«Bei der Luft ist Zürich spitze»

Bruno Hohl, Zürichs Chef für Umwelt- und Gesundheitsschutz, geht in Pension. Er sagt, wie es um die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft steht.

«Andernorts fragen sie, wie wir das geschafft haben»: Bruno Hohl. Foto: Giorgia Müller

«Andernorts fragen sie, wie wir das geschafft haben»: Bruno Hohl. Foto: Giorgia Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben Ihr Berufsleben der Umwelt und Gesundheit gewidmet. Was ist Ihr persönlicher Beitrag?
Seit über 20 Jahren fahre ich täglich mit dem Velo zur Arbeit. Genauso lange besitze ich kein Auto mehr. Dank meiner Frau essen wir schon seit Jahrzehnten sehr gesund. Lange bevor es eine ökologische Bewegung gab, hat sie damit begonnen, Lebensmittel aus der Region einzukaufen und nur selten Fleisch aufzutischen.

War die Umwelt immer eines Ihrer grossen Themen?
Nein. Ursprünglich habe ich Jura studiert, als Jugendanwalt gearbeitet, und gleichzeitig war ich SP-Gemeinderat im Kreis 5, wo ich auch wohnte. Damals haben mich vor allem sozialpolitische Fragen und Projekte beschäftigt – und wie man das Quartier trotz stark befahrenen Strassen wohnlicher machen kann.

Ihr Wechsel vor 15 Jahren vom Sozialdepartement zum Umwelt- und Gesundheitsschutz sei nicht ganz freiwillig erfolgt, wird gemunkelt. Stimmt das?
Als Monika Stocker Nachfolgerin von Emilie Lieberherr wurde, äusserte ich schon meinen Wunsch nach einer Veränderung. Für Monika Stocker war es noch zu früh, weil sie sich zuerst ein­arbeiten wollte. 1997 übernahm ich die Projektleitung für eine meiner spannendsten und wichtigsten Aufgaben bei der Stadt, die Reorganisation des Sozialdepartements.

Wie kamen Sie dann zum Umwelt- und Gesundheitsschutz?
1999 erhielt ich von Stadtrat Robert Neukomm das Angebot, aus verschiedenen Aufgaben innerhalb der Stadt ein Kompetenzzentrum für Umwelt- und Gesundheitsschutz zu entwickeln. Ich wollte etwas Neues beginnen und sagte zu. Zudem bestand die Aussicht, als operativer Amtsleiter tätig zu werden.

Welchen Stellenwert hatte damals der Umweltschutz?
Er hatte wenig Bedeutung. Meine Aufgabe bestand deshalb darin, die über­geordneten Gesetzesbestimmungen zu Umwelt-, Energie-, Klima- und Gesundheitsschutz in der Stadt und der Stadtverwaltung ins Bewusstsein zu rücken, ihnen ein Gesicht und Gewicht zu geben. Durch Information, Sensibilisierung und die Pflege von Netzwerken sind wir dem Ziel nähergekommen: Wir haben die Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft formuliert.

Dem die Zürcher Wähler 2008 mit beinahe 76 Prozent zugestimmt haben. Macht Sie das stolz?
Ja. Wenn ich in Deutschland oder in anderen Schweizer Städten bin, fragen sie mich immer: Wie habt ihr das bloss geschafft? Heute ist das Thema Selbstverständlichkeit.

Zürich ist die erste Gemeinde, ­welche die 2000-Watt-Kriterien in der Gemeindeordnung verankert hat. Was heisst das konkret?
Momentan verbrauchen wir pro Person etwa 4200 Watt und setzen jedes Jahr rund 4,7 Tonnen Treibhausgase pro Person frei. Das sind rund 1000 Watt und 1,2 Tonnen CO2 weniger als 1990. Damit ist das Zwischenziel für das Jahr 2020 von 4000 Watt und 4 Tonnen CO2 in greifbare Nähe gerückt. Wann wir die 2000-Watt-Gesellschaft erreichen werden, weiss ich nicht. Es ist aber wichtig, dass sich eine Stadt solch ehrgeizige Ziele steckt.

Sind 2000 Watt nicht eine Spur zu ehrgeizig?
Nein, vor allem dann nicht, wenn wir alle unsere täglichen grossen und kleinen Entscheidungen auf das eine Ziel ausrichten. Ich traue der Wissenschaft und Wirtschaft viel zu. Als ich meine Karriere begann, gab es klobige Kopierer. Heute leistet ein Smartphone mit bescheidenem Profil ein Hundertfaches und kostet bloss einen Bruchteil.

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist eine Idee. Welche konkreten Beispiele können Sie nennen?
Das Bettenhaus des Stadtspitals Triemli wird nach den 2000-Watt-Vorgaben gebaut. Nach der Sanierung benötigt die Stadtgärtnerei nur noch gut die Hälfte des früheren Energieverbrauchs. Das Pflegezentrum Witikon ist seit dem Umbau 2000-Watt-tauglich geworden.

