Darlehen als Alternative zum Stipendium

Private Investoren leihen Studierenden Geld für die Semestergebühren. Ein Verband ist skeptisch.

Konnte das Darlehen früher als geplant zurückbezahlen: Data Scientist Steffen Arnold. Foto: Samuel Schalch

Konnte das Darlehen früher als geplant zurückbezahlen: Data Scientist Steffen Arnold. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der schwierigsten Zeit reichte das Geld gerade noch für Nudeln mit Sauce. Trotz Nebenjob stand Steffen Arnold kurz davor, sein Studium aus finanziellen Gründen abzubrechen. Solche Not hatte nicht zu seinem Traum gehört. Dank privaten Geldgebern gelang es ihm, eine Wende zum Besseren einzuleiten.

Arnold wollte an jener Universität Physik studieren, die schon Albert Einstein besuchte – an der ETH. 5000 Euro Erspartes nahm der damals 18-Jährige aus Deutschland mit in die Schweiz. «Ich komme aus der Unterschicht. Für mich war das unglaublich viel», sagt Arnold. Wenn er ehrlich sei, habe er sich die Frage, ob dieser Betrag ausreichen werde, nie gestellt: «Ich war überzeugt: Wenn das andere hinkriegen, dann auch ich.»

Seinen Start ins Studium bezeichnet Arnold als traumhaft: Er findet einen Nebenjob als Hilfsassistent in einer ETH-Bibliothek, das Leben an der Hochschule gefällt ihm. Nach acht Monaten verursacht der Blick auf das Konto das erste Mal ein ungutes Gefühl: «Verflucht, das Geld geht schneller weg als gedacht.» Insbesondere die hohen Lebensunterhaltskosten schockieren Arnold. Er bittet Grosseltern und Freunde, ihm einen Zustupf zu senden. Das habe wieder für ein paar Tage gereicht. «Doch ich hatte vermehrt Existenzängste», sagt Arnold.

Er fährt das Arbeitspensum hoch. Gleichzeitig leiden seine Noten, und der Schlaf bleibt aus: «Wenn dein Konto immerzu leer ist, dann bist du nicht mehr ­motiviert, dich am Abend hinzusetzen und zu studieren.»

Als er in Deutschland Stipendien beantragt, blitzt er ab: Sein Einkommen aus dem Schweizer Nebenjob ist zu hoch. Auch ­gehörte er aus formalen Gründen nicht zu den rund 400 Personen, die direkt an der ETH ein sogenanntes soziales Stipendium beziehen können.

Mehr für einzelne Bezüger

Die Kantone gaben 2018 rund 364 Millionen Franken für Ausbildungsbeiträge aus, 95 Prozent davon in Form von Stipendien. Das zeigen die neuen Zahlen des Bundesamts für Statistik. In Zürich wurden für Studierende an Hochschulen und Unis überdurchschnittlich hohe Beträge (10954 Franken) für einen unterdurchschnittlichen Anteil Stipendienbezüger (1477 Personen) verzeichnet. Dies entspricht ­gerade einmal 3 Prozent aller Studierenden dieser Stufe.

In Graubünden erhielten derweil mehr als 20 Prozent Beiträge. «Der verhältnismässig kleine Anteil Bezüger kann darauf hindeuten, dass es in Zürich administrativ schwierig sein kann, Stipendien zu erhalten, und dass die Mindestanforderungen dafür zu hoch sind», sagt Nino Wilkins, Co-Präsident des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS). Zwar sei Zürich nicht der schlechteste Kanton, was das ­Stipendienwesen angehe, dennoch würden lange nicht alle Personen unterstützt, die in Not seien.

Umfrage

Wie stehen Sie dazu, dass Studierende in der Schweiz ein Darlehen aufnehmen, um ihr Studium zu finanzieren?






Den Kantonen steht es frei, über die Mindeststandards bezüglich Stipendien hinauszugehen. So können sie im Falle eines negativen Bescheids ein Ausbildungsdarlehen gewähren, obwohl die finanzielle familiäre Situation dies nicht direkt erforderlich machen würde. In Zürich wurden letztes Jahr nur zwei Darlehen ausbezahlt, während niemand eine Mischform von Stipendien und Darlehen bezog. Zum Vergleich: In Uri, Wallis und Obwalden erhielten mehr als 10 Prozent der Bezüger sowohl ein Stipendium als auch ein Darlehen.

«In Zürich besteht heute kein gesetzlicher Spielraum bei der Vergabe von Stipendien oder Darlehen», sagt André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsbildung. Doch wolle der Kanton mit der Stipendienreform, die voraussichtlich 2021 in Kraft tritt, Verfahren vereinfachen und mehr Studierenden ­Zugang zu Ausbildungsbeiträgen verschaffen. Die Regelung sehe auch vor, dass Studierende bis 25 Jahre existenzsichernde Stipendien erhalten und sich zwischen 25. und 35. Altersjahr zwischen reduzierten Stipendien oder existenz­sichernden Darlehen entscheiden ­können.

Erst Coaching, dann Geld

Steffen Arnold fand einen anderen Weg: In der Zeitung liest er von Educa Swiss, einer Stiftung mit dem Ziel, die Chancengerechtigkeit insbesondere in der höheren beruflichen Bildung zu fördern. Zu seiner Überraschung erfährt er, dass es Privatpersonen gibt, die Darlehen zu fairen Konditionen für Studierende ­anbieten. Er hat Hemmungen: «In der Familie hiess es immer, Schulden gehörten sich nicht», sagt Arnold. Schliesslich habe er die Anmeldung ausgefüllt.

