Damit Zürich schön und grün bleibt

Der Kanton hat die neue Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich genehmigt. Sie schützt Ortsbilder – ohne zu verdichten.

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Rund 420'000 Einwohnerinnen und Einwohner hat die Stadt Zürich derzeit. Wenn das Wachstum so weitergeht wie in den letzten Jahren, sind es im Jahr 2030 490 000. Haben die alle Platz? Ja, meint das Amt für Städtebau. Die Bau- und Zonenordnung (BZO) ermöglicht diese Raumreserven, und zwar die geltende BZO 99 («BZO Ledergerber») wie auch die frisch revidierte BZO 2014.

Die BZO 2014 ist eine Teilrevision, die der Gemeinderat im November 2016 in überraschender Harmonie guthiess. Einzig die Grünen und die Alternativen lehnten ab. Gestern Mittwoch gab Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) bekannt, dass die kantonale Baudirektion als Aufsichtsinstanz die Revision zu 99 Prozent genehmigt hat. «Es ist eine BZO mit Augenmass, die eine ausgezeichnete Ausgangslage für die weitere Entwicklung der Stadt bietet», sagte Odermatt. Angesichts der Reserven in der BZO 99 habe es keine Notwendigkeit für eine pauschale Aufzonung gegeben, vielmehr sei es um qualitative Verbesserungen gegangen. Er hob hervor:

  • Der Ersatz des ungeliebten «Zürcher Untergeschosses» durch ein Vollgeschoss, das die Wohnqualität im Erdgeschoss verbessert.

  • Die Einführung von Baumschutzgebieten an seenahen Hanglagen, wo Bäume das Ortsbild prägen und für das Klima wichtig sind.

  • Zonen für publikumsorientierte Erdgeschossnutzungen an zentral gelegenen Passantenlagen zwecks Förderung des Kleingewerbes.

  • Sicherung von Industrie- und Gewerbezonen für das produzierende Gewerbe, wobei der Begriff Industrie flexibel verstanden werden muss.

Einzig bei zwei Punkten der revidierten BZO teilte die Baudirektion dem Stadtrat mit, dass eine Nicht-Genehmigung in Erwägung gezogen werde. Dazu muss die Stadt jetzt Stellung beziehen. Einerseits wollte die BZO 2014 die Möglichkeit schaffen, alle vor 1999 gebauten zweiten Dachgeschosse auszubauen. Was der Kanton als Ungleichbehandlung des zweiten Dachgeschosses betrachtet. Anderseits wollte die BZO 2014 den Betrieb von Sex­salons in den drei- bis fünfgeschossigen Wohnzonen erschweren, indem der massgebliche Wohnanteil von 50 auf 33 Prozent gesenkt wird. Das aber steht im Widerspruch zu einem Urteil des Bundesgerichts. Laut Odermatt ist der Unterschied beider Varianten so gering, dass er darüber keine Grundsatzdebatte führen möchte.

Der Zank kommt erst

Noch ist die BZO 2014 nicht in Kraft. Am 1. September beginnt die 30-tägige Rekursfrist. Im Wissen, dass viele Bauherren mit ihren Projekten auf klare Verhältnisse warten, möchte Odermatt die unbestrittenen Punkte der Revision möglichst bald in Kraft setzen.

Neben dem Stadtrat äusserte sich gestern auch die FDP erfreut über die Genehmigung durch den Kanton. «Der erste Schritt ist jetzt getan, der zweite muss die Diskussion um die Verdichtung sein.» Eine wichtige Forderung der FDP im Wahlkampf sei deshalb die Aufstockung um ein zusätzliches Geschoss, denn nur der Bau von mehr Wohnungen vermindere den Druck auf die Mieten.

Die grosse Diskussion um die Verdichtung der Stadt Zürich wird voraussichtlich im nächsten Jahr beginnen, wenn der Stadtrat seinen Entwurf für den kommunalen Siedlungs-Richtplan vorlegt. Dieser muss aufzeigen, wie bis 2040 520 000 Einwohner Platz finden, wie sie in ihre Wohnungen kommen und wo ihre Kinder in die Schule gehen. Noch ist das Amt für Städtebau am Erarbeiten dieses Planwerks, doch sind die Parteien längst aufgeschreckt: Die Grünen warnen vor dem Verlust an Grün­flächen insbesondere in Schwamendingen, wo ein Verdichtungsschwerpunkt sein wird, während die Bürgerlichen Eingriffe ins Privateigentum fürchten.


Baumschutzgebiete
Ein altes Anliegen der Grünen wird in der neuen BZO erfüllt – zumindest teilweise in den besten Wohnlagen.

