Dadas Erbe sichern – trotz fragwürdigem Deal

Die Abstimmungsvorlage zum Cabaret Voltaire hat Mängel. Doch das Dada-Haus gehört zu Zürichs kultureller DNA.

Nach einem Ja muss es die Institution schaffen, auch Junge zu begeistern: Die Saalbühne des Cabaret Voltaire. Foto: Livio Baumgartner

Nach einem Ja muss es die Institution schaffen, auch Junge zu begeistern: Die Saalbühne des Cabaret Voltaire. Foto: Livio Baumgartner

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T-Shirts mit dem Gesicht einer RAF-Terroristin, Kurse für Jungsprayer, Pläne für ein Sexcasting: Mit derartigen Provokationen sorgte das Cabaret Voltaire, im Volksmund Dada-Haus genannt, vor zehn Jahren für heftige Reaktionen. Trotzdem akzeptierten die Zürcher Stimmberechtigten 2008, dass die Stadt die jährlichen Mietkosten für die Kulturinstitution an der Spiegelgasse 1 übernimmt. Danach ist es merklich ruhiger geworden um den Geburtsort der einstigen Kunstavantgardebewegung Dada.

Jetzt muss sich das Cabaret Voltaire erneut einem Härtetest an der Urne stellen. Am 24. September entscheiden die Stimmberechtigten, ob die Stadt das Haus erwerben und dem Cabaret jährliche Betriebsbeiträge von 100'000 Franken bezahlen soll. Bereits hat sich die geballte Zürcher Polit- und Kulturprominenz von Ruedi Noser über Markus Notter bis zu Pipilotti Rist und Peter von Matt in Stellung gebracht, um die Vorlage durchzubringen.

Verpasste Chance im Seefeld?

Doch diese hat ihre Tücken. Der Kauf soll im Rahmen eines Liegenschaftentauschs mit der Anlagestiftung Swiss Life vonstattengehen. Dabei übernimmt die Stadt neben der Spiegelgasse 1 auch das Wohnhaus Engimattstrasse 17 in der Enge. Im Gegenzug überlässt sie der Swiss Life das Geschäftsgebäude Rämistrasse 39 sowie das Parkhausgrundstück Hallenstrasse 8 in Riesbach.

Und genau an diesem Deal scheiden sich die Geister. Die AL, die das Referendum ergriffen hat, spricht von einem «wohnpolitischen Fehltritt». Wenn die Stadt Grundstücke an bester Lage an Swiss Life abtrete, fördere sie eine «spekulative Fehlentwicklung». Sie befürchtet, dass Swiss Life an der Hallenstrasse Luxuslofts erstellen könnte. Zudem drohten den Mietern der Rämistrasse 39 Mieterhöhung oder Kündigung, wenn die Anlagestiftung Anwaltskanzleien einquartieren würde, um mehr Rendite zu erzielen.

Die AL glaubt, an der Hallenstrasse könne die Stadt selber bezahlbare Wohnungen bauen. Das frühere Parkhaus hätte längst abgerissen werden müssen, die aufgelaufenen Verluste könnte die Stadt zulasten der mit über 20 Millionen Franken dotierten Parkhausreserven abschreiben. Allerdings: Bisher gab es noch nie Bestrebungen, dieses Grundstück für gemeinnützigen Wohnungsbau zu nutzen. Auf dem Areal lasten Schulden von 7 Millionen Franken, was den Bau kostengünstiger Mietwohnungen schwierig macht.

«Bar mit Museums-Shöpli»

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Verknüpfung eines Immobiliengeschäfts mit einer Kultursubvention. Kritiker sprechen von einem «Buebe­trickli», mit dem die Stadt entgegen früheren Ankündigungen dem ums Überleben kämpfenden Dada-Haus doch noch Subventionen zusichern kann. Der Stadtrat hält entgegen, er habe dem Parlament zwei separate Anträge gestellt – zu den Subventionen und zum Liegenschaftentausch, gegen die je separat das Referendum ergriffen werden konnte. Dazu ist es nun auch gekommen, die AL hat gegen den Liegenschaftendeal das Referendum ergriffen. Damit könne das Volk korrekt und eindeutig dazu Stellung nehmen. Bei einem Nein entfällt auch der Betriebsbeitrag; die Stadt würde aber weiterhin den Mietzins tragen.

Es mag sich um ein Nischenprogramm handeln – aber eben auch um etwas völlig Einzigartiges.

Entspricht die Kultureinrichtung überhaupt noch einem Bedürfnis? Ist sie es wert, mit Steuergeldern am Leben erhalten zu werden? Es sei keine Kernaufgabe der Stadt, eine «Bar mit Museums-Shöpli» zu betreiben und das «Privathobby der Stadtpräsidentin» mit Steuergeldern zu finanzieren, höhnte die SVP im Parlament.

Nach Angaben der Stadt wird das Cabaret Voltaire jährlich von 60'000 Personen besucht. Es mag sich um ein Nischenprogramm handeln – aber eben auch um etwas völlig Einzigartiges in der Zürcher Kulturlandschaft. Das kleine, unkonventionelle, oft unbequeme Dada-Haus mit seiner bewegten Geschichte gehört zur kulturellen DNA Zürichs. Und es stösst international auf Beachtung, ist auch für Touristen interessant. Deshalb ist es trotz kritischer Aspekte gerechtfertigt, dass die Stadt das Kulturhaus an dieser historischen Stätte übernimmt.

Fehlende Alternative

Bei einem Nein fehlt eine echte Alternative. Dass Swiss Life das Haus der Stadt schenken würde, darf bezweifelt werden. Zwar behauptet die AL, das Cabaret Voltaire könnte auch ohne Liegenschaftentausch an der Spiegelgasse bleiben, weil die Swiss Life einen für sie attraktiven Mietvertrag abgeschlossen habe, der nicht infrage gestellt sei. Hier bringt die AL genau jener Firma erstaunlich viel Goodwill entgegen, der sie sonst Immobilienspekulation und aggressive Vermietungspraxis vorwirft. Wer garantiert, dass die Anlagestiftung nicht doch irgendwann für die Spiegelgasse 1 eine lukrativere Nutzung findet – genau so wie es die AL im Fall der Rämistrasse 39 prophezeit? Falls die Stadt die Altstadtliegenschaft nicht erwerben kann, bleibt sie beim Cabaret Voltaire weiter auf das kulturpolitische Feingefühl der Anlagestiftung angewiesen.

Bei einem Ja stehen Trägerverein und Direktion des Cabaret Voltaire vor der anspruchsvollen Aufgabe, das Dada-Erbe in die Zukunft zu führen. Nur wenn es gelingt, Aktualität und Relevanz dieser einstigen Kunstavantgarderichtung aufzuzeigen und auch neue, jüngere Kreise für die Idee Dada zu interessieren, bleibt die Institution überlebensfähig – und glaubwürdig.

Erstellt: 06.09.2017, 21:19 Uhr

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