Nachdem er online Fragen zu seinem beruflichen Werdegang beantwortet hat, trifft er sich mit einem Coach von der Stiftung zum Kaffee. «Es war das erste Mal, dass sich jemand hingesetzt und mir einfach zugehört hat», sagt Arnold. Überraschenderweise sei es gar nicht um Geld gegangen. «Im Zentrum stand die Frage, wohin ich mit meinem Leben will.» Erstmals berechnet er einen Finanzplan, der nicht nur die nächsten paar Monate im Blick hat, sondern die Jahre bis zum Berufseinstieg.

Danach trifft er sich mit potenziellen Darlehensgebern. «Es ging darum, sich als Menschen kennen zu lernen», sagt Arnold. In den letzten Minuten besiegelt man per Handschlag die Konditionen für ein Darlehen. Arnold nimmt ­mehrere Darlehen von verschiedenen Geldgebern im Rahmen von 20'000 Franken auf.

«Unser Hauptzweck ist zuerst die kostenlose Beratung», sagt Simon Merki, Geschäftsführer bei Educa Swiss. Im zweiten Schritt würden Bildungsdarlehen an Personen vergeben, die sonst keine Chance bekämen. Wenn Personen herausfänden, dass sie gar kein Darlehen oder Stipendium brauchten, beispielsweise weil sie mit einem sauber aufgestellten Budget andre Quellen nutzen könnten, gelte das für die Stiftung als Erfolg.

«Darlehen vermitteln wir dann, wenn ein klares Berufsziel vorliegt und dieses umsetzbar scheint», sagt Merki. Bewerben könne sich, wer seinen Wohnsitz in der Schweiz habe und eine Ausbildung mache – egal, auf welcher Stufe. Abgelehnt würden nur Personen, die bereits hohe Schulden hätten. «Wir wollen eine Überschuldung unbedingt vermeiden.»

Und wer sind die Geldgeber? Personen, die an einem sozialen Engagement interessiert seien und Bildungswillige vor überteuerten Krediten bewahren wollten, sagt Merki. «Einige kennen finanzielle Schwierigkeiten auch aus ihrer Biografie.»

Skepsis gegenüber Privaten

Wenig begeistert von privaten Darlehensgebern ist VSS-Co-Präsident Nino Wilkins: «Der VSS hält es für problematisch, wenn Menschen aus weniger privilegierten Bevölkerungsschichten nach Abschluss ihres Studiums mit hohen Schulden in die Arbeitswelt starten müssen.» Bei Darlehen mit Zinsen von bis zu 4 Prozent seien Studierende später eher gezwungen, ein Studium weiterzuführen, das nicht ihrem Wunsch entspricht, aber ein sicheres und hohes Einkommen garantiert. Zudem würde der Staat durch Private aus der Verantwortung gezogen.

Der Kanton Zürich befürwortet private Stipendien- und Darlehensgeber: «Obwohl solche ­finanzielle Unterstützung eine öffentliche Aufgabe zugunsten der Chancengerechtigkeit darstellt, reichen die staatlichen Mittel nicht aus, um alle in erforderlichem Masse finanziell zu unterstützen», sagt André Woodtli.

Arnold zahlt seine Darlehen innert sechs Jahren zurück – eineinhalb Jahre früher als ursprünglich geplant. Bis heute steht er mit seinen Geldgebern in Kontakt. Einer sei «eine spannende Persönlichkeit», sagt er. «Er steht mir bei Herausforderungen mit Rat zur Seite, und ich kann auf sein Netzwerk zurückgreifen.»

Haben das Coaching und die Darlehen seine Berufswahl beeinflusst? «Ich arbeite heute zwar nicht in der Forschung, wie ich bei Studienbeginn dachte», sagt der heute 28-jährige Data Scientist bei einer Unternehmensberatung. «Doch führe ich das eher auf meine persönliche Weiterentwicklung zurück.»

Steffen Arnold kann sich gut vorstellen, bald selbst Darlehensgeber zu werden: «Heute stehe ich wirtschaftlich sehr gut da und möchte auch anderen den Weg durch die Ausbildung ebnen, frei von ungerechten Sachzwängen.»

Erstellt: 27.08.2019, 22:19 Uhr

Artikel zum Thema

In den USA zählt nicht Begabung, sondern Geld

Analyse Der Skandal um Schummeleien beim Zugang zu Elite-Unis weist auf ein viel breiteres Problem. Mehr...

Lehrlingsranking: Diese Firmen bilden am meisten Junge aus

Das Engagement für Lehrlinge klafft bei Schweizer Konzernen weit auseinander. Sunrise ist Spitze, doch der weltgrösste Personaldienstleister beschäftigt gerade einmal zwei. Mehr...

«Reiche Eltern für alle!»

Video Die ETH-Studenten wehren sich gegen die Erhöhung der Studiengebühren – friedlich und mit originellen Parolen. Mehr...

1000 Anmeldungen in 4 Jahren

Die Stiftung für Bildungsförderung und -finanzierung wurde 2015 gegründet. Seither haben sich rund 1000 Kandidaten angemeldet. Bei 35 Prozent von ihnen stellt sich dank eines Coachings heraus, dass keine Bildungsdarlehen notwendig sind, weil sich im Verlauf des Prozesses andere Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen haben oder das Budget optimiert wurde. Der Coaching-Pool umfasst derzeit18 freiwillige Fachleute, während Private rund 2 Millionen Franken zu einem durchschnittlichen Zins von 2,1 Prozent zur Verfügung stellen. Aktuell bearbeiten rund 120 Personen ihr Bildungsprojekt über die Plattform Educaswiss.ch. (saf)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...