Die Stadt hält Beteiligungen oder Bezugsrechte an vier AKW. Wie verträgt sich das mit dem Eigenbild, eine nachhaltige Stadt zu sein?
Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Diese Entscheide wurden lange vor meiner Zeit gefällt. Persönlich war ich immer ein Gegner von Atomkraftwerken. Nun gilt es, schrittweise aus dieser Energieform auszusteigen. Die Zürcher haben dem zugestimmt.

Doch die Zürcherinnen und Zürcher können das allein nicht schaffen.
Das ist richtig. Um dieses Ziel zu erreichen, sind auch die Unternehmen, der Kanton und der Bund gefordert.

Was können Private tun, um ihre Ökobilanz zu verbessern?
Wir verbrauchen gut ein Drittel der Energie für den Konsum und die Ernährung, ein weiteres Drittel beim Wohnen und Heizen, den Rest für die Mobilität. Damit kann jeder seinen ökologischen Fuss­abdruck individuell reduzieren.

Braucht es neben technologischem Fortschritt auch Verzicht?
Es gibt immer mehr urbane Menschen, die bewusst auf Dinge verzichten, weil sie begriffen haben, dass ihr Fuss­abdruck zu gross ist. Zürich ist in Bezug auf den CO2-Verbrauch gut unterwegs, ohne dass wir den Menschen etwas aufzwingen. Für mich müssen Richtung, Trend und das Bewusstsein stimmen. Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein Symbol für eine Entwicklung, an der immer mehr Menschen partizipieren.

Die neusten Meldungen in Sachen Klimaerwärmung tönen dramatisch. Weshalb bleiben Sie optimistisch?
Es gibt laufend neue Erkenntnisse, neue Erfindungen, die dabei helfen, dass wir uns verbessern. Es ist entscheidend, dass die Wirtschaft ebenso mitzieht. Das hat etwa der Dieselskandal bei VW gezeigt. Der Skandal hat jedoch einen ­positiven Aspekt. Er beweist, dass das Umweltbewusstsein gestiegen ist. Menschen nehmen solche Verfehlungen nicht mehr hin. Sie haben erkannt, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

Grossverteiler versuchen mit ­Nachhaltigkeit Kunden zu gewinnen. Wie sieht es bei den KMU aus?
Um sie zu erreichen, haben wir Beratungsangebote eingeführt, von denen alle profitieren können wie beispielsweise das Energie-Coaching. Der Öko-Kompass richtet sich vor allem an KMU in der Stadt Zürich. Alle diese Massnahmen haben zur Folge, dass sich die Luftqualität stark verbessert hat.

Doch der Lärm ist nach wie vor ein Problem. Was hätte die Politik besser machen können?
Die Lärmemissionen sind tatsächlich immer noch viel zu hoch. Da muss die Politik mit Entlastungsmassnahmen wie Temporeduktionen Hand bieten. Doch im Moment sind in der Stadt Zürich alle Verfahren blockiert. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier recht erhalten.

Gibt es überhaupt eine Stadt, die Zürich umweltpolitisch voraus ist?
Mir kommt keine in den Sinn. Zürich ist in Sachen Luft Spitzenreiter, auch in ­Sachen 2000 Watt gibt es keine andere Stadt, die einen solchen Entscheid vom Souverän hat. Wahrscheinlich hat das auch mit dem Bildungsstand und den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Leute zu tun, die hier leben.

Ihre Karriere hat bei Zürichs erster Stadträtin, Emilie ­Lieberherr, ­begonnen. Welchen Eindruck von ihr ist Ihnen geblieben?
Emilie Lieberherr war bei meiner Anstellung 60 Jahre alt. Sie hatte den Mut, einen jungen Nobody wie mich einzu­stellen. Mehr noch: Sie hat mich stets unterstützt. Von ihr habe ich gelernt, in der Verwaltung politisch zu denken und zu handeln.

Erstellt: 14.10.2015, 21:46 Uhr

Bruno Hohl

Vier Stadträten gedient

Bruno Hohl hat den grössten Teil seines Arbeitslebens bei der Stadt Zürich verbracht. Zuerst war er zehn Jahre lang Departements­sekretär von Zürichs erster Stadträtin Emilie Lieberherr (SP/parteilos), später arbeitete er in der gleichen Funktion fünf Jahre lang bei Stadträtin Monika Stocker (Grüne). Dann wechselte Hohl zum Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ), wo er vor 16 Jahren von Stadtrat Robert Neukomm (SP) zum Direktor ­vorgeschlagen wurde. Seit sechs Jahren ist Hohl unter Stadträtin Claudia Nielsen (SP) tätig. Heute ist der letzte Arbeitstag von Bruno Hohl, am 16. Oktober geht er in Pension.

Artikel zum Thema

Zürcher haben Energieverbrauch um 1000 Watt gesenkt

Die 2000-Watt-Gesellschaft liegt noch in weiter Ferne. Doch die Stadt Zürich liegt im landesweiten Vergleich vorne. Mehr...

Die 330-Watt-Person

Die Energiewende geht nicht so schnell, wie von vielen erhofft. Grund genug, einmal den eigenen Energieverbrauch genauer zu betrachten. Mehr...

Öl ins Feuer

Analyse Das billige Öl schmiert die Wirtschaft und verklebt den Umweltschutz. Und niemand weiss, wann die Preise wieder steigen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...