor Zünd

CEO des Universitätsspitals

Gregor Zünd ist seit März Vorsitzender der Spitaldirektion des Unispitals Zürich. Zuvor war er Direktor Forschung und Lehre. Der 57-Jährige ist Facharzt für Herzchirurgie und Professor an der Universität Zürich.

Artikel zum Thema

«Das Unispital allein hätte rascher bauen können»

Interview Rita Ziegler hat das Zürcher Universitätsspital acht Jahre lang geführt. Ein ständiges Thema war die Gesamterneuerung des Spitals – und der Streit um die Herzoperationen. Mehr...

Es ist Zeit für einen Kulturwandel

Analyse Direktorin Rita Ziegler verlässt das Universitätsspital Zürich. Ihr Sitz hatte einst gewackelt, doch sie hielt sich fest. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...