Mörgeli mischt sich in die Zürcher Spitalpolitik ein

Im Streit um die Behandlung von Knochentumoren hat sich der SVP-Hardliner zum Sprachrohr der Uniklinik Balgrist gemacht.

Hat einen prominenten Fürsprecher bei der «Weltwoche»: Die Universitätsklinik Balgrist, in der Professor F. arbeitete. Foto: Sabina Bobst

Hat einen prominenten Fürsprecher bei der «Weltwoche»: Die Universitätsklinik Balgrist, in der Professor F. arbeitete. Foto: Sabina Bobst

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Der Balgrist fühlt sich von der Gesundheitsdirektion ungerecht behandelt. Seit bald drei Jahren versucht die orthopädische Uniklinik, in einem bizarren Streit um Tumoroperationen, recht zu bekommen. Medial unterstützt wird sie seit neustem vom früheren SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli, der in der «Weltwoche» drei Artikel zum Thema geschrieben hat. Die Strossrichtung seiner Texte lässt vermuten, dass er von Balgrist-Exponenten beeinflusst wurde. Präsidentin des Vereins Balgrist, des Trägers des Spitals, ist die frühere Zürcher SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer.

Rückblende. Im Sommer 2016 trennte sich die Uniklinik vom Leiter der Tumorchirurgie, Professor F. Der Spezialist für Weichteil- und Knochen­tumore, auch Sarkome genannt, hatte viele Jahre am Balgrist gearbeitet und zusammen mit Fachleuten des Unispitals und des Kispi, speziell den Onkologen, ein interdisziplinäres Sarkomboard aufgebaut. Dort werden alle Fälle besprochen, um für jede Patientin und jeden Patienten die bestmögliche Behandlung zu finden. Für die Operation der seltenen Knochentumore hatte bis dahin einzig der Balgrist einen Leistungsauftrag des Kantons.

Alles lief gut, bis es zum Zerwürfnis zwischen Professor F. und dem damaligen ärztlichen Leiter des Balgrist, Christian Gerber, kam. Als F. am Balgrist gehen musste, stellten Mitglieder des Sarkomboards die Behandlungsqualität infrage und gelangten mit ihren Bedenken an die Gesundheitsdirektion. Diese reagierte, indem sie zusätzlich auch dem Unispital einen Leistungsauftrag für Knochentumore erteilte – ohne umfangreiche Abklärungen, aber im Wissen darum, dass F. die entsprechenden Operationen dort im Mandatsverhältnis durchführen würde.

Christoph Mörgeli ist Mitarbeiter der «Weltwoche». Foto: Esther Michel

Aus Sicht des Balgrist war das nicht korrekt, weil Leistungsaufträge nicht an Personen, sondern nur an Institutionen vergeben werden können. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) hingegen argumentierte, es handle sich um eine Notmassnahme. Er habe die Versorgung sicherstellen müssen, weil die Lage im Balgrist labil gewesen sei. Professor F. gilt in Fachkreisen als Top-Sarkomspezialist. Im Balgrist übernahm nach seinem Abgang ein Oberarzt die Leitung der Tumorchirurgie.

Zwischen dem Balgrist und der Gesundheitsdirektion entwickelte sich ein Streit, der ausuferte. Der Balgrist schaltete den kantonalen Ombudsmann ein – das war damals Thomas Faesi von der SVP. Er sollte vermitteln – doch das Gegenteil geschah, die Fronten verhärteten sich weiter. Faesis Bericht fiel schliesslich sehr einseitig zugunsten des Balgrist aus und vernichtend für Thomas Heiniger, dem Faesi Willkür und Rechtsmissbrauch vorwarf. In der Folge untersuchte eine parlamentarische Kommission das Vorgehen der Gesundheitsdirektion und kritisierte Heiniger ebenfalls: Er habe das Zuteilungsverfahren unprofessionell durchgeführt und das Unispital übervorteilt. Das Resultat stellte die Kommission allerdings nicht infrage, und auch juristisch wirft sie dem inzwischen abgetretenen Regierungsrat nichts vor. Professor F., der heute im Kantonsspital Winterthur angestellt ist, darf also weiterhin im Unispital Knochentumore operieren. Zudem operiert er auch regelmässig im Kantonsspital Luzern.

