Blaureiter unerwünscht

Die Zürcher Zünfte verschreiben ihren Reitern eine Alkoholobergrenze von 0,5 Promille. Kontrolliert wird aber nur von Auge.

Heuer sind nur noch die Jacketts blau: Reiter beim Sechseläuten 2015. Foto: Urs Jaudas

Heuer sind nur noch die Jacketts blau: Reiter beim Sechseläuten 2015. Foto: Urs Jaudas

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Das Zürcher Sechseläuten wird nüchterner. Diesen Montag wird offiziell eine Alkoholobergrenze von 0,5 Promille für die reitenden Zünfter gelten. Niemand soll mehr allzu fröhlich aufs Pferd steigen und um den Böögg ziehen. «Eigentlich ist diese Regel nicht neu, daran halten wir uns seit Jahren», sagt Markus Notter, seit September Präsident des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte (ZZZ). Doch dieses Jahr habe man den Alkoholgrenzwert neu «verschriftlicht».

Grund für die Massnahme ist erhöhte Unfallangst. Letztes Jahr verstarb im Zug der Zünfte ein Reitpferd, was sowohl die Öffentlichkeit als auch die Zünfter aufwühlte und für Kritik aus Tierschützerkreisen sorgte. Von «Gaudi-Reitern» war die Rede, welche unschuldige Tiere im Namen der Tradition und möglicherweise alkoholisiert um einen Scheiterhaufen schindeten. Auch wenn die Au­topsie hinterher ergab, dass das Pferd eines natürlichen Todes und im reifen Alter von 24 Jahren gestorben war, will man dieses Jahr nichts dem Zufall überlassen: «Wir wissen, dass wir unter Beobachtung stehen», sagt Hans Hess, der Reiterchef der Stadtzunft Zürich.

Und was trinkt das Pferd?

Neu wird am Sechseläuten ein Team von Tierärzten vor dem Umzug sicherstellen, dass die Pferde der Belastung des Anlasses gewachsen sind. Zudem müssen alle Reiter ein Brevet vorweisen können, also Reitkenntnisse. Und eben, trinken sollen sie so gut wie nichts.

Kontrollieren werden sich die Zünfte selbst; die Zürcher Stadtpolizei hat nicht vor, während des Umzugs mit Blasröhrchen tätig zu werden, wie Mediensprecher Marco Cortesi bestätigt. «Die Verantwortung liegt bei den Reiterchefs der Zünfte», sagt auch Hans Hess von der Stadtzunft. Dabei werden sie trotz des exakten Werts von 0,5 Promille mit Augenmass vorgehen. Wenn ihm selber ein schwankender Pferdesportler in seinen Reihen auffallen sollte, «dann werde ich den rausnehmen».

Allerdings sei dies in den letzten 15 Jahren noch nie nötig gewesen. Das Bild der Zünfter, die nach einem üppigen Mittagsgelage rotwangig aufs Ross stiegen, stamme aus einer anderen Zeit, sagt Hess: «Früher war das vielleicht so, aber heute ist ein solches Verhalten nicht mehr möglich.»

Mit ihrem Bekenntnis zur Nüchternheit fassen die Zürcher Zünfte in Worte, was ohnehin schon gilt. Und zwar in der ganzen Schweiz, während des ganzen Jahres. Pferde und Reiter, die sich auf öffentlichen Strassen bewegen, unterstünden dem Strassenverkehrsgesetz, erklärt Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen in Bern. Sie müssen sich auf der Strasse rechts halten und die Verkehrsregeln beachten. «Auch die Alkoholobergrenze von 0,5 Promille gilt zu Pferd», sagt Rohrbach.

«Wir wissen, dass wir unter Beobachtung stehen.» Hans Hess, Reiterchef Stadtzunft

Anders als über Velolenker, die wegen Trunkenheit regelmässig gebüsst und mit Fahrverbot belegt werden, führt der Bund nicht Buch über Blaureiter. Die Dunkelziffer dürfte aber kaum sehr hoch sein. Beim Zürcher Strassenverkehrsamt heisst es, man habe gar keine Möglichkeit, angetrunkene Reiter zu sanktionieren, weil die entsprechenden Regelungen nur für «Lenkerinnen und Lenker von Fahrzeugen» gälten. Ob neben dem Reiter auch das Pferd jederzeit nüchtern sein muss, vermag keine Amtsstelle mit Sicherheit zu sagen.

Noch sicherer wäre das Sechseläuten, wenn gar keine Pferde mehr zum Einsatz kämen. Dem Zürcher Tierschutzbund gehen die neuen Massnahmen zu wenig weit. Kategorische Gegner des Ritts um den Böögg werden eben erst zufrieden sein, wenn die Zünfter sich selber als Pferde verkleiden und aufeinander ums Feuer reiten, wie dies letztes Jahr die Ethnologin Ellen Hertz in dieser Zeitung andachte.

Letzter Mann im Sattel

Möglich aber auch, dass die Entwicklung in eine andere Richtung gehen wird. Sollte im Zuge der allgemeinen Ausnüchterung bald wieder einmal mehr Wild- und Echtheit im Volksfest gefragt sein, so können sich die Zürcher Inspiration im zentralamerikanischen Gua­temala holen. Dort findet im Bergdorf Todos Santos jeden Herbst ein Pferderennen statt, bei dem die ebenfalls nur männlichen und bunt kostümierten Reiter von Schnaps zu Schnaps reiten. Um Stürze zu verhindern, lassen sich manche die Füsse unter dem Pferdebauch zusammenbinden. Der letzte Mann im Sattel hat gewonnen. Und kalt wird der Winter sowieso.

Erstellt: 13.04.2016, 21:27 Uhr

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