«Cool! Schon wieder ein nackter Oberkörper!»

In Zürich hatten vor allem die Frauen eine Menge Spass am Spiel der Schweizer Nati. Richtig gefeiert haben aber nur die Albaner.

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Der Sonntag hatte in den frühen Abendstunden etwas von einem vorgezogenen Nationalfeiertag. Vor allem in den Aussenquartieren. Allenthalben flatterten dort Schweizer Fahnen an den Fenstersimsen, und es duftete nach Bratwurst aus den Gärten und von den Balkonen. Schon kurz nach 19 Uhr stimmten sich die Leute auf das Fussballspiel ein: Schweiz gegen Frankreich – für einmal zog es die Massen am Sonntag nicht wegen eines Krimis vor die Fernseher.

Auf den Strassen war es um diese Uhrzeit hingegen noch ruhig. Nur ab und zu huschte jemand in rot-weisser Kleidung vorbei. Die meisten gingen bei dem regnerischen Wetter und den garstigen Temperaturen nicht vor die Türe. Einzig auf der Langstrasse herrschte schon lange vor dem Anpfiff Betrieb. Die Albanien-Fans brachten sich dort früh in Position.

Westschweizer oder Franzosen?

Kurz vor 21 Uhr kam dann doch noch so etwas wie Hektik auf. Die letzten bärtigen Hipster schossen auf ihren Rädern vorbei zur nächsten EM-Bar. Von denen hat es auch an dieser Europameisterschaft reichlich in Zürich. Man kann sich relativ leicht an der Dichte der Fahrräder orientieren, wenn man sie finden will: Je mehr Velos irgendwo stehen, desto eher ist dort auch ein Lokal, in dem man im Verbund einen Fussballmatch ansehen kann.

Je grösser die Velodichte, desto näher die EM-Bar.


Zum Beispiel in der Amboss Rampe an der Zollstrasse, wo sich zum Spielstart am Sonntagabend gegen 500 Fans versammelt haben. Ein Pitcher Bier nach dem anderen geht über die Bartheke. Fussball macht offenbar bereits vor Anpfiff und im Sitzen enormen Durst. «Vor zwei Tagen waren die Plätze hier drin schon ausverkauft», sagt der Chef zufrieden.

Ein paar wenige Leute sprechen Französisch. Westschweizer oder Franzosen? Vielleicht auch Franzosen, die sich als Westschweizer tarnen? Die gewaltige Anzahl Schweiz-Fans ist jedenfalls fast schon erschreckend. Als kurz vor Anpfiff die Schweizer Hymne gespielt wird, singen alle im Saal mit.

Immer wieder der «Embolo-Song»

Das Spiel beginnt. Gejohle im Saal. Jeder Ballbesitz der Natispieler wird frenetisch gefeiert. Schon nach wenigen Minuten geht Mehmedis Trikot kaputt. Die Frauen im Saal kreischen, als er es auszieht und sein Oberkörper zu sehen ist. Überhaupt wird geschrien, gejohlt und gelärmt, dass man um seine Ohren fürchten muss. Und immer wieder ist der «Embolo-Song» zu hören, eine Adaption des Hits «The Lion Sleeps Tonight».

Vor der Tür des Lokals ist alles ruhig. Als würde die Stadt bereits schlafen. Ein paar Leute kehren zurück von ihren Wochenendausflügen. In den Seitengassen stehen die Türen der Restaurants weit offen, im Innern warten die Serviceangestellten auf Kundschaft, die nicht mehr kommen wird.

An der Geroldstrasse herrscht etwas mehr Betrieb. Vor dem Bogen F rauchen einige Fans in der Pause nach der ersten Halbzeit eine Zigarette, andere holen sich an einem der Essstände vor der Türe noch rasch eine Bratwurst, bevor das Spiel weitergeht. Metti Koller, der für den Betrieb der EM-Bar verantwortlich ist, lehnt entspannt an der Theke. «Heute ist nicht so viel los. Das Wetter eben», sagt er. Unzufrieden ist er deshalb nicht. Immerhin sind rund 350 Leute da. Die Schweizer seien allerdings eher zurückhaltende Fans. Auch was den Alkoholkonsum anbelangt. «Da sind die Engländer ganz anders», grinst er.

Drinnen ist lautes Gelächter zu hören. Nach sechs Trikots ist nun auch noch der Ball kaputtgegangen. Behrami habe ihn auf dem Gewissen, sagt der Kommentator. Die Leute schütteln sich. «Mir sind die kaputten Shirts lieber», sagt eine Frau, «da haben wir mehr davon.»

Entspannte Stimmung im Nieselregen

Etwas weiter in Richtung Hardbrücke haben sich die richtig hartgesottenen Fussballfans unter freiem Himmel in Frau Gerolds Garten eingerichtet. Die meisten haben einen Platz unter einem der grossen Schirme oder einem Zeltdach ergattert, andere haben einen Schirm mitgebracht. In der zweiten Halbzeit nieselt es ein wenig. Das tut der entspannten Stimmung auf dem Platz keinen Abbruch.

Vor allem die Damen haben wieder was zum Feiern: Das siebte Trikot ist zerschlissen, und wieder gibts eine gestählte Männerbrust zu sehen. Darüber amüsieren sich inzwischen auch die Männer – das Spiel ist ja inzwischen nicht mehr so wichtig, weil der Platz im Achtelfinal schon gesichert ist. «Cool! Schon wieder ein nackter Oberkörper!», jubelt eine Frau. «Die Shirts sind sicher nicht made in Switzerland», sagt ihr Kollege. «Ganz sicher nicht. Die wären ja viel zu teuer», sagt ein anderer.

Albaner feiern, als hätten sie die EM gewonnen

Dann ist das Spiel zu Ende. Alles klatscht und jubelt auf dem Platz. Gelöste Zufriedenheit überall. Doch anstatt dass nun so richtig gefeiert wird, stehen alle auf und trotten von dannen. Gesittet, brav und ruhig. Als wäre nichts geschehen. Fast schon gleichgültig, möchte man meinen.

Die Albanien-Fans haben den Helvetiaplatz erobert. (Video: Thomas Egli)

Erst im Tram – dicht an dicht gedrängt mit den müden Schweizern – ist dann zu hören, wo die Musik spielt: an der Langstrasse! Dort komme kein Bus mehr durch. Streckenblockade wegen Fussballfans. Die Albaner feiern, als ob sie die EM gewonnen hätten. Von den Schweizern ist nicht einmal ein einsamer, kleiner Huper zu hören. «Wir machen dann so richtig Party, wenn wir im Final sind», sagt ein Mann im Schweiz-Trikot zu seiner Freundin und gibt ihr zur Feier des Tages einen Kuss.

Hupkonzert der Albanien-Fans. (Video: Leserreporter)

Erstellt: 20.06.2016, 01:04 Uhr

Ein Kilometer Freude: Die Fans feiern auf der Langstrasse (Video: Tom Egli)

Ein freudiger Anblick für die weiblichen Fans: Der Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka muss sein Trikot wechseln. (Bild: Keystone )

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