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Polizei setzt auf Kameras – gegen den Trend

Zürichs Polizeivorsteher Richard Wolff will seine Leute definitiv mit Bodycams ausrüsten. Das wirke deeskalierend. Eine grosse Studie aus den USA stellt dies gerade in Frage.

Richard Wolff: "Mit Bodycams können wir 50 Angriffe auf Polizisten in einem Jahr verhindern." (Video: SDA)

Zwei auf die Wand geklebte Augen reichten: Um ganze 62 Prozent ist die Diebstahlrate in mehreren Veloparkhäusern in Newcastle gesunken, nachdem jemand auf die Idee gekommen ist, den Nutzern vorzutäuschen, dass sie beobachtet werden. Generell gilt: Menschen unter Beobachtung tendieren dazu, sich zivilisiert zu verhalten. Sie spenden mehr, stehlen weniger oder passen im Verkehr die Geschwindigkeit an.

Was aber passiert, wenn sich Polizeibeamte Kameras an die Uniform heften? Hat das den gleichen positiven Effekt? Diese Diskussion gewinnt in Zürich jetzt an Relevanz, weil Stadtrat Richard Wolff (AL) heute Freitag angekündigt hat, er wolle die Polizei definitiv mit sogenannten Bodycams ausrüsten. Ein Pilotversuch habe gezeigt, dass diese eine deeskalierende Wirkung hätten.

Der Zufall will es, dass eben erst eine grossangelegte Studie aus den USA publik geworden ist, die dort die bisherige Debatte auf den Kopf gestellt hat, weil das Ergebnis lautet: Kameras bewirken weniger als angenommen. Die Autoren der Studie stellen den positiven Effekt von Bodycams bei Polizisten gar ganz in Frage.

Wer bedroht wen?

Die Diskussion ist in den USA allerdings eine ganz andere als in Zürich: Dort wurden die Kameras eingeführt, um den Machtmissbrauch seitens von Polizisten zu minimieren. Ein Auslöser war der gesellschaftliche Aufschrei nach dem Tod des Afroamerikaners Michael Brown, der von einem Polizisten in Ferguson ohne dringenden Verdacht auf offener Strasse erschossen wurde.

In Zürich wurden die Kameras kaum unter diesem Gesichtspunkt diskutiert. Obwohl es auch hier immer wieder Vorwürfe gibt, dass Polizisten ihre Macht missbrauchen – ein entsprechender Fall wurde gerade erst vor Gericht verhandelt. Der Auslöser für den Kauf von Kameras ist hier aber nicht Gewalt durch Polizisten, sondern gegen Polizisten. Und was dies angeht, zeigen sie angeblich Wirkung.

Im vergangenen Jahr testete die Zürcher Stadtpolizei die Kameras an den Uniformen während 36 Wochen. Die Beamten stellten die Geräte immer dann an, wenn eine Situation zu eskalieren drohte oder wenn das Gegenüber das Einschalten der Bodycam verlangte. In vielen Fällen habe sich eine Situation bereits durch den Hinweis beruhigt, dass ab jetzt alles auf Video aufgenommen werde.

Eine Frage von Kosten und Nutzen

Ausgehend von diesen Erfahrungen, würde es bei einem flächendeckendem Einsatz von Bodycams jedes Jahr 50 Angriffe weniger auf die eigenen Leute geben, schätzt die Stadtpolizei. Gleichzeitig würden die Kameras zusätzliches Beweismaterial liefern, falls ein Einsatz zu einem Strafverfahren gegen die beteiligten Polizisten führt. Sicherheitsvorsteher Wolff wird nun einen Antrag auf definitive Einführung der Kameras stellen. Kostenpunkt: schätzungsweise zwischen 100'000 und 200'000 Franken pro Jahr.

Eine Zürcher Polizistin demonstriert die Kamera. Bild: Keystone/Walter Bieri
Eine Zürcher Polizistin demonstriert die Kamera. Bild: Keystone/Walter Bieri

In den USA hat der Wind derweil wegen der neuen Studienergebnisse gedreht – nicht zuletzt wegen des zweifelhaften Verhältnisses von Kosten und Nutzen. In Washington D.C. wurden im Rahmen der Studie während sieben Monaten 1000 Polizeibeamte mit Kameras ausgestattet, weitere 1000 nicht. Keiner wusste, zu welcher Gruppe er gehörte. Der Befund, der sowohl Polizei wie auch Wissenschaft überraschte: Es änderte sich kaum etwas, die Effekte waren schwach.

Dem stehen Investitionen von über 40 Millionen gegenüber. Der teuerste Punkt ist das Datenarchiv. In Washington D.C. sammeln Polizisten 1000 Stunden Film pro Tag. Auch wenn 40 Prozent davon nach 90 Tagen wieder gelöscht werden, bleibt noch immer eine riesige Datenmenge übrig, die es zu archivieren gilt.

Frühere Studie hatte Schwachpunkt

Die neuen Studienergebnisse wirbelten in den USA einiges durcheinander, weil dort mehr als 95 Prozent aller Polizeidepartemente seit 2015 mit Bodycams arbeiten oder ankündigten, dies zu tun. Viele rechtfertigten dies mit einer in Kalifornien durchgeführten Studie aus dem Jahr 2012, die zum Ergebnis kam, dass Polizeieinsätze mit Kameras halb so oft gewalttätig verliefen. Der Schwachpunkt dieser Studie wurde erst später deutlich: Sie wertete das Verhalten von nur 52 Polizeibeamten aus – während bei der neuen Studie 2000 Polizisten einbezogen wurden. (Ergänzt mit Material der SDA)

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