Bienen essen statt wegwerfen

Bienenlarven gelten in Asien längst als Delikatesse. Forscher wollen, dass sie als Lebensmittel zugelassen werden. Damit liesse sich tonnenweise Abfall vermeiden.

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Was Daniel Ambühl in der Pfanne anbrät, sieht zwar aus wie Bohnen. Tatsächlich aber sind es Bienenmaden. Die rund einen Zentimeter grossen Larven lösen sich in Hitze und Öl langsam aus der Wabe und blähen sich auf. Nach dem Braten zupft Ambühl die braunen Larvenhäutchen weg.

Den ungewöhnlichen Snack bereitet der Insektenforscher auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich zu. Es gibt Bienenmaden in Soja, Honig und Salz angebraten, dazu Pizzabrot und den japanischen Reiswein Sake. Die Maden schmecken süsslich und nussig, die Konsistenz erinnert an Shrimps. «Was in Japan als Delikatesse gilt, soll man dereinst auch hier essen können», sagt Ambühl. Zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) forscht er zurzeit über essbare Insekten, auch hier auf der Brache.

50 bis 100 Tonnen Abfall

Die Drohnen, die männlichen Bienen, befinden sich während 24 Tagen im Larvenstadium und liegen eingeschlossen in den Waben. Die Männchen sammeln nicht wie die Arbeiterinnen Pollen und produzieren auch keinen Honig. Ausserdem werden sie viel häufiger vom Schädling Varroa befallen. Aus diesem Grund schneiden die Imker die Drohnenlarven aus dem Stock und werfen sie fort. Gemäss Ambühl landen in der Schweiz jährlich 50 bis 100 Tonnen Drohnenmaden im Müll. Abfall, den der Mensch als Nahrungsmittel gebrauchen könnte, zumal die Maden einen hohen Gehalt an Eiweiss und Vitaminen aufweisen.

Jean-Daniel Charrière vom Zentrum für Bienenforschung in Bern sagt, dass es die Bienenpopulation nicht beeinträchtigen würde, wenn die Drohnenmaden dereinst auf dem Teller landen würden. Entscheidend ist der Zeitpunkt: Die Larven sind nur geniessbar, solange sie noch keine Puppen sind. Dann bilden sich nämlich die harte Körperdecke, Glieder und Flügel heraus, die den Menschen nicht schmecken. Imker müssten die Drohnenwaben demzufolge möglichst früh aus dem Bienenvolk rausschneiden und die Maden sammeln.

Insekten als nachhaltige Nahrung

«Diese Nutzung der überzähligen Bienen produziert keinen Abfall und liefert erst noch wichtige Proteine und Mineralstoffe», sagt Ambühl. Im Vergleich zur Viehzucht brauche es weniger Wasser und Platz. Ausserdem würden sich die Insekten von Dingen ernähren, die für den Menschen ungeniessbar seien: von giftigen Blättern oder, wie im Fall der Drohnenmaden, von Pollen.

«Um alle Menschen zu ernähren, braucht es eine Nahrungsmittelproduktion, die nachhaltiger und umweltfreundlicher ist», sagt Ambühl. 70 Prozent der Landwirtschaftsfläche weltweit würden nur für Futtermittel für das Vieh gebraucht. «Es kann nicht sein, dass wir menschliche Grundnahrungsmittel an Tiere verfüttern.»

Im Juni hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen einen Entwurf für das neue Schweizer Lebensmittelgesetz vorgelegt. Darin sind drei Insekten als essbar aufgeführt: die Grille, die Wanderheuschrecke und der Mehlwurm. Im Herbst wird über die Vorlage beraten. Ginge es nach Ambühl, sollten auch die Drohnenlarven auf die Liste gesetzt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2015, 16:45 Uhr

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