Handfeste Interessen

Für den Balgrist ist das unbefriedigend, denn es geht in diesem Streit nicht nur um Macht, sondern auch um handfeste Interessen: Für Knochentumore gilt eine Mindestfallzahl von 10 pro Jahr. Ein Spital, das weniger operiert, verliert den Leistungsauftrag. Bei Fallzahlen zwischen 20 und 30 im ganzen Kanton könnte dies für das eine oder andere knapp werden.

Vor diesem Hintergrund sind die Artikel von Christoph Mörgeli zu verstehen, die im April und Mai in der «Weltwoche» erschienen. «Rechtsbrüche eines Regierungsrats» ist der erste betitelt, in dem ­Mörgeli die Argumentation des Ombudsmannes übernimmt. Im zweiten wiederholt er die Vorwürfe gegen Heiniger. Im dritten, erschienen vor einer Woche, zitiert er zuerst die Kritik der Kantonsratskommission am Gesundheitsdirektor und geht dann über zu einer Abqualifikation von Professor F. auf der ganzen Linie. Mörgeli stellt dessen Leistung als Arzt in einer Weise dar, die stark rufschädigend ist. So schreibt er: «Ziel der Entlassung war es (...) gewesen, Kunstfehler in Zukunft zu vermeiden.»

«Herr Mörgeli ist bekannt für seine spitze Feder. Ich weiss nicht, woher er diese Aussagen hat.»Mediensprecher des Balgrist

Wie er zu dieser Einschätzung kommt, ist nicht nachvollziehbar. Auf Anfrage teilt Christoph Mörgeli mit, er stütze sich «auf nicht öffentlich zugängliche Quellen», die er nicht preisgeben könne. Die Mediensprecherin des Balgrist schreibt dem TA dazu: «Herr Mörgeli ist bekannt für seine spitze Feder. Ich weiss nicht, woher er diese Aussagen hat.»

Tatsache ist, dass Professor F. in der Deutschschweiz der erfahrenste Arzt auf seinem Gebiet ist. Andere Spezialisten loben die Zusammenarbeit mit ihm. Seine Verdienste für den Aufbau eines überregionalen Sarkomboards sind anerkannt. Der Zürcher Regierungsrat unterstützte das Projekt im Rahmen der Förderung der hoch spezialisierten Medizin von 2010 bis 2013 mit Sondermitteln in der Höhe von insgesamt über 3 Millionen Franken. Ein Teil davon floss auch in eine Forschungsplattform mit dem Ziel, pathobiologische Mechanismen beim Sarkom interdisziplinär zu erforschen. Über die Jahre hatte Professor F. mehrere Hundert Gewebeproben gesammelt. An deren Auswertung könne er jetzt nicht mehr mitwirken, bedauert er. Denn die Proben befinden sich im Balgrist, und dort ist Professor F. derzeit ausgeschlossen. Das Sarkom-Netzwerk, das er aufgebaut hatte, ist zerrissen.

Neues Sarkom-Netzwerk

Nun ist er daran, ein neues zu knüpfen, das Swiss Sarcoma Network. Sieben Kantons- und Universitätsspitäler von Bellinzona bis Basel und St. Gallen machen bereits mit. Sie haben sich verpflichtet, alle Patientinnen und Patienten mit einem Sarkom in einem wöchentlichen Tumorboard zu besprechen. Die Daten werden in einem Register erfasst, um die Qualität der Abklärung und Behandlung zu definieren.

Daneben besteht weiterhin das Sarkomboard am Unispital Zürich, an dem sowohl Professor F. als auch sein Nachfolger im Balgrist teilnehmen. F. hat die Hoffnung nicht aufgegeben, «dass das Ganze einmal wieder zusammenkommt». Es wäre zum Wohl der Patientinnen und Patienten.

F. will nach vorne schauen und sich nicht länger mit dem alten Streit beschäftigen. Er verzichtet deshalb auch darauf, Mörgeli und die «Weltwoche» wegen Rufschädigung einzuklagen. Anders Thomas Heiniger: Wie er dem TA mitteilt, prüft er zusammen mit der Gesundheitsdirektion rechtliche Schritte gegen die «Weltwoche».

Erstellt: 20.05.2019, 11:34 Uhr

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