Endlich eine lauschige Promenade für den Stadelhofen

Stararchitekt Santiago Calatrava will seine ursprünglichen Pläne umsetzen. Diese scheiterten einst an aussergewöhnlichen Gründen.

Blühend statt karg: Die kahle Passage oberhalb der Stadelhofen-Gleise war einst als begrüntes Dach einer lauschigen Promenade gedacht. Foto: Esther Michel

Blühend statt karg: Die kahle Passage oberhalb der Stadelhofen-Gleise war einst als begrüntes Dach einer lauschigen Promenade gedacht. Foto: Esther Michel

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Noch ist nicht viel los auf der Promenade über den Gleisen des Bahnhofs Stadelhofen. Doch das wird sich ändern, sobald der Frühsommer beginnt. Dann verwandelt sich die Passage mit ihren Betonstufen jeweils zum beliebten Aufenthaltsort direkt über dem Hotspot Stadelhofen. Über die ganze Länge der Promenade erstreckt sich ein auffälliges Metallgerüst mit Drähten, an dessen oberem Rand, bei der Stützmauer, sich einige Äste von Bäumen ranken. Eigentlich sollte es auf dieser Promenade ganz anders aussehen, zumindest in der wärmeren Jahreszeit – und wenn es nach Santiago Calatrava ginge.

Belebter Korridor

Der heute weltbekannte Architekt hat den Bahnhof Stadelhofen zwischen 1984 und 1990 als Gesamtkunstwerk realisiert. Das Bauwerk gilt als wichtigstes Frühwerk des in Zürich wohnhaften Architekten und Ingenieurs. Calatrava wollte die Promenade über den Stadelhofen-Gleisen komplett mit einem Baldachin aus Grünpflanzen umhüllen. Die Pflanzen sollten sich entlang des Metallgerüsts ranken und die Terrasse mit einem grünen Vorhang überdecken – eine umrankte Pergola als architektonisches Element in seinem Gesamtkunstwerk. Die Pläne für den grünen Baldachin finden sich samt Visualisierung in der aktuellen Vorstudie Calatravas für die Erweiterung des Bahnhofs Stadelhofen, die jüngst für Schlagzeilen sorgte.

So stellt sich Santiago Calatrava den grünen Vorhang am Stadelhofen vor. (Zum Vergrössern bitte anklicken) Visualisierung: Büro Calatrava, Zürich

Mitte Februar wurde bekannt, dass der Stararchitekt um sein Frühwerk fürchtet und mit juristischen Mitteln gegen die Art der Ausschreibung der SBB für ein viertes Gleis am Stadelhofen vorgeht. Der Projektwettbewerb, so, wie er ausgeschrieben worden sei, verletze sein Urheberrecht. «Der grüne Baldachin über der Promenade entspricht den ursprünglichen Plänen Calatravas», bestätigt Mike Pfisterer, der das Architekturbüro von Calatrava in Zürich leitet. Ursprünglich sei das Ganze viel lebhafter geplant gewesen, mit mehr Grün und mit Sitzbänken. Doch dann machte dem Architekten die Stadtzürcher Realität einen Strich durch die Rechnung – in Form der Drogenszene, die Anfang der 90er-Jahre zu grossen Problemen im öffentlichen Raum führte, am Platzspitz, aber auch am Stadelhofen.

Vermiester Plan

In Calatravas Studie heisst es, die ursprünglich im Projekt vorgesehene Begrünung und Möblierung mit Sitzbänken und Pflanzen hätte in den 90er-Jahren «aufgrund der damaligen problematischen Szene leider nicht realisiert werden können». Das Konzept habe deswegen angepasst werden müssen, die Begrünung musste von oben über die Pergola erfolgen.

Allerdings liess sich der transparente, grüne Baldachin als Bindeglied zu den dahinter liegenden Grünanlagen mit alten Bäumen auf diese Weise auch nach Jahrzehnten nicht richtig entwickeln. Wie der Entscheid gegen den grünen Baldachin genau zustande kam und ob die Stadt intervenierte, lässt sich heute nicht mehr sagen. Fakt ist: Er wurde nicht realisiert.

«Es ist ein grosser Wunsch Calatravas, dass diese Idee realisiert wird.»Mike Pfisterer, Architekt

Das soll sich jetzt ändern. «Es ist ein grosser Wunsch Calatravas, dass diese ursprüngliche Idee realisiert wird», sagt Mike Pfisterer. Jetzt oder spätestens beim Ausbau des Bahnhofs biete sich die Chance, das ursprüngliche Konzept umzusetzen, einen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen und die Promenade noch stärker zu einem Bindeglied zwischen Bahnhof und dem oberen Quartier zu machen. «Die Begrünung ist unabhängig von der rechtlichen Diskussion», sagt Pfisterer weiter.

Die Gefahr, dass sich unter dem Baldachin erneut unwillkommene Szenen bilden könnten, hält er für gering. Die Stadt habe mit Eingriffen auf vielen Ebenen dafür gesorgt, dass sich die Situation deutlich verbessert habe. Und es gebe bessere Beleuchtungen und bessere Möglichkeiten zur Kontrolle. Generell sei der Stadelhofen heute ein deutlich weniger gefährlicher Ort als in den 90er-Jahren.

Stadelhofen-Architekt Santiago Calatrava. Foto: Esther Michel

Ob und wann der grüne Vorhang realisiert wird, ist derzeit offen. Die SBB als Grundeigentümerin lassen sich noch nicht in die Karten blicken. Sprecherin Franziska Frey verweist auf den laufenden Projektwettbewerb für die Erweiterung des Bahnhofs Stadelhofen mit einem vierten, zusätzlichen Gleis.

SBB geben sich bedeckt

Die Gestaltung der Umgebung und damit auch der Promenade sei Teil des Projektwettbewerbs, für den sich acht Planerteams qualifiziert haben, darunter auch Calatrava. Im Herbst wählt eine Jury das Siegerprojekt aus. «Damit können wir erst gegen Ende des Jahres mehr dazu sagen, in welcher Form die Promenade in die Gestaltung einbezogen und weiterentwickelt wird», so Frey.

Das Amt für Städtebau will sich mit Verweis auf den laufenden Wettbewerb nicht zu Calatravas Begrünungsoffensive äussern. Bei Grün Stadt Zürich, zuständig für die Pflege der jetzigen Begrünung, sagt Sprecher Marc Werlen: «Alles, was in Zürich zu mehr ökologischen Grünflächen führt, ist zu begrüssen. Jedes Projekt muss aber für sich beurteilt werden.» Und wie schätzt das Sicherheitsdepartement von Stadträtin Karin Rykart (Grüne) die Gefahr einer erneuten Szenenbildung ein? Diese Frage könne aus heutiger Sicht nicht beantwortet werden, da noch kein konkretes Projekt vorliege, sagt Sprecher Mathias Ninck.

Erstellt: 11.03.2019, 07:27 Uhr

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