Dalai Lama ehren, China besänftigen

Chinas Druckversuchen zum Trotz empfingen Politiker den Dalai Lama. Ein diplomatischer Drahtseilakt.

Am letzten Tag seiner Reise: Dalai Lama besuchte ein interreligiöses Friedensgebet in der Zürcher Grossmünsterkirche. Bild: Urs Jaudas

Am letzten Tag seiner Reise: Dalai Lama besuchte ein interreligiöses Friedensgebet in der Zürcher Grossmünsterkirche. Bild: Urs Jaudas

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Die Politik sollte keine Rolle spielen. Nicht am letzten Samstag, als der Dalai Lama zum Abschluss seiner dreitägigen Schweizer Reise im Zürcher Grossmünster erschien. Die Kirchenglocken läuteten für das Gemeinsame, das Sinnstiftende, das Barmherzige – Werte, die im politischen Diskurs oft keinen Platz haben. Schon gar nicht in der Tibetfrage. Jenem Konflikt, in dem seit Jahrzehnten über die Autonomierechte der Tibeter gestritten wird.

Verhärtete Fronten lassen sich auch mit einem interreligiösen Friedensgebet nicht aufweichen. Folglich wurde unter der Anleitung von Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist auf kritische Voten verzichtet. Die Politik fand draussen statt. Auf dem Vorplatz, wo eine Grossleinwand die Friedensbotschaften aus der Kirche trug, prangte ein riesiges Transparent: «Wir heissen Seine Heiligkeit, den 14. Dalai Lama, willkommen, während unsere Regierung kein Rückgrat hat.» Der Verein Tibeter Jugend Europa formierte sich zu einer Protestaktion.

Der Dalai Lama betritt das Grossmünster und begrüsst seinen alten Freund und Religionswissenschaftler Martin Kalff. (Video: mrs)

Ziel der Kritik war der Bundesrat. «Wir sind beunruhigt, dass der Druck der chinesischen Regierung die neutralen Werte der Schweiz angreifen kann», sagte Vizepräsidentin Namtso Reichlin. «Der Anlass wird bewusst entpolitisiert, um China nicht zu verärgern.» Von der Landesregierung wünsche sich der Verein ein klares Bekenntnis: Der Bundesrat solle den Dalai Lama persönlich begrüssen – wie dies früher der Fall war.

Zurzeit stehen die Chancen schlecht, dass diese Forderung erfüllt wird. Weltweit scheuen sich Regierungen, dem Dalai Lama einen offiziellen Staatsempfang zu bereiten – zu gross ist die Angst vor möglichen Sanktionen Chinas, zu umstritten die Frage, inwiefern dem asiatischen Hochland Autonomie zugestanden werden soll. Also versucht sich die Schweiz in einem diplomatischen Spagat: Offiziell begrüsst sie den Dalai Lama nicht. Doch hochrangige Politiker machen ihm dennoch die Aufwartung.

Grusswort von Mario Fehr

So auch am Samstag, als mit Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (AL) und Regierungsratspräsident Mario Fehr (SP) hochrangige Politiker von Stadt und Kanton auf den vordersten Bänken Platz nahmen. Letzterer sprach das Grusswort: «Die Regierung und die Bevölkerung des Kantons Zürich fühlen sich ­geehrt, Sie – Eure Heiligkeit – in Zürich willkommen zu heissen.» Die Geste war keineswegs selbstverständlich.

Im Vorfeld der Veranstaltung gab der Stadtrat chinesische Druckversuche ­bekannt. Das Konsulat in Zürich habe mehrfach geäussert, dass Mitglieder des Stadtrates auf persönliche Treffen mit dem Dalai Lama verzichten sollen. Ähnliche Druckversuche erreichten den Kanton, wie TeleZüri gestern bekannt gab. Für Fehr kam eine Absage jedoch nicht infrage: «Den Regierungsrat kann man nicht unter Druck setzen.» Protestant Fehr pflegt seit Jahren eine persönliche Verbindung zum tibetischen Buddhismus. Schon rund 15-mal reiste er in die Region und nahm an Zeremonien teil. «Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir an diesem interreligiösen Dialog teilnehmen.»

Weniger Entschlossenheit zeigte der Stadtrat. Zunächst liess er sich gar vom Anlass entschuldigen, da der Termin in die Herbstferien falle. Die Begründung kam schlecht an, wurde als seltsam oder gar faule Ausrede taxiert. Dass mit Mauch und Wolff doch zwei Mitglieder zum Gebet erschienen, freut Reichlin vom Verein Tibeter Jugend in Europa.

Chinas Druckversuche reichen bis in die Kantone. Das ist neu, aber nicht überraschend. Die hiesige Wirtschaft setzt auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Asiaten. Chinesische Banken werden in Zürich mit offenen Armen empfangen – gleich zwei Institute eröffneten in diesem Jahr eine Filiale. Das Geschäft mit dem Renminbi hilft Zürich, seinen Finanzplatz als wichtiges, wirtschaftliches Standbein zu erhalten.

Inzwischen sind chinesische Investoren nicht nur an Schweizer Grossfirmen interessiert, sondern vermehrt auch an KMU – darunter Zürcher Firmen, wie die «SonntagsZeitung» gestern schrieb. Seit 1982 pflegt Zürich eine Städtepartnerschaft mit der chinesischen Millionenstadt Kunming. Was als einfache Kooperation begann, birgt heute auch wirtschaftliche Synergien. Zürcher Politiker sind in weiteren Regionen Chinas präsent. Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) reiste mehrfach nach Chongqing – eine der grössten Städte Chinas. Immer mit dabei sind Wirtschaftsvertreter auf der Suche nach dem guten Geschäft.

Friedensbotschafter überzeugt

Es gibt mehrere Gründe, weshalb die Politik darauf bedacht ist, China nicht zu verärgern. Auf ein gemeinsames Friedensgebet mit dem Dalai Lama wollen jedoch einige Exponenten nicht verzichten. Am Samstag wurde klar, wieso: Dem geistlichen Vertreter der Tibeter gelingt es auch mit 81 Jahren, als Friedensbotschafter zu überzeugen. Die Art, wie er auf Menschen zugeht – ob reich oder arm, jung oder alt, Muslim oder Jude –, ist stets die gleiche: warmherzig, voller Güte und zumeist humorvoll. Ganz am Schluss ermahnte er die Anwesenden: Für den Frieden beten sei das eine, doch es liege nicht an Gott oder Christus oder Mohammed, Frieden zu bringen.

Am Freitag hielt der Dalai Lama im Hallenstadion eine Lang-Lebe-Zeremonie und Vorträge zu buddhistischen Themen ab. Video: Lea Blum (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2016, 11:46 Uhr

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