Braucht Zürich mediterrane Wochen?

Kann man überhaupt dagegen sein, dass in der Stadt länger rausgestuhlt wird, wie es ein Vorstoss im Gemeinderat forderte? Eigentlich nicht, sagt sie. Aber sicher, findet er.

Dolcefarniente auf professionell bewirteten Freizeitflächen – hier in Frau Gerolds Garten – mögen fast alle. Die Frage ist nur, wie lange. Foto: Urs Jaudas

Dolcefarniente auf professionell bewirteten Freizeitflächen – hier in Frau Gerolds Garten – mögen fast alle. Die Frage ist nur, wie lange. Foto: Urs Jaudas

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JaSalome Müller

Zürcherinnen und Zürcher sind schlechte Fasnächtler. Sich verkleiden und so tun, als seien sie jemand anders – soll das etwa Spass sein? Dieses Bedürfnis kennen sie nicht.

Sie haben eine andere Sehnsucht. Eine südwärtsgerichtete, die nach mehr verlangt: mehr Raum, mehr Zeit. Nach einem Leben wie in Süditalien, das im Sommer erst spätabends erwacht und andauert bis in den frühen Morgen, wenn die Hitze drückend ins Bewusstsein zurückkehrt, den Schatten von den Strassen wegfrisst und die Menschen lähmt, sie aber auch seltsam festhält in ihrem Glück.

Zürcherinnen und Zürcher sind stolze Schwelger, die man in ihrem Gedankenstrom und Redefluss besser nicht unterbricht. Sie sind anmutige Wesen, die es persönlich nehmen, wenn man sie zum letzten Schluck vom Bier drängt und um Punkt Mitternacht wie Kinder ins Lokal hineinspediert, als gälte es, ihren Lärm zusammenzu­kehren wie Dreck.

Ma dai!, entfährt es den Italien-Freundinnen und -Freunden dann, so viel Italienisch können sie schon, und Dolcefarniente auch, trotzig verlangsamen sie ihren Schritt, zünden provozierend eine weitere Zigarette an, obwohl die letzte noch gar nicht fertig geraucht war, blasen den Rauch wütend in das Gesicht eines Anwesenden, der auch nichts für die Lärmschutz­regelung kann, ma che cazzo!, es geht um eine möglichst theatralische Geste, und die verlangt nach Publikum, einem willigen oder unwilligen, fa lo stesso.

Und das in Zürich!, denken sie, inzwischen sind sie schon zu Halbitalienerinnen und -italienern verwandelt, ihre Wohlstandsmiene verdüstert sich, und sie heben an zu betonen, wie wichtig das Nachtleben für eine Weltstadt wie Zürich ist, dass Dreck und Lärm als menschliche Abfallprodukte immer dazugehören, und wer kann das schon wollen, eine Stadt, in der alles nur noch clean und ruhig ist?!

Nessuno! Nessuno! Nessuno! Sie jedenfalls nicht, und darum wären die mediterranen Wochen ein Anfang, der Beginn des süditalienischen Lebens, das leider nicht so organisch heranwächst, wie sich das die Neuitalienerinnen und -italiener wünschen, aber aller Anfang ist schwer, und die Verlängerung um zwei Stunden ist besser als nichts, ein gutschweizerischer Kompromiss, den auch sie immer noch hochhalten wollen.

Nein, sie mögen Fasnacht nicht, sie wollen niemand anders sein, aber dass sie als Italienerinnen und Italiener durchgehen könnten, dass sie ähnlich fühlen wie sie, das würden sie gerne beweisen. In den mediterranen Wochen.

NeinDavid Sarasin

Das Leben findet in Zürich vermehrt auf der Strasse statt. Draussen sitzen, vor Cafés oder Bars. Mit dem Boot auf der Limmat oder mit Freunden im Park. Kaum eine Grünfläche, die nicht bevölkert wäre von Menschen, die ein sogenannt mediterranes Lebensgefühl pflegen. Grillierend, lachend, Aperol-Spritz-trinkend, bocciaspielend. Die Stadt als grosser Vergnügungspark, als Freizeitraum, den es zu bevölkern, und vor allem, zu bewirten gilt. Schön und gut, aber braucht es immer noch mehr davon? Brauchen wir zwei Stunden Verlängerung in der Nacht, wie ein kürzlich dem Stadtrat überreichtes Postulat fordert?

«Der Kreis 4 bleibt dreckig», hiess es vor ein paar Jahren auf einer Sprayerei am Hardplatz. Eine Griesgrämerei, und etwas seltsam, dies an einem der hässlichsten Orte der Stadt zu schreiben, dachte ich damals. Doch hat sich in den letzten Jahren nicht nur der Hardplatz gewandelt, sondern auch meine Meinung zu diesem Spruch. Was er meint: Eine aufgewertete, herausgeputzte Stadt verliert ihren städtischen Charakter. Und dieser war für mich einst Grund, die Stadt Zürich jener ruhigen Vorortgemeinde vorzuziehen, in der ich aufgewachsen bin.

Aber was hat das mit mediterranen Wochen zu tun? Vielleicht dies: Es waren die anonymen Plätze, der Hang zum Unpraktischen, ja, Sperrigen, die einen anzogen – und herausforderten – und nicht eine verkehrsberuhigte Open-Air-Gemütlichkeit. Die Stadt bewies: Es gibt Lastwagen, klobige ­Betonbauten und die eine oder andere schiefe Biografie. Aber auch: Die Welt ist kein aufgewerteter Abenteuerspielplatz, in den man sich setzen und einen Latte macchiato bestellen kann. Wer bis in alle Nacht bewirtete Terrassen wollte, musste selber eine eröffnen oder nach Rimini ziehen. Oder aber sich mit der Realität abfinden, und die hat Ecken und Kanten.

Tempi passati, sagen einige, heute ist Dolcefarniente angesagt. Dennoch: Die Zonen in der Stadt, in denen man alleine umherstreifen kann, untertauchen, gehen parallel zum Überangebot der professionell bewirteten Freizeitflächen verloren. Aber auch: Der Druck zur fröhlichen Gemeinschaft steigt gleichermassen mit der Anzahl Sonnenterrassen. Und nur weil es immer mehr von diesen gibt, nur weil diese länger geöffnet sind, heisst das nicht, dass sich damit auch die Gefühlslage all jener ändert, die gerne manchmal ziellos umherstreifen.

Also, schraubt die Campariflaschen wieder zu. Räumt die Apérotischchen von den Trottoirs weg. Zerschlägt die Cüpligläser. Macht die Stadt wieder attraktiver für Freaks. Zürich braucht nicht mehr Dolcefarniente, sondern Mut zur Lebensfeindlichkeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2019, 18:48 Uhr

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