«Da fragt sie den Lehrling, ob er unten auch so krause Haare habe»

Viele Junge in der Stadt Zürich werden am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Oftmals erkennen sie Übergriffe gar nicht als solche, sagt ein Ausbildner.

Viele Jugendliche wissen nicht, was nicht mehr normal ist am Arbeitsplatz.

Viele Jugendliche wissen nicht, was nicht mehr normal ist am Arbeitsplatz. Bild: Jens Kalaene/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zunehmend werden sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz publik. Sie veranstalten seit fünf Jahren in der Stadt Zürich mit Lernenden Workshops gegen sexuelle Belästigung. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Wir stellen in Rollenspielen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nach, machen zum Beispiel Blondinenwitze unter der Gürtellinie oder schauen einer Lernenden auf die Brüste. Die Mehrheit der Lernenden, Frauen wie Männer, sagt jeweils: Sie habe nicht bemerkt, was daran gesetzeswidrig sei. Es hätten ja keine übergriffigen Berührungen stattgefunden.

Wieso das?
Die Jugendlichen haben keine Ahnung, was alles sexuelle Belästigung sein kann. Ihre Grenzen sind hoch. Klären wir danach auf, brechen die Erlebnisse förmlich aus den Jugendlichen heraus, nicht erst seit der #MeToo-Debatte.

Das heisst, viele Jugendliche sind Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?
In jedem Workshop ist unter den rund 15 Teilnehmern mindestens eine Person, die schon sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren hat. Spricht sie darüber, realisieren andere, dass das, was sie in ihrem Betrieb erlebt haben, unter sexuelle Belästigung fällt.

Frauen und Männer?
Meist sind es Frauen, die von Männern belästigt wurden. Aber es gibt auch junge Männer, die von Vorgesetzten oder älteren Frauen Übergriffe erfahren. Oder junge Frauen von älteren. Die meisten von ihnen haben gemerkt, dass daran etwas «komisch» war, fanden es aber irgendwie doch normal.

Zum Beispiel?
Ein Vorgesetzter aus der Verwaltung schreibt einer Lernenden zärtliche SMS, am Arbeitsplatz hängt ein Kalender mit nackten Frauen, der Vorgesetzte macht im Lift eine anzügliche Bemerkung zur Kleidung, der Elektriker steigt bei einer Kundin auf die Leiter und wird gefragt, ob er unten auch so krause Haare habe wie auf dem Kopf.

Wie erklären Sie sich, dass die Reaktion der Jugendlichen ausbleibt?
Die Lernenden bewegen sich das erste Mal in der Welt der Erwachsenen. In den Betrieben sind sie auf der untersten Hierarchiestufe. Trotz des komischen Gefühls taxieren sie die Belästigungen als Teil des Abhängigkeitsverhältnisses und schweigen.

Ein Fehler.
Sich zu wehren, verlangt gerade von Lernenden viel Mut. Sie müssen sich gegen die Hierarchie stellen. In den meisten Betrieben ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ein Tabu. Zudem wissen gerade Lernende nicht, wohin sie sich mit ihrem Problem im Betrieb oder ausserhalb wenden sollen, zum Beispiel an die Anlaufstelle im Internet. Das ist gefährlich.

Inwiefern?
Es geht von «keine Lust, zur Arbeit zu gehen» über psychosomatische Schmerzen bis hin zu Selbstmordgedanken.

Sie bieten auch Workshops für Betriebe an.
Gebucht werden sie, mit einer Ausnahme, nur von Frauen auf der HR-Kaderposition. Viele Männer in der Position sehen kein Problem oder wollen es nicht sehen, weil es ihnen zu heikel ist.

Wer hat in der Sensibilisierung versagt?
Nicht nur die Betriebe, auch Sportclubs, die Schule und selbst Familien thematisieren sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz zu wenig. Es genügt nicht, eine Broschüre abzugeben. Erwachsene müssen das Thema ernst nehmen und adäquat reagieren. Die Jugendlichen sind verunsichert. Oft fragen sie uns Workshopleiter auch, ob das früher schon so gewesen sei.

Was antworten Sie?
Dass es das gegeben habe, aber der Druck auf die Jugendlichen durch die Sexualisierung der Gesellschaft und die neuen Medien heute grösser sei als damals. Ich betone, dass es immer auf den Kontext ankomme, wo was toleriert werde. In einer Männerrunde mag ein Blondinenwitz möglich sein, nicht aber am Arbeitsplatz. Zum Schutz der Jugendlichen fordern wir deshalb eine Null-Toleranz-Kultur in Betrieben.

Was bewirkt die #MeToo-Debatte bei den Jugendlichen?
Sie merken, dass das Thema weitverbreitet ist, die Debatte trägt zur Sensibilisierung bei. Aber Jugendliche müssen im Rollenspiel selber einen Übergriff erfahren, damit sie sich ernsthaft mit dem Thema befassen. Wird ein Junge im Spiel aufdringlich angeschaut oder begrapscht, merkt er erst, wie unangenehm das ist.

Dabei wird von anderen jungen Männern oft der Begriff «schwul» fallen.
In der Tat. Aber gerade junge Männer müssen von solchen Einteilungen absehen und umdenken. Beziehen sie klar Stellung gegen sexuelle Übergriffe, können sie diese verhindern helfen.

Jugendliche erleben auch in ihrer Freizeit häufig Übergriffe, in der Clique, im Ausgang.
Das Ausmass der Übergriffe ist beängstigend, legitimiert sie aber in keiner Weise.

Oft wird argumentiert, junge Frauen in aufreizender Kleidung provozierten sexuelle Belästigung.
Junge Frauen müssen sich bewusst sein, was sie mit ihrer Kleidung für Signale aussenden. Aber sie sind kein Freipass für einen Übergriff. Und wer so argumentiert, will sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Was empfehlen Sie den Jugendlichen?
Jede und jeder spürt, ob ein Spruch, eine Berührung oder ein Blick ihr/ihm nicht guttut. Statt schamvoll zu lächeln, muss sich die Person direkt verbal wehren und das Gespräch mit einer Vertrauensperson suchen.

Auf die Gefahr hin, dass sie vom Gegenüber als prüde Schlampe bezeichnet wird?
Darauf muss die Person gefasst sein.

Erstellt: 21.12.2017, 17:03 Uhr

Roger Nydegger führt seit fünf Jahren zusammen mit Brigitta Javurek für Lernende den Workshop «tschäggschäss - Stopp keine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz» durch. Die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich hat das Modul mitentwickelt. Nydegger ist Erwachsenenbildner und Theaterschaffender.(ema) (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Ist Sexismus eine Altersfrage?

Michèle & Friends Donald Trump, Harvey Weinstein, Woody Allen ... warum oft ältere Männer sexueller Übergriffe bezichtigt werden. Zum Blog

Chef der Zudringlichkeiten

Der bekannte Journalist Werner De Schepper hat gemäss zwölf Ex-Mitarbeiterinnen über Jahre hinweg Frauen bedrängt und ungefragt berührt. Mehr...

Hip-Hop and you don't stop...

Sexismus und Gewalt sind im Hip-Hop allgegenwärtig. Warum gibt es in der Branche trotzdem keine #MeToo-Debatte? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...