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Braucht es E-Trottis?

Elektro-Trottis gehören seit Wochen zum Stadtbild. Bei den einen wecken die Tretroller die Abenteuerlust, bei den anderen stossen sie auf vehemente Ablehnung, ja geradezu auf Abscheu.

Vom Dealer bis zum Banker, in Zürich schätzen alle die Leichtigkeit des Fahrens mit elektrisch betriebenen Trottinetten. Foto: Urs Jaudas
Vom Dealer bis zum Banker, in Zürich schätzen alle die Leichtigkeit des Fahrens mit elektrisch betriebenen Trottinetten. Foto: Urs Jaudas

Ja

David Sarasin, Abenteurer von Kindesbeinen an

Manchmal eilt die Fantasie der Realität auf zwei Rädchen voraus. Trottinett, Tretroller oder Radelrutsch, wie es im Süddeutschen heisst, gehören zu den ersten Fahrzeugen, die man als Kind selbstständig benutzen kann. Gleich nach dem Wheely Bug, der Biene mit den vier Rädern, auf der man nicht vorankommt. Anders das Trottinett: Es ist jenes Gefährt, mit dem man, sobald man aufrecht stehen kann, die ersten Strecken zurücklegt, ohne Hilfe von Erwachsenen.

Das stellt es in eine Traditionslinie mit den Entdeckerschiffen, die vor 500 Jahren von Europa aus in die neue Welt aufbrachen. Man erreichte mit dem Trotti zwar nur die Blocksiedlung auf der anderen Strassenseite, aber das war mehr als genug. Mit erhobenem Haupt surfte man entlang fremder Spielplätze, beobachtete die fremden Kinder. Das Trottinett befriedigte die gerade erwachende Abenteuerlust und eröffnete neue Arten von Freiheit. Ein Hauch Easy Rider auf dem Quartierweg. Willkommen in der Welt der Mobilität. So viel zur Fantasie.

Vielleicht ist die Beliebtheit des Trottinetts deswegen bis heute ungebrochen geblieben. Man kann das auf den Zürcher Strassen tagtäglich beobachten. Vom Dealer bis zum Banker, alle schätzen die Leichtigkeit des Trotti-Fahrens. Die Verschiedenheit der Benutzer bringt auch die egalitäre Komponente des Tretrollers zum Vorschein. Nutzen kommt vor Status. Auf der Radelrutsch sind alle gleich. Kein Wunder, mag die Start-up-Szene die Tretroller.

Spätestens bei der ersten Probefahrt des Limebike-Scooters kommt nun die Realität ins Spiel. In Form einer Stimme, die damit droht, die Polizei zu rufen. Die Stimme bellt einen aus einem Trotti heraus an, das man kurz testen will, ohne genau zu wissen, wie das geht. Dieser vermurkste Anmeldeprozess stört die Fantasie. Ebenso der Preis, 4.30 Franken für zehn Minuten sind wirklich zu viel. Und trotzdem: Die folgende Fahrt erinnert vage ans Kindsein.

Nein

Ev Manz, Verkehrsteilnehmerin mit Sinn für wahre Trends

Es war noch warm, als die ersten gemieteten Elektro-Trottinetts auf den Strassen Zürich zu sehen waren. Ausgebreitet haben sie sich, als es kälter wurde. Sie blieben. Wie Flöhe.

Sie sind lästig. So unscheinbar sie erscheinen, in der Stadt sind sie eine Plage. Sind immer da, wo man sie nicht erwartet, nicht will. Auf dem Trottoir, sorglos ausserhalb der markierten Felder abgestellt. Im Verkehr schneiden sie Passanten auf dem Fussgängerstreifen den Weg ab, drängeln sich auf dem Veloweg vor die Radler und versperren Autofahrern die Strasse. Sie fahren da, wo sie am schnellsten vorwärtskommen, und nicht, wo sie dürfen – auf dem Radstreifen. Zudem macht einen in der Nacht ihr Vorderlicht fast blind.

Sie sind gefährlich. Zwei kleine Räder, 30 Stundenkilometer schnell, auf der Strasse erlaubt, keine Helmpflicht.

Sie sind eklig. E-Trottinette entsprechen in keiner Weise dem Schönheitsanspruch dieser Stadt, der auf gepflegte Leichtigkeit setzt. Ihre Proportionen wirken plump. Der Fahrende will Trendsetter sein und sich erhaben fühlen, wirkt aber nicht so. Cool ist anders. Sportlicher, eleganter.

Die Stadt und ihre Einwohner haben bereits Erfahrung im Umgang mit fahrbaren Mietobjekten. Die schrillen Räder von O-Bike und Lime verschmähten sie als zu wenig funktional, zu wenig chic, zu billig. Publibikes finden Anklang, weil sie das bieten, was Lime und O-Bike fehlte.

Trotzdem. Die perfid schnelle Fortbewegung scheint mehr Städtern zu entsprechen als erwartet. Die Flöhe werden sich einnisten. Bald genügt ein Zuwarten, wie es Zürich praktiziert, nicht mehr. Es braucht Regeln, im Notfall ein Gegenmittel wie etwa in San Francisco. Diese Stadt verbannte die Trottis und vergibt jenen Lizenzen, die sich an Verpflichtungen halten. Bitte, Stadt, spiel den Kammerjäger.

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