Chinesen schreiten wegen Film an Zürcher Hochschule ein

Austauschstudenten aus Hongkong wollten an der Zürcher Kunsthochschule einen Film zeigen. Das alarmierte die chinesische Botschaft.

Die Kunst kennt keine Grenzen. Das scheint auch für den chinesischen Repressionsapparat zu gelten. Im Bild eine Halle der ZHDK. Foto: Keystone

Die Kunst kennt keine Grenzen. Das scheint auch für den chinesischen Repressionsapparat zu gelten. Im Bild eine Halle der ZHDK. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vergangenen Donnerstag schrieb die chinesische Botschaft in Bern eine besorgte Mail ans Rektorat der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Grund für die Sorge: vier antichinesische Graffiti im Gang der Hochschule, die teils zu Gewalt aufriefen. Ebenso wies die Botschaft auf einen Film von Studierenden hin, der sich mit den Strassenprotesten in Honkong auseinandersetzt. Sie riet den 15 chinesischen Studenten an der ZHDK, der Vorführung am selben Abend fernzubleiben. Die Begründung: Vermeidung von Eskalation. So erzählt es der Adressat der Mail, Rektor Thomas D. Meier.

Meier reagierte selber mit einer Mail an die Studierenden. Zu den Graffiti, die zu diesem Zeitpunkt bereits entfernt worden waren, stand darin: «Die ZHDK als kantonale Institution toleriert keine politischen Statements, vor allem solche mit ­problematischen Inhalten.»

Zum Film äusserte Meier sich nicht ­direkt, verwies aber auf die Schweizer Bundesverfassung, in der die Freiheit der Kunst geschützt sei. Er schrieb auch, dass es den Studierenden freigestellt sei, sich mit den Mitteln der Kunst zu politischen Themen zu äussern. Das Gleiche soll er auch der chinesischen Botschaft geantwortet haben.

«Randalefilm» oder nicht?

Trotz der ausgewogenen Worte des Rektors machte sich bei den Studentinnen und Studenten an der ZHDK Unruhe breit. Einige von ihnen wandten sich an die Medien und sprachen von «Einschüchterungsversuchen» seitens der chinesischen Regierung, die von einem «Randalefilm» ­gesprochen habe. Einsicht in die Mail will Rektor Meier nicht ­geben, und die chinesische Botschaft reagierte nicht auf eine Anfrage. Schriftlich bestreitet Meier, dass das Wort Randalefilm in der Mail aufgetaucht sei.

Warum ist das wichtig? Insbesondere die fünf Austauschstudenten aus Hongkong versetzte die Mail in Aufruhr. Nicht zuletzt, weil einige von ihnen am Film beteiligt sind. Sie fühlten sich überwacht, sagen sie und sprechen von Zensur. Die am Film beteiligten Studenten aus Hongkong sagten ihren Auftritt im Rahmen der Vorführung ab. Aus Angst vor Repression. «Die Hongkonger Studenten fühlten sich nicht mehr sicher genug, um vor Publikum frei zu sprechen», sagt Tobias Bienz, der am Film beteiligt ist. Die Studenten merkten, dass die aufgeladene Stimmung, die sie aus dem Alltag in Hongkong kannten, nun hierzulande angekommen sei.

Dabei gehören Kunstwerke über die Verhältnisse in China an der ZHDK zur Tagesordnung. Das Programm «Transcultural Collaboration», eine Zusammenarbeit von Kunsthochschulen in Hongkong, Peking, Singapur, Taipeh und Zürich, ist wichtig für die Zürcher Hochschule der Künste. Jeweils während dreier Monate im Herbst arbeiten knapp 50 Studierende an einer der genannten Unis. Zwecks kulturellen Austauschs.

Neue Eskalationsstufe

Doch diesen Herbst begleiteten heftige Misstöne den Austausch. Just als die Studierenden im September in Hongkong ankamen, erreichten die Proteste auf der Strasse mit dem 70. Geburtstag der chinesischen Volksrepublik eine neue Eskalationsstufe. «Die Polizeigewalt wurde immer willkürlicher und brutaler. Vor allem für junge Menschen aus Hongkong wurde die Lage kritisch», sagt Tobias Bienz.

Er gründete zusammen mit acht anderen Studenten aus Zürich, Hongkong, Taipeh und Singapur ein Kollektiv. Ihr Ziel war es, sich vertieft mit den Protesten auseinanderzusetzen. «Wir merkten, dass wir keine Kunst machen, sondern die Proteste verstehen wollen», sagt er. So gingen sie auf die Strasse und sprachen mit so vielen Beteiligten wie möglich.

