Dann beerdigen wir das Zürcher Fussballstadion endgültig

Der jüngste Streich in der Stadion-Groteske kommt von der SP. Diesen als Befreiungsschlag zu verkaufen, ist ziemlich abenteuerlich.

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Man muss nicht fantasiebegabt sein, um sich auszumalen, wie die Groteske ums Zürcher Fussballstadion dereinst endet. Niemand wird je dagegen gewesen sein, und doch hat man alles Erdenkliche getan, es zu bodigen. Der jüngste Streich in dieser sich quälend wiederholenden Geschichte kommt von der SP. Sie nimmt die juristische Drohkulisse von Nachbarn am Höngger Sonnenhang dankend auf, um das jüngste Projekt anzugreifen. Weil sie sich an den Wohnhochhäusern stört, die die Credit Suisse zur Querfinanzierung bauen will. Die SP inszeniert sich dabei sogar als Retterin des Stadions. Die Stadt baue dieses besser auf eigene Kosten.

Hatten wir das nicht schon? Falls es tatsächlich jemand vergessen haben sollte: Ja, vor noch nicht mal fünf Jahren lehnten die Zürcher Stimmberechtigten ein städtisch finanziertes Multimillionenprojekt ab. Klar wäre das Preisschild diesmal ein anderes, aber der Widerstand war grundsätzlicher Art. Die kommerziell operierenden Fussballvereine müssten selbst für ein Stadion sorgen, hiess es, und prügelnden Fans schulde die Öffentlichkeit sowieso nichts. Das war der Tenor, und diese Stimmungslage hat sich nicht verändert. Wenn uns die SP jetzt kalten Kaffee als Befreiungsschlag verkauft, ist das ziemlich abenteuerlich.

Natürlich darf man gegen ein Renditeobjekt einer Grossbank auf städtischem Boden sein und sich für preisgünstige Wohnungen einsetzen. Als SP muss man das vielleicht sogar. Aber dann sollte man auch das Rückgrat haben zu sagen, dass letztlich alles andere sekundär ist. Die aufrichtige Botschaft der Sozialdemokraten müsste lauten: «Tut uns leid, aber das Stadion ist uns nicht so wichtig.» So, wie das Grüne und Alternative machen, die das Projekt voraussichtlich offen bekämpfen werden.


Neues Zürcher Fussballstadion: «Die Türme müssen weg» Die SP macht einen brisanten Vorschlag: Sie will die zwei Hochhäuser des Hardturmprojekts streichen. Ansonsten scheitere es an Rekursen. (Abo+)


Mehr Realitätssinn und Aufrichtigkeit wünschte man sich auch von den Hausbesitzern in Höngg. Sie haben natürlich jedes Recht, um ihre schöne Aussicht zu kämpfen. Und sie sind damit eine echte Bedrohung fürs Stadion, das stimmt schon. Mit endlosen Rekursen von Nachbarn wurde der Credit Suisse 2009 schon einmal ein Stadionprojekt verleidet. So was könnte sich wiederholen. Irritierend ist nur, dass die Anwohner behaupten, sie seien «nicht gegen das Stadion», sie seien bloss gegen die Türme. Mag ja sein, aber das eine gibt es nun mal nicht ohne das andere, das wissen wir aus Erfahrung. Ein privat finanziertes Stadion ohne Türme muss über eine Mantelnutzung Rendite erwirtschaften – hat man probiert, ist am Widerstand aus dem Quartier gescheitert. Und ein öffentlich finanziertes Stadion wollten wie gesagt die Stimmberechtigten nicht. Auch hier wäre also die ehrliche Botschaft: «Tut uns leid, aber das Stadion ist uns nicht so wichtig.»

Video: «Ohne Stadion keine Zukunft für GC und FCZ»

«Das neue Stadtion ist für unsere Zukunft alles oder nichts», sagt GC-Präsident Stephan Anliker zum geplanten Hardturm. Video: Tamedia (Juni 2016)

Es ist derzeit nur ein einziger Weg zu erkennen, von dem wir nicht aus Erfahrung wissen, dass er in die Sackgasse führt. Es ist jener, den der Stadtrat derzeit beschreitet, indem er einen privaten Investor soweit begünstigt, dass sich für diesen ein Stadionbau lohnt. Das ist notabene derselbe Weg, mit dem der ZSC kürzlich eine Volksabstimmung für ein neues Hockeystadion gewonnen hat. Und es ist auch nah dran an dem, was den Zürcherinnen und Zürchern vor mittlerweile mehr als zehn Jahren versprochen wurde, als man das alte Hardturmstadion voreilig abriss. Damals stand in der Abstimmungszeitung über den Bau des neuen Letzigrunds, dass in Zürich nun zwei Stadien entstehen sollen: der Letzigrund für Leichtathletik und Grossanlässe, der Hardturm für Spitzenfussball. Das eine Stadion werde durch Steuergelder finanziert, das andere «weitgehend von privaten Investoren bezahlt».

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Lasst uns jetzt doch einfach über diese letzte Option abstimmen, die noch offen ist, statt die Groteske endlos zu verlängern. Wenn es erneut ein Nein gibt, dann wissen wir wenigstens, was Sache ist – und beerdigen das neue Fussballstadion am besten endgültig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 13:46 Uhr

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