Fotos: Samuel Schalch

Erstmals sind in der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich Baumschutzgebiete bestimmt. Dort sollen die für das Quartier charakteristischen und das Stadtbild prägenden Baumstrukturen besseren Schutz geniessen als bisher. Es handelt sich vor allem um die Hanggebiete mit Seeblick in Riesbach, in Hottingen und Hirslanden sowie in Wollishofen und in der Enge – dort wo das Wohnen ohnehin schon Freude macht, wie in der abgebildeten Siedlung zwischen Scheidegg- und Kurfirstenstrasse.

Schutzkriterien: Die Bäume befinden sich auf Kuppen oder an Hanglagen, sie sind vom Seeufer aus sichtbar, sie tragen massgeblich zum Bild eines durchgrünten Quartiers oder sind Teil von parkartigen Gärten. In den Baumschutzgebieten braucht das Fällen von Bäumen mit mehr als 80 Zentimetern Stammumfang eine Bewilligung. Diese kann erteilt werden, wenn Bäume die Nutzung des Grundstücks «übermässig» einschränken. Dennoch waren die Bürgerlichen anfangs gegen den Baumschutz, weil sie ihn als Eingriff ins Privateigentum betrachteten. Damit hat Zürich jetzt doch noch – wie andere Städte längst – einen Baumschutz. Ein früherer Versuch der Stadt mit positivem Volksentscheid war aus rechtlichen Gründen gescheitert.

Quartiererhaltung
Die neue BZO versucht, die gewachsenen Strukturen der Stadt zu schützen und die Eigenheiten der Quartiere zu bewahren.

Besondere Aufmerksamkeit geniessen in der Bau- und Zonenordnung die Quartiererhaltungszonen, die zu den am dichtesten bebauten Gebieten der Stadt gehören. Sie befinden sich vornehmlich in der Innenstadt, im Seefeld, in Wipkingen und in Oerlikon. Zusammen mit den Kernzonen garantieren sie die Bewahrung des Quartiercharakters und so die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier – als Beispiel gilt hier die abgebildete Zürichbergstrasse im unteren Teil bei der Universität. Um den Charakter von Quartieren zu erhalten, die Ende des 19. Jahrhunderts und anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, sind in der BZO 2014 die Kern- und die Quartiererhaltungszonen vermehrt oder bestehende Zonen vergrössert worden.

Neue Quartiererhaltungszonen gibt es etwa im Gebiet Langstrasse, neue Kernzonen im Seefeld mit dem Ottenweg und der Kieselgasse, sowie am Fuss des Zürichbergs mit dem Gebiet Platte bis Baschligplatz in Hottingen, wo eine zusammenhängende, typisch vorstädtische Wohnbebauung aus den Jahrzehnten vor und nach 1900 existiert. Die offene Bebauung am Zürichberg gilt als das Äquivalent zur Blockrandbebauung in Aussersihl. Kernzonen verhindern Neubauten nicht, verlangen aber Einordnung.

«Zürcher Untergeschoss»
Aus dem bewohnbaren Keller wird zur Freude der Parterre-Bewohner ein ebenerdiges Vollgeschoss.

Das sogenannte «Zürcher Untergeschoss» war der umstrittenste Punkt in der BZO-Revision. Ein Passus im Baugesetz erlaubte es, ein Untergeschoss bloss zehn Zentimeter in den Boden zu setzen und dann daraus niedrige Wohnungen zu machen. Die für Hanglagen gedachte Regelung wurde von findigen Bauherren immer häufiger auf ebenem Grund angewendet und ermöglichte ihnen eine erhöhte Ausnutzung. Der Baubehörde missfielen die daraus folgenden Höhenunterschiede der Häuser im selben Quartier. Im Bild eine Siedlung an der Bellariastrasse, deren Erdgeschoss entsprechend abgesenkt ist.

Zuerst wollte der Stadtrat im das «Zürcher Untergeschoss» ersatzlos streichen, stiess aber auf vehementen Protest des Hauseigentümerverbandes und der Wohnbaugenossenschaften, weil das einer Abzonung gleich gekommen wäre – wo doch die Stadt mehr Wohnungen will und bauen muss. In der Überarbeitung kompensierte der Stadtrat das wegfallende Untergeschoss mit einem zusätzlichen Vollgeschoss, was aus den niedrigen Parterrewohnungen normale macht. Aus der Wohnzone W3 wird so eine W4. Für die Bürgerlichen war dieser Kompromiss entscheidend, um der BZO 14 schlussendlich zuzustimmen.

Erstellt: 16.08.2017, 21:43 Uhr

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