Jeweils im Herbst arbeiten rund
50 Studierende der ZHDK in Peking und Hongkong.

Anfang November, wieder in Zürich, verarbeitete die Gruppe ihre Erlebnisse in dem Film. Es ist eine Collage aus Youtube-Clips von den Strassen Hongkongs. Gewisse Bilder zeigen kriegsähnliche Zustände. Vor einer Woche stand nach einigen Testscreenings die erste offi­zielle Aufführung auf dem Programm. Weil nun die chinesische Botschaft reagierte, fragt sich das Kollektiv: «Woher weiss die Botschaft überhaupt von dem Film? Wie geht man nun mit Überwachung um?» Fragestellungen, die laut Bienz in Hongkong unter den Protestierenden zum Alltag gehörten.

Dass sie in Europa, Tausende Kilometer entfernt, nicht abwegig sind, zeigen Vorkommnisse etwa an englischen Universitäten, wo Protestler aus Hongkong von Spitzeln gefilmt und von prochinesischen Gegendemonstranten angepöbelt werden. Prochinesische Plakate machen die Runde, die besagen, dass die Pest des Protests ausgerottet gehöre.

Eine solche Terminologie, nur von der Gegenseite formuliert, ist mit den Graffiti auch in ­Zürich eingezogen. An den ZHDK-Wänden war etwa zu lesen: «Tötet alle Bullen in Schwarz», «Möge der Himmel die Kommunistische Partei zerstören» oder «Stehe Hongkong bei». Nachdem die Graffiti entfernt worden waren, schmierten prochinesische Stimmen ihre eigenen Parolen an die Wände.

Erstellt: 12.12.2019, 07:12 Uhr

Druck auf Tibeter im Exil nimmt zu

Es gab eine Zeit, da gehörte es zum guten Ton, dass Bundesräte den Dalai Lama persönlich empfingen: FDP-Bundesrat Pascal Couchepin, lachend vereint mit dem religiösen tibetischen Oberhaupt – ein Bild, das 2005 durch die Medien ging. Seit einigen Jahren sind die Politikerinnen und Politiker zurückhaltender geworden. Hinter vorgehaltener Hand loben viele zwar die Verdienste des Nobelpreisträgers, einen Empfang wollen sie ihm aber nicht bereiten.

Diese Aufgabe sollen andere übernehmen: Vertreter der tibetischen Verbände oder der Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist wie im Jahr 2016. Die Tibeter Jugend in Europa formierte sich damals vor der Kirche zu einer Protestaktion: «Wir heissen Seine Heiligkeit, den 14. Dalai Lama, willkommen, während unsere Regierung kein Rückgrat hat», stand auf einem Transparent.

Abwesend war auch der Zürcher Stadtrat, der zuvor Druckversuche von chinesischer Seite öffentlich kommunizierte: «Das chinesische Generalkonsulat in Zürich hat sich mehrfach dahingehend geäussert, dass es begrüssen würde, wenn Mitglieder des Stadtrats auf persönliche Treffen mit dem Dalai Lama verzichteten», schrieb die Exekutive.

Leidtragende chinesischer Repression sind aber nicht Schweizer Behörden, sondern vor allem Mitglieder der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz. Die Exilgemeinschaft ist mit rund 8000 Menschen die grösste ausserhalb Asiens.

Im vergangenen Frühling wandten sich Tibet-Organisationen mit einem Brief an den Bundesrat, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. «Die tibetische Exilgemeinschaft in der Schweiz wird durch die chinesische Regierung zunehmend überwacht und systematisch eingeschüchtert», stand in dem Schreiben. Diese Einschüchterung sei vor allem an Kundgebungen spürbar; daneben finde die Kontrolle aber auch zunehmend auf digitalem Weg statt. (mrs)

Artikel zum Thema

Die Unruhen in Hongkong erreichen Zürich-West

In der Zürcher Hochschule der Künste im Toni-Areal wurden Sprayereien angebracht, die teilweise zu Gewalt aufriefen. Mehr...

Hongkong: Aktivisten zünden Brandsätze auf besetztem Campus

Demonstranten haben sich in der Polytechnischen Universität verschanzt, in der Nacht eskalierte die Lage – Dutzende Menschen wurden verletzt. Mehr...

Nach Tod eines Studenten: Neue Protestwelle in Hongkong

Ein 22-Jähriger starb am Freitag nach dem Sturz von einem Parkhaus. Demonstranten machen die Polizei dafür verantwortlich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...