Chefwechsel am Balgrist-Spital reisst alte Wunden auf

Mit der Pensionierung von Orthopädie-Professor Christian Gerber geht am Balgrist-Spital eine Ära zu Ende. Die Universität hat Mühe, einen passenden Nachfolger zu finden.

Wer wird sein Nachfolger? «Mister Balgrist» Christian Gerber. Foto: Sabina Bobst

Wer wird sein Nachfolger? «Mister Balgrist» Christian Gerber. Foto: Sabina Bobst

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International bekannter Schulterspezialist, Forscher mit Weltruf, erfolgreicher ärztlicher Direktor am Balgrist: Christian Gerber hat die Entwicklung der orthopädischen Uniklinik in den letzten 20 Jahren geprägt, er ist «Mister Balgrist» schlechthin. Nächstes Jahr wird Gerber 65-jährig. Die Universität muss den Lehrstuhl für Orthopädie neu besetzen. Mit der Professur verbunden ist – eine Besonderheit von Zürich – die ärztliche Direktion eines ganzen Spitals, des Balgrist. Ebenfalls speziell ist die Trägerschaft dieses Spitals: Während die Mehrheit der universitären Kliniken im Kanton Zürich staatlich sind, gehört das Balgrist einem Verein, der einen Leistungsauftrag vom Kanton hat.

Bei der Nachfolge von Gerber reden also zwei mit: die Universität, die den Professor beruft, und der Vereinsvorstand, der den Direktor anstellt; federführend ist die Universität. Ende letzten Jahres hat sie den Lehrstuhl ausgeschrieben. Die Bewerbungen, die darauf eingingen, waren offensichtlich nicht befriedigend. Denn der Dekan der medizinischen Fakultät griff zu einem ungewöhnlichen Mittel: Am 12. Februar, kurz vor Ablauf der Frist, forderte er mögliche Kandidaten persönlich zur Bewerbung auf. «Wir schreiben alle uns in der Schweiz bekannten habilitierten Orthopäden/Orthopädinnen an und möchten Sie einladen, sich zu bewerben», heisst es in dem Brief, der dem TA vorliegt.

Die Präsidentin des Vereins Balgrist, Alt-Regierungsrätin Rita Fuhrer, bestätigt, dass die Suche nach einem geeig­neten Gerber-Nachfolger schwierig sei. «Wir wünschten uns sehr, dass sich Schweizer bewerben, deshalb der Brief.» Wer sich nachträglich noch gemeldet hat, ist nicht bekannt. Dekan Rainer Weber darf keine Namen nennen, betont aber, dass es Schweizer Kandidaten gebe. Laut TA-Recherchen haben sich zwei junge Balgrist-Kaderärzte beworben, schon zu Beginn des Verfahrens. Ihre Chancen dürften gering sein.

Gerber bleibt einflussreich

Warum gibt es so wenige valable Bewerber für diese prestigeträchtige und einflussreiche Position? Rita Fuhrer erklärt es mit dem «hohen Level», den Gerber als Arzt, Forscher, Lehrer und Klinikleiter gesetzt habe. «Es ist nicht leicht, in seine Fussstapfen zu treten.» Davor hätten die Bewerber Respekt. In Fachkreisen hört man einen andern Grund: Etablierte Orthopäden hätten kein Interesse am Balgrist, weil Gerber dort auch nach seiner Pensionierung viel Einfluss haben werde. Gerber sei eine dominante Persönlichkeit, sagt ein Insider. «Und wer will schon als Chef den Vorgänger im Nacken haben?» Gerber selber sagt dazu, dass er nach seiner Pensionierung weder im Verein noch im Spital noch in der Forschung eine Leitungsfunktion einnehmen werde. Er bleibt aber Stiftungsrat in der Balgrist-Stiftung, welche die Forschung fördert, sowie im Verwaltungsrat der Balgrist Campus AG, welche Infrastruktur für die Forschung bereitstellt. Ein dritter Grund für das eher geringe Interesse an Gerbers Nachfolge hat mit dem Unispital zu tun. Dabei geht es um einen alten Streit zwischen Orthopäden und Unfallchirurgen (Traumatologen) über die Zuständigkeit bei der Behandlung von Unfallpatienten. Wer darf den Skifahrer behandeln, der nach einem Beinbruch im Notfall eingeliefert wird? Wer die alte Frau, die das Becken gebrochen hat?

