Blamieren ohne grosses Leiden

Zürichs grosse Sportclubs kriseln derzeit, der Eventstadt macht das aber herzlich wenig aus.

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Was ist Zürich in der Schweiz nicht alles! Die reichste Stadt. Die grösste. Die wichtigste sowieso. Die teuerste auch, auf der Welt sind nur Hongkong und Luanda teurer. Geht es um die Lebensqualität, liegt es weltweit auf Platz 2, hinter Wien. Dass Zürich die schönste Stadt ist, versteht sich für den Zürcher von selbst. Früher präsentierte es sich als «Downtown Switzerland». Das Tourismus-Credo hiess auch einmal: «World Class. Swiss Made.» Unbescheidener ist in der Schweiz keiner.

Nur wenn es um den Sport geht, will es derzeit nicht so richtig klappen mit der Weltklasse. Die Grasshoppers blamieren sich im Fussball als Tabellenletzter, die ZSC Lions tun das im Eishockey mit dem Verpassen der Playoffs, der FCZ kommt nicht vom Fleck, obschon er selbst das Gegenteil propagiert; und nicht einmal der EHC Kloten aus der kleinen Stadt, die Zürich wegen des Flughafens als Tor zur Welt vereinnahmt hat, bietet zur Not eine Ausflucht. Er hat den Wiederaufstieg in die höchste Liga, die National League, auf klägliche Art verpasst.

Gut, im Rugby und im Unihockey stehen die polysportiven Grasshoppers aktuell an der Spitze. So schön diese Sportarten sind, sie werden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf der Allmend und in der Hardau betrieben. Zürich hat seine Legitimation als Sportstadt immer über den Fussball und das Eishockey bezogen. GC ist Rekordmeister, der FCZ Titelverteidiger im Cup, der ZSC war vor einem Jahr noch Meister und Kloten in den 1990er-Jahren Serienmeister. Und jetzt? Sagt Sven Leuenberger als Sportchef der ZSC Lions in der NZZ: «Jetzt können wir nur den Regenschirm aufspannen und warten, bis keine Scheisse mehr auf uns niederprasselt.»

Soll nun keiner nach einer Fusion von GC und FCZ rufen! Diese Clubs sind unvereinbar.

Das ist so proletenhaft wie falsch. Zürich freut sich an Erfolgen und feiert sie, nur ist es nicht der Ort, dessen Weh und Ach vom Sport abhängt. Der Fan flucht über die Spieler, wenn sie verlieren, er schreit ihnen entgegen: Kämpft! Er droht ihnen mit Liebesentzug und kommt irgendwann nicht mehr zum Spiel. Das macht er alles. Aber die Emotionen brechen nicht auf eine Art aus ihm heraus, wie das in wirklichen Fussballstädten wie Dortmund oder Liverpool der Fall wäre. Dafür pflegt Zürich zu sehr die Gleichgültigkeit einer Eventstadt.

Man geniesst, was einem geboten wird, ob an der lauten Langstrasse, im mondänen Opernhaus, im windigen Letzi­grund mit Bruce Springsteen. Und wenn man genug hat, zieht man halt weiter. Es passt ganz gut dazu, was der Schriftsteller Pedro Lenz einmal in der «SonntagsZeitung» sagte: «Vielleicht ist die Bankenstadt zu humorlos, um Fussball zu mögen, vielleicht zu unproletarisch. Mir kommen die Tränen, wenn ich an den Stellenwert des Fussballs in Zürich denke.»

Lenz ist als Berner im Moment sportlich privilegiert. Die Young Boys und der SCB sind aktuell jeweils die Nummer 1, selbst die Landclubs Thun und Langnau laufen den Zürchern den Rang ab. Vielleicht trägt der in der Schweiz gerne verschmähte Kanton Zürich mit seiner Entwicklungshilfe zum Berner Sporthoch bei. Er zahlt 487 Millionen Franken in den nationalen Finanzausgleich, so viel wie niemand sonst, Bern dagegen bezieht 1,2 Milliarden, so viel wie niemand sonst. Und was wären die Young Boys ohne das Geld der Zürcher Milliardärsfamilie Rihs? Sie wären nicht Meister.

Es ist nicht so, dass es in Zürich an Geld fehlen würde. GC, der FCZ und der ZSC geben rund 20 Millionen Franken im Jahr aus. Überall sind es einzelne Personen, die dafür geradestehen. GC hat einen Architekten und einen Autohändler, der FCZ ein illustres Ehepaar aus der Wirtschaft, der ZSC einen Autohändler und einen Zugbauer.

Es gibt nur eine brennende Frage: Was stellen die Clubs mit dem vielen Geld an? Nirgends wird es sinnentleerter verbrannt als bei GC, nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren schon. Und dabei halten die Verantwortlichen von GC die Klage über das Stadion hoch wie die Canepas beim FCZ. Als wäre der arme Letzigrund schuld an allem: an fehlenden Erfolgen, Stars, Sponsoren und Zuschauern. Falsche Personalentscheide oder eine falsche Philosophie haben nichts mit der Laufbahn rund um den Rasen zu tun, sondern in erster Linie mit den handelnden Personen.

GC und der FCZ sind von ihren Mentalitäten her schlicht unvereinbar.

Soll nun keiner nach der Fusion von GC und FCZ rufen. Fussball ist nicht Mathematik, wo aus minus mal minus plus wird. Zwei defizitäre Vereine verschmelzen nicht plötzlich zu einem profitablen Unternehmen. GC und der FCZ sind von ihren Mentalitäten her schlicht unvereinbar.

Dass sich der Zürcher Sport schlecht präsentiert, ist zum Teil nur eine Momentaufnahme. Sicher nicht bei GC, das stimmt. Aber zumindest beim ZSC. Er ist zu stark, zu reich, zu potent, um auf Dauer zu kriseln. Für nächste Saison hat er darum nur eines im Kopf: Meister werden! Das ist ja schon einmal ein Anfang zur Besserung für Zürich.

Erstellt: 08.03.2019, 19:17 Uhr

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