Börse wird zu Chinas Schaufenster

Aus dem Finanzzentrum mitten in Zürich soll ein grosses Chinacenter entstehen. Unternehmen der zweitgrössten Volkswirtschaft könnten dort ihre Produkte präsentieren.

Die Börse löst 2017 ihre Büros auf, und das Gebäude soll zu einer Art chinesischem Jelmoli werden. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Die Börse löst 2017 ihre Büros auf, und das Gebäude soll zu einer Art chinesischem Jelmoli werden. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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Das Werbevideo auf der Website des Swiss China Centers nimmt die Zukunft voraus. Die Stationstafel der SZU-Haltestelle Selnau ist im Kurzfilm bereits in Chinacenter umbenannt worden. Chinesischen Unternehmen ermögliche das Center, unkompliziert an einem Ort vom Wachstumsmarkt Europa zu profitieren, sagt der Sprecher des Videos. Das Gebäude vereine die Stärken Zürichs mit denen von China.

Für Robert E. Gubler, von dem die Projektidee stammt und der diese vorantreibt, ist der neue Name der Haltestelle nicht abwegig. Dies sei ein realistisches Szenario, sagt der PR-Berater und Ehrenpräsident des Kantonalen Gewerbeverbandes Zürich. Für das Projekt, das vor einigen Jahren entstanden und bisher als Vision herumgegeistert ist, fängt jetzt eine entscheidende Phase an.

Im Gebäude der Börse, die im Frühjahr 2017 auszieht, soll ein grosses Chinacenter entstehen. Gubler spricht von einem Schaufenster der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. «Wir wollen eine Art Jelmoli auf Chinesisch lancieren und so die KMU-Wirtschaft der Schweiz mit jener in China verknüpfen.» Das Zentrum ist aber auch als Anziehungspunkt für ein breites Publikum konzipiert: Eine Präsentation von chinesischen Spitzenprodukten und Läden, verbunden mit Restaurants, die eine landestypische Küche anbieten. Auch eine internationale chinesische Schule ist Teil des Plans, damit chinesische Manager und Forscher mit ihren Familien hierherziehen.

Suche nach Investoren

Das Projekt ist den Verantwortlichen bei Kanton und Stadt Zürich bekannt. «Wir begrüssen eine solche private Initiative», sagt Irene Tschopp, Mediensprecherin vom Amt für Wirtschaft und ­Arbeit. Besitzerin des Gebäudes ist die Pensionskasse der Beamten BVK. Wie weit die Pläne für ein Chinacenter gediehen sind und ob solche bestehen, gibt die Pensionskasse nicht bekannt. Zu Mietverträgen gebe man keine Auskunft, sagt ein BVK-Sprecher.

Fakt ist, dass die Börse im Frühjahr 2017 ihr angestammtes Haus verlässt und nach Zürich-West zieht. Gubler sagt, die BVK hätte am liebsten, dass der ­Mietvertrag bis Anfang des nächsten ­Jahres unterschrieben wird. Doch dafür braucht der PR-Profi chinesische Investoren, die sich engagieren möchten. «Ich erwarte in den nächsten Wochen oder Monaten eine verbindliche Zusage eines chinesischen Investors.»

Der ehemalige Stadtpräsident und Chinaexperte Thomas Wagner (FDP) bezeichnet das geplante Chinacenter als gute Idee. Für ein solches Center gebe es eine Berechtigung. Die Achillesferse stellt für Wagner die Finanzierung dar. «Es ist anspruchsvoll, diese Mittel von den Investoren zu beschaffen.» Dass der chinesische Wirtschaftsmotor stottert, stellt für Wagner keine Bedrohung dar. «In China gibt es zwar einen gewissen Abschwung, die Wirtschaft läuft aber nach wie vor gut und Geld ist auch genügend vorhanden.»

Feng-Shui-Test bestanden

Auch Benno Seiler, Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung, äussert sich positiv zum geplanten Chinacenter. Seiler glaubt, dass es ein Gewinn für die Region wäre. «Dafür braucht es aber eine kritische Masse an Firmen und Geschäften, die sich im jetzigen Börsen­gebäude ansiedeln.» Juristische Barrieren sieht er keine. Für China gälten die gleichen Regeln wie für andere Drittstaaten auch.

Gubler sagt, dass er bereits mehrere potenzielle Investoren durch das Börsengebäude geführt habe. Bei den Umworbenen sei es auf Wohlwollen gestossen. Der Bau entspreche der Harmonielehre Feng Shui: «Die Nähe zum alten Botanischen Garten, die Halbinsel zwischen Schanzengraben und Sihl sowie die Eingangshalle mit der Kuppel sind ­alles begünstigende Faktoren», sagt Gubler. Äusserlich sind keine und innerhalb des Gebäudes nicht allzu grosse Umbauten geplant. Vieles sei bereits im ursprünglichen Bau angelegt und müsse nur wieder zum Leben erweckt werden: So etwa die Ladenpassage im unteren Bereich und die Rolltreppen. Auch die direkte Verbindung von der unterirdischen SZU-Station ins Gebäude, die ­aktuell aus Sicherheitsgründen verschlossen ist, könnte mit wenig ­Aufwand wieder geöffnet werden. Diese Aspekte seien für das Projekt sehr förderlich. Auch das letztes Jahr geschlossene Freihandelsabkommen zwischen China und der Schweiz wertet Gubler als Pluspunkt für sein Vorhaben.