Die Orthopäden hätten gern mehr Einfluss, und der internationale Trend gibt ihnen Recht. Er geht dahin, die Titel «Orthopädie» und «Traumatologie» zusammenzulegen. Der Zeitpunkt, dies auch in Zürich zu tun, wäre perfekt: Fast gleichzeitig wie Gerber wird auch der Professor für Unfallchirurgie, Hans-Peter Simmen, emeritiert. Gerber und mit ihm die Schweizer Fachgesellschaft für Orthopädie plädierten deshalb dafür, dass in Zürich jetzt eine solche Doppelprofessur eingerichtet wird. «Durch die Trennung verlieren beide Professuren an Attraktivität», sagt Bernhard Jost, Vizepräsident der Fachgesellschaft. Als Chefarzt im Kantonsspital St. Gallen ist er für beide Bereiche zuständig.

Es geht um hohe Umsätze

Doch das Unispital Zürich wehrt sich gegen die Zusammenlegung. Es will seine Klinik für Unfallchirurgie behalten. Sie habe immerhin die Grössenordnung eines KMU, sagt der ärztliche Direktor Jürg Hodler. «Die Klinik macht einen Umsatz von 42 Millionen Franken – verglichen mit dem Gesamtumsatz des Balgrist von 157 Millionen ist das viel.» Das Unispital sei zum Schluss gekommen, dass man zwei so grosse Betriebe nicht zusammenlegen könne.

«Wir wollen weiterhin einen Mister Trauma, der sich um die akut Verletzten kümmert», sagt Hodler. Der Unfall­chirurg soll die Federführung haben im Schockraum, in dem die Erstbehandlung der Schwerverletzten stattfindet. Und er soll auch die komplizierten Brüche behandeln, insbesondere jene von alten Menschen. Das Balgrist hingegen soll sich auf geplante Eingriffe wie Hüftgelenksersatz- oder Schulter-Operationen konzentrieren. Mit dieser Meinung hat sich das Unispital durchgesetzt. Die Universität hält an den zwei Lehrstühlen fest. Dekan Rainer Weber: «Wir haben zwei verschiedene Institutionen, zwei Standorte und zwei unterschiedliche Aufgaben. Deshalb sind auch zwei Professuren sinnvoll.»

Erbitterter Machtkampf

Es ist nicht das erste Mal, dass die Orthopäden unter Führung von Christian Gerber versuchten, die in Zürich traditionell starken Unfallchirurgen zurückzudrängen. Als 2008 der langjährige Professor für Unfallchirurgie im Unispital, Otmar Trentz, in Pension ging, brach ein erbitterter Machtkampf aus. Trentz hatte ein ganzheitliches Konzept verfolgt, wonach breit ausgebildete Unfallchirurgen sich um die Verletzten kümmern und das Überlebensnotwendige tun. Spezialisten wie Bauchchirurgen oder eben Orthopäden kamen dabei erst in zweiter Linie zum Einsatz. Nun wollten sie ihren Einfluss vergrössern. Trentz selber war ein Chirurg alter Schule; er operierte fast alles, vom Milzriss über den Beckenbruch bis zur Schädelverletzung. Und er hatte mit Marius Keel einen Nachfolger aufgebaut, der ebenfalls ein breites Spektrum beherrschte und der die Unfallchirurgie in seinem Sinn weiterführen sollte. Doch eine Reihe einflussreicher Medizinprofessoren, darunter Gerber, verhinderten die Wahl von Keel.

Der Machtkampf endete in einem Debakel. Die Klinik für Unfallchirurgie blieb zwar bestehen, geriet aber unter dem neuen Chef Hans-Peter Simmen in eine Krise. Als die Personalkonflikte eskalierten, trennte die Spitalleitung die Notfallstation von der Klinik ab. Der Notfall ist für das Spital eminent wichtig, denn dort tritt ein Grossteil der Patienten ein. Heute leitet ihn eine Fachärztin für Notfallmedizin.

Wer der neue Professor für Unfallchirurgie wird, ist offen. Laut TA-Recherchen sind noch der Chef-Traumatologe des Unispitals Basel und zwei Deutsche im Rennen. Auch in diesem Verfahren hat die Berufungskommission mögliche Schweizer Bewerber kontaktiert, wie Insider sagen. Nur einer wurde weder für die eine noch für die andere Professur angefragt, obwohl er hoch qualifiziert ist und beide Facharzttitel hat: Marius Keel, heute Chefarzt im Inselspital und im Spital Tiefenau Bern. In Zürich ist er offenbar noch immer unerwünscht.

Erstellt: 03.03.2016, 22:22 Uhr

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