Dada-Fasnacht im Kunsthaus

Der Kostümball zum hundertsten Dada-Geburtstag zeigte, dass die Kunstform nichts für das Museum ist. Jeder kann absurder Künstler sein. Die einzige Regel heisst: Nichts ist peinlich, alles ist erlaubt.

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Dank deutschen Kriegsflüchtlingen kam Zwingli-Zürich am Samstag zu einer Art Fasnachtsball. Die Rede ist vom Dada-Ball, den 500 Kunstanhänger und Tanzbegeisterte in der Kunsthalle zelebrierten. Zu Ehren der Geburt des Dada vor hundert Jahren feierten die Dada-Liebhaber ein Fest der Absurditäten. Wie einst die Dadaisten verkleideten sich die Ballgäste als Generäle, Richter oder Lazarettschwestern, trugen Helme, Lampenschirme und groteske Hüte, Pelze und Federn. Auch der 20er-Jahre-Chic mit Federboa und Zigarettenhalter, wie sie selbstbewusste Damen in den Caféhäusern von Berlin und Paris trugen, feierte im Kunsthaus ein Revival. Andere Gäste des Kostümballs zeigten sich mit Kleidern aus aufgeblasenen Fahrradschläuchen und Köpfen aus Facebook-Schachteln. Schliesslich ist bei Dada alles erlaubt.

Hass auf Autoritäten

Dank der Verkleidung als Militärkopf, Perückenträger oder Hohepriester konnten sich die Ballbesucher fühlen wie die Zürcher Dadaisten um Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings. Nichts verabscheuten diese auch von der hiesigen Polizei observierten Künstler mehr als Autoritäten. Ihre scheinbar sinnlose Kunst war die Antwort auf die angeblich rationalen Gräueltaten und die Absurditäten des Krieges. Auf ihren Veranstaltungen im Cabaret Voltaire, aber auch in Berlin, Hannover, Paris und New York traten sie gerne als Hohepriester absurder Zeremonien auf, um damit alle ­Würdenträger und Wichtigtuer zu veräppeln.

Legendär ist der Auftritt Hugo Balls mit überlangem Zylinderhut und pseudofeierlichem Gewand im Cabaret Voltaire, der zahlreiche Ballbesucher inspirierte. Andere hatten sich Kopfbedeckungen gebastelt, die den Kostümen von Sophie Taeuber-Arp nachempfunden waren, mit denen diese an einer von Balls Lesungen auftrat. Manche Besucher des Kostümballs hatten sich derart mit sperrigen Kartongewändern umgeben, dass sie sich kaum noch darin bewegen konnten. Andere Besucher versuchten Dada-gemäss mit Schwimmflossen und Taucherbrillen zu tanzen.

Der Chef als Affe im Anzug

Unter der Maske ins Schwitzen kam Kunsthausdirektor Christoph Becker in seiner Rolle als Hohepriester der Dada-Torte. Als Affe im Anzug verkündete er das Eintreffen des knallbunten Confiseriekunstwerks von Sprüngli. Kreiert und präsentiert wurde die Torte von Lehrlingen. Ob die brennenden Stäbe und die feierliche Umrundung eine dadaistische Anspielung auf die Böögg-Verbrennung waren, bleibt dahingestellt. Die Pralinés, Truffes und Luxemburgerli in allen Farben und Geschmacksrichtungen waren jedenfalls in null Komma nichts weggeputzt. Nicht weit von der Torte performten die Reines Prochaines, also die nächsten Königinnen, mit ihrem bekannten Mix aus Musik und provokativem Wortwitz.

Trotz des ernsten Hintergrunds war – oder ist – auch Dada eine sehr verspielte Bewegung. Gedichte und Collagen entstehen bei den Dadaisten oft durch das Zufallsprinzip. Ein paar Teilnehmer taten es ihnen gleich und schmückten sich mit Zufallsgeneratoren für Silbengedichte oder Statements. Daraus entstanden Aussagen wie «Klimawandel ist eine Leidenschaft» oder «Hunger ist eine Provokation». Eine Gruppe junger Expats nahm mit Aussagen wie «Gold lives matter», übersetzt in etwa «Reiche sind wichtig» (in Anspielung auf den Slogan schwarzer Bürgerrechtler «Black lives matter»), Stellung zum heutigen Zürich. Ein weiterer Spruch hiess «Our society is so purrfect». Das «purr» spielt dabei auf das Schnurren einer Katze an, die sich – wie unsere Gesellschaft – nicht in ihrem Wohlgefühl stören lässt. Auch nicht vom «immigrant fox hunt», also der Fuchsjagd auf Einwanderer.

Der Ball machte deutlich: Dada ist im Museum eigentlich fehl am Platz. Sein Geist bietet noch immer eine Ausdrucksform, die ein Schlaglicht auf die mitunter groteske Gegenwart wirft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2016, 23:38 Uhr

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