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Carlos’ Kampf

Justizakten zeigen, wie ein Minderjähriger alle überfordert – sogar auf schwere Gewalttäter spezialisierte Einrichtungen. Er erkämpft sich bei Jugendanwaltschaft und gar bei SVP-Richtern einen umstrittenen Weg.

Carlos: «Immer wieder» werde er, «gegen Material und/oder Personen tätlich», schreibt das Obergericht.
Carlos: «Immer wieder» werde er, «gegen Material und/oder Personen tätlich», schreibt das Obergericht.
Robert Honegger

Carlos, der eigentlich anders heisst, beschäftigt seit fast zwei Wochen die halbe Schweiz, vom Stammtisch- bis zum Strafrechtsexperten. Diskutiert wird über angebliche Armani-Deodorants und Rindfleisch auf Staatskosten und Thaibox-Therapie-Ansätze für ein 17-jähriges Muskelpaket mit mediokrer Schlagtechnik. Carlos’ Fall – so weit besteht Einigkeit – zeigt, wie die Justiz mit einzelnen Extremtätern bereits weit vor der Volljährigkeit überfordert ist. Umstritten ist aber, ob die Justizbehörden dabei eine gute Falle machen. Der Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber muss davon überzeugt sein, sonst hätte er Carlos nicht vor die TV-Kameras gezerrt. Doch viele teilen seine Ansicht nicht.

«Dort, wo die Polizei nicht war»

Aber wer ist dieser Carlos? Was genau hat die Justiz mit ihm und – vor allem – er mit der Justiz gemacht? «Carlos hatte», so sagt einer, der ihn lange kennt, «eine Kindheit, die man niemandem wünscht.» Misshandelt und vernachlässigt sei er worden. Die Schule in Wollishofen besucht der Sohn eines Schweizers und einer Brasilianerin nur kurze Zeit. Kaum in der Mittelstufe, hängt er lieber am Zürichsee herum, bei der Roten Fabrik, oder bei der Schiffanlegestelle, «immer dort, wo die Polizei nicht war», wie es ein alter Bekannter ausdrückt. Carlos sei der Kleinste und Jüngste in der Gruppe gewesen, die Hip-Hop hört und Gangstarap, «2Pac und so», und kifft, «ein ruhiger Typ, keine Delikte, damals».

Aber nicht für lange. 2005 wird der zehnjährige Carlos – so heisst es in Justizakten – «wegen massiver Verhaltensauffälligkeiten» in die Tagesklinik des Zürcher Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eingewiesen. Ein Jahr später verhaftet ihn die Polizei erstmals, erstmals wird der Elfjährige fremdplatziert. Carlos lernt ab da viele der Institutionen kennen, die sich mit problematischen Jugendlichen beschäftigen, Pflegefamilien nehmen ihn auf, er kommt auch in Deutschland unter. Länger bleibt er nirgends. Immer wieder wird er aufgegriffen, verhaftet. Selbst wenn er beim Vater lebt, brechen die Straftaten nicht ab. Carlos wird Dauergast der Jugendanwaltschaft. Schon 2008, er ist jetzt 13, wird es für die Behörden immer schwieriger, einen Platz für ihn zu finden. Niemand will ihn mehr aufnehmen.

Wenn es doch klappt, wehrt sich Carlos, mit Gewalt. «Immer wieder» werde er «gegen Material und/oder Personen – teilweise in erheblichem Masse – tätlich, weshalb die Programme und Aufenthalte immer wieder abgebrochen werden mussten». So steht es in einem bislang nicht bekannten Urteil des Zürcher Obergerichts, das dem TA vorliegt. «Die bisherige Laufbahn» offenbare «mit aller Deutlichkeit, dass keine der bisherigen Bemühungen der Behörden längerfristig eine positive Wirkung zeigte». Das Bundesgericht hält in einem Urteil fest, über das «20 Minuten» zuerst berichtete, Carlos hätte es «angesichts seines jahrelangen aggressiven und unkooperativen Verhaltens zunächst selbst mitzuverantworten, dass es in seinem Fall für die Jugendanwaltschaft sehr schwierig geworden ist, eine geeignete therapeutische Massnahmeneinrichtung zu finden».

