«Da muss man auch als Eltern Verantwortung übernehmen»

Der Experte Roland Seiler im Interview über den Angriff auf einen Familienvater nach einem Fussballspiel.

«Fussballfans sind nicht per se gewalttätig», sagt der Experte Roland Seiler. Foto: Davide Agosta (Keystone)

«Fussballfans sind nicht per se gewalttätig», sagt der Experte Roland Seiler. Foto: Davide Agosta (Keystone)

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Ein 16-jähriger FCZ-Fan schlägt einen Familienvater vor den Augen seiner Kinder halb tot. Wie kann so etwas passieren?
Möglich, dass Alkohol oder Drogen im Spiel waren. Womöglich fühlten sich die Jugendlichen ­besonders stark, weil der FCZ an diesem Tag nach langem ­wieder einmal gewonnen hatte. In dieser Stimmung kann es passieren, dass einem niemand in den Weg kommen darf, sonst haut man drauf. Das ist eine ­Tendenz, die unter Jugendlichen, und nicht nur unter Fussballfans, leider immer mehr zur Normalität wird.

Was ist im Kopf des Jugendlichen abgelaufen?
Das kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Offensichtlich hat bei dem Jugendlichen die Impulskontrolle versagt. Vielleicht hat der Jugendliche einen gestörten Umgang mit seinen Emotionen. Dem sind einfach die Sicherungen durchgebrannt. Man hört ja immer wieder, dass Unbeteiligte, die sich getrauen, etwas zu solchen Jugendlichen zu sagen, aggressiv angegangen oder sogar verprügelt werden.

Solche Gewalt geht häufig von Fussballfans aus. Was macht diese Szene so gewalttätig?
Fussballfans sind nicht per se gewalttätig. Wir haben Fangruppen aus Bern, Luzern und Basel untersucht. Es gibt zwar eine gewisse Gewalttoleranz. Gegen Unbeteiligte ist sie aber nicht grösser als bei anderen Menschen.

Gibt es ausserhalb in der Stadt, weit weg vom Stadion, mehr Fangewalt wegen des Hooligan-Konkordates?
Könnte sein. In und um die Stadien ist es in den letzten Monaten und Jahren eher ruhiger geworden. Die reine Fangewalt richtet sich vor allem gegen andere Fangruppen und allenfalls gegen die Polizei. Dieses Phänomen ist aber nicht neu. Man kennt solche Prügeleien auch auf dem Land, wenn Jugendliche aus dem einen Dorf die Jungen aus dem anderen Dorf vermöbeln. Das gab es auch schon früher. Heute hat sich diese Rivalität ins Umfeld des Fussballs verlagert.

Warum passieren solch krasse Gewaltvorfälle immer häufiger in einer der wohlhabendsten und gebildetsten Städte Europas?
Auch in der Vergangenheit gab es in gebildeten Städten immer wieder Gewalt. Denken Sie nur an die marodierenden Banden im Berlin der 20er-Jahre. In den USA gibt es sehr viele grosse und wohlhabende Städte mit massiven Gewaltproblemen. Womöglich liegt dies an der Vereinzelung in grossen und modernen Gesellschaften. Da spielen soziale Normen und Kontrollen nicht mehr wie früher. Das ist aber reine Spekulation.

Was machen wir falsch mit unseren Jugendlichen, dass sie so austicken?
Ohne die Gewalt zu verharmlosen, aber früher gab es sie auch. Sie wurde einfach weniger öffentlich. Wenn man einen in den Brunnen geworfen hatte, wurde das nicht mit dem Handy gefilmt. Wenn Gewalt in den Medien aufgegriffen wird, provoziert das Nachahmungstaten.

In der Politik wird nach solchen Gewalttaten häufig eine Verschärfung des Gesetzes gefordert. Ist das die Lösung?
Wir haben genügend Möglichkeiten, die Täter zu strafen. Das Problem ist eher, dass es ewig lange geht, bis eine Strafe gesprochen wird. Gerade bei Jugendlichen wäre es besser, wenn sie unmittelbar nach ihren Taten zur Rechenschaft gezogen werden könnten.

Der 16-jährige Täter muss mit einer Strafe von bis zu vier Jahren rechnen. Wie wird sich sein Leben verändern?
Das hängt sehr von der Strafe ab. Sollte sie bedingt ausfallen, wird es kaum grosse Konsequenzen haben. Wenn er ins Gefängnis muss, wird dies Auswirkungen haben. Er wird womöglich seine Lehre nicht im gewohnten Rahmen fertig machen können, und es besteht die Gefahr, dass er im Gefängnis noch mehr kriminalisiert wird. Und womöglich auf die schiefe Bahn gerät.

Sie finden zu harte Strafen für Jugendliche problematisch?
Es ist immer leicht, härtere Strafen zu fordern. Es müsste gelingen, die Jugendlichen so zu sozialisieren, dass sie wirklich einsehen, dass Taten wie diese verwerflich sind.

Was würden Sie zu diesem Jugendlichen sagen, wenn Sie sein Vater wären?
Jetzt gehen wir zur Polizei, jetzt musst du die Konsequenzen tragen. Wenn eigene Kinder so etwas tun, muss man als Eltern Verantwortung übernehmen.

Erstellt: 16.08.2019, 21:35 Uhr

Emeritierter Professor am Institut für Sportwissenschaft an der Uni Bern. Er forscht über Fangewalt in der Schweiz.

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