Chinesische Unternehmen sind trotz der Bedeutung dieser Volkswirtschaft in der Schweiz bisher nur wenige vertreten – ein paar sorgten auch für negative Schlagzeilen: Vor zwei Jahren beanstandete die Polizei Aufenthaltsbewilligungen der Mitarbeiter des Technologie­konzerns Huawei in Dübendorf. Harzig verlief 2008 der Einstand der Bank of China in Genf. Bereits vier Jahre später strich die Grossbank wieder die Segel. In Zürich will die China Construction Bank (CCB), die kürzlich die Banklizenz erhielt, eine Filiale eröffnen. Sie ist eine der grössten Banken der Welt. Der TA wollte wissen, ob sie allenfalls in das ­geplante Chinacenter ziehen würde. Eine entsprechende Anfrage blieb aber unbeantwortet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 23:42 Uhr

Monumentalbau an der Sihl

Die Unnötige

Die neue Zürcher Börse, 1992 triumphal eröffnet, war nur vier Jahre später überflüssig geworden. Im August 1996 ersetzte die elektronische Börse den bisherigen Handel im Ring. Der Ringsaal im Erdgeschoss wurde ausgeräumt und in ein Grossraumbüro umgewandelt. Die technische Entwicklung hatte die Voraussicht der Planer überholt. Noch 1992 sagten diese voraus, dass sich innerhalb der nächsten 20 Jahren «keine Veränderung aufdrängen» würden.

Die Börsianer bedauerten die Umstellung. Eine soziale Tätigkeit mit Geschrei und Gefühlsausbrüchen normalisierte sich zu einem Computerjob. Und die neue Börse wurde zu einem gewöhnlichen Bürogebäude – obwohl man jahrzehntelang auf sie gewartet hatte.

Die lange Suche

Schon zu Beginn der 70er-Jahre hatten die Betreiber der damaligen Börse am Bleicherweg versucht, ihre Räume zu vergrössern. Alle Ausbaupläne in benachbarte Liegenschaften scheiterten, die Börse kämpfte gegen immer drängendere Platzprobleme. Ende der 70er-Jahre schlug der Kanton einen Neubau auf einem eigenen Areal vor, dem Grundstück zwischen City-Hallenbad und Selnaustrasse. Darauf befand sich damals das «Kantonskriegskommissariat», doch dieses konnte an die Uetlibergstrasse ausweichen. 1980 schrieb der Kanton einen Wettbewerb aus, die Architekten Suter & Suter AG setzten sich gegen 73 Mitbewerber durch.

Das Projekt stiess von Beginn weg auf Widerstand. Die Linke hätten auf dem Areal lieber Wohnungen erstellt, der Heimatschutz wollte das barocke Henkerhaus bewahren, das neben dem Hallenbad stand. Andere hielten den Standort für zu abgelegen oder sahen voraus, dass Computer den Ringhandel bald überflüssig machen würden. Trotz breiter politischer Mehrheit fiel 1985 der Volksentscheid zum 24-Millionen-Kredit knapp aus. 162'000 Zürcher sagten Ja, 156'000 stimmten dagegen.

Rekurse verzögerten den Baubeginn. Als das Gebäude mit der markanten, steinernen Stirn und dem riesigen Eingangsportal (genannt Haifischrachen) 1992 eröffnete, herrschte Optimismus. Endlich habe Zürich wieder eine Börse, die einem der weltgrössten Finanzplätze würdig sei, hiess es in den Zeitungen. Restaurants und Geschäfte in Erd- sowie Untergeschoss sollten den Platz vor dem Neubau zu einem «neuen Zentrum der City» beleben.

Schriftzug verschwindet

Auch dieses Vorhaben misslang. Die Läden liefen von Beginn weg schlecht, die Plaza blieb leer. 2002, sechs Jahre nachdem die Händlerringe verschwunden waren, schloss der Kanton die Geschäfte im Untergeschoss, riss die Rolltreppen heraus und baute für 5 Millionen Büros ein. Auch die unterirdische Passage zum SZU-Bahnhof Selnau wurde geschlossen.

Mit den Jahren zogen mehrere Behörden ein, etwa das Statthalteramt, der Bezirksrat und die Staatsanwaltschaften II. Einen Grossteil der Räume mietet aber bis heute die SIX, Betreiberin der Schweizer Börsen. Sie wird 2017 umziehen, um alle Zürcher SIX-Arbeitsplätze in Zürich-West zu konzentrieren. Dies vereinfache die interne Zusammenarbeit, sagt ein Sprecher. Zudem lägen die Mieten im Kreis 5 «deutlich tiefer» als in Selnau. Mit dem Wegzug von SIX wird auch der grosse Schriftzug «Börse» vom Gebäude verschwinden.
Beat Metzler

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