«Dann knallte es»

Ende 2009 verurteilt das Jugendgericht Zürich Carlos wegen Angriffs, Sachbeschädigungen, mehrfachen Hausfriedensbruchs und Drogendelikten. Ein Sozialarbeiter ortet im starken Cannabis-konsum «ein grosses Problem». Die Jugendpsychiatrie konstatiert beim mittlerweile 14-Jährigen eine Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität. Carlos’ Persönlichkeitsentwicklung sei «beeinträchtigt», steht in einem Gutachten. Die Rede ist auch von einer «erzieherischen Fehlentwicklung». Die Angehörigen seien überfordert, das schreiben Oberrichter, Gewalt sei gegenseitig. 2010 wird Carlos «vorsorglich untergebracht». Wieder bleibt er nirgends lang. «Wenn er wütend wurde», sagt ein Bekannter, «dann knallte es.» Das Aufnahmeheim AH Basel, spezialisiert auf junge Gewalttäter, gibt Carlos zwei Chancen. Zweimal kommt es nach kurzer Zeit zum Abbruch der Übung. Carlos schafft es, selbst hartgesottenen Fachleuten einen Schrecken einzujagen. Er droht, er schlägt zu.

Kommt er raus, ist er die Korrektheit in Person, freundlich, ja charmant. Doch das Bundesgericht konstatiert «sehr wenig Einsichts-, Änderungs- und Anpassungswille». Carlos sprenge den «Rahmen der üblichen Institutionen». Am 15. Juni 2011 begeht er sein schwerstes Verbrechen, am helllichten Tag, um circa 13 Uhr: Auf dem Schwamendingerplatz sticht er einem anderen Jugendlichen das Messer in den Rücken. Ein Tag später wird Carlos verhaftet. Er gesteht sofort. Im Jahr, das folgt, bleibt er die meiste Zeit eingeschlossen – in der Psychiatrie, in der Jugendabteilung des Gefängnisses Limmattal. Carlos wehrt sich dagegen – bis nach Lausanne, mit Erfolg. Er darf zwar nicht nach Hause, wie er möchte. Und auch nicht ein «ruhiges Kinderleben nachholen», wie es Angehörige fordern. Doch das Bundesgericht ordnet eine Versetzung «in eine geeignete Institution» innert Monatsfrist an.

Vor 13 Monaten kommt Carlos in das Umfeld, das seit des TV-Berichts über ihn viele empört: Im Baselbiet lebt er mit einer Betreuerin 24 Stunden in 4,5 Zimmern zusammen, er wird von zahlreichen Fachleuten betreut, Kostenpunkt pro Monat: 29 000 Franken. Den richterlichen Segen dafür gibt es. Das Zürcher Jugendgericht hat den Angriff mit dem Messer und andere Delikte beurteilt. Als Maximalstrafe möglich gewesen wäre ein Jahr, da Carlos zum Tatzeitpunkt noch 15 war. Ab dem 16. Geburtstag beträgt die Höchststrafe vier Jahre, auch für Mord. Bei Carlos ist eine «versuchte Tötung etc.» untersucht worden, die Verurteilung erfolgte aber «nur» wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung. Das Jugendgericht verzichtet auf eine maximale Bestrafung. Neun Monate unbedingte Haft sollen reichen.

Er kämpft nun juristisch

Die zwei SVP-Jugendrichter und ihre SP-Kollegin setzen ihre Strafe zugunsten der Massnahme aus, die nun so umstritten ist. Damit ermöglichen sie laut der Jugendanwaltschaft eine Erfolgsgeschichte: Carlos sei nicht rückfällig geworden. Ihm werde «von allen Fachleuten eine erheblich positive, soziale und kognitive Entwicklung attestiert», schreibt sein Verteidiger. Die Platzierung sei «sehr effektiv» gewesen – bis der Jugendanwalt mit dem Fernsehen vorbeikam. Medien stürzten sich auf den Fall. Nun sitzt Carlos wieder im Limmattal hinter Gittern – zu seinem eigenen Schutz, wie die Justiz sagt. Dagegen wehrt er sich. Bislang, so weit bekannt, nur mit juristischen Mitteln.

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