«Ich habe beschlossen, ins Altersheim zu gehen»

Silvia Seglias hätte problemlos in ihrer Wohnung bleiben können – doch die À-Porta-Stiftung lässt das Haus abreissen und neu bauen.

Seit 1964 lebt Silvia Seglias in der Dreizimmerwohnung: «Mir war es immer wohl hier.» Bild: Doris Fanconi

Seit 1964 lebt Silvia Seglias in der Dreizimmerwohnung: «Mir war es immer wohl hier.» Bild: Doris Fanconi

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Silvia Seglias hält auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung schon nach den Besuchern Ausschau. Die zierliche Frau in der gross geblümten Bluse schaut zwischen zwei kleinen Geranientöpfen hervor. Sie sei wegen des Besuchs etwas aufgeregt, sagt sie dann unter der Tür. «Nein, nein, ich bitte Sie, lassen Sie doch die Schuhe an!»

Silvia Seglias ist mit 87 Jahren eine der ältesten Bewohnerinnen jener zwei Blöcke der À-Porta-Stiftung hinter dem Hardplatz, die in einem Jahr abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Sie ist wohl auch jene, die am längsten hier wohnt.

1323 Wohnungen in der Stadt

Vor zwei Wochen berichtete der TA darüber, dass der Mieterverband den Stiftungsrat und insbesondere die Stadt Zürich dafür kritisiert, dass bei diesem Projekt soziale Aspekte zu wenig zum Tragen kommen. Die Stadt stellt mit Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) den Vizepräsidenten. «Manche in der Siedlung sagen, dass Stephan à Porta sich bestimmt im Grabe umdrehe», sagt Seglias. Stephan à Porta war der Gründer der Stiftung, die in der Stadt 1323 Wohnungen besitzt.

Angesprochen auf die Neubaupläne, blendet Seglias erst einmal zurück: «Als meine Eltern 1964 eine bezahlbare Wohnung in Zürich suchten, waren wir sehr glücklich, dass wir hier den Zuschlag bekamen.» 180 Anmeldungen habe es gegeben, und es war wohl ein bisschen Vitamin B im Spiel, dass die Seglias berücksichtigt wurden. Die Schwester des Vaters war mit einem Mitglied der Stifterfamilie verheiratet. Der Vater war Milchmann, die Mutter Hausfrau. «Wir mussten sehr aufs Geld schauen, und beim ersten Schritt, den der Vater in die Wohnung gemacht hat, sagte er, hier möchte ich für immer bleiben.»

Kein Bedürfnis, auszuziehen

Seither lebt Silvia Seglias in dieser Dreizimmerwohnung. Erst zusammen mit den Eltern, seit sie gestorben sind, allein. «Mutter und Vater sind in dieser Wohnung gestorben», sagt sie. Das war in den 1990er-Jahren, beide waren hochbetagt.

Sie habe nie das Bedürfnis gehabt, auszuziehen. «Meine Kolleginnen haben zwar manchmal gesagt, ich könne mir doch etwas Besseres leisten, aber mir war es immer wohl hier.» Da sie zwischendurch gesundheitliche Probleme hatte, war sie auch froh, dass dann ihre Eltern jeweils zur Stelle waren. Der Vater sei ein geselliger Mensch und im Quartier sehr beliebt gewesen, erzählt sie. Die Mutter war dagegen eher etwas schüchtern und zurückhaltend. «Wie ich auch.»

Silvia Seglias hat fast ihre ganze Jugend in der Stadt Zürich verbracht. Sie hat das Lehrerinnenseminar in der Hohen Promenade besucht – dem «Affenkasten», wie sie ihn lächelnd nennt. Danach wurde sie Primarlehrerin. «Die Kinder haben mich und alle anderen Lehrerinnen immer nur ‹d Fröili› genannt, ohne Nachnamen.» Gestört habe sie das nie. «Wieso denn auch?» 27 Jahre unterrichtete sie an der Unterstufe im Triemlischulhaus, danach zehn Jahre in Alt­stetten.

«Schon etwas am Räumen»

In der Wohnung hat sich in all den Jahren seit dem Einzug der Familie Seglias nicht viel geändert. «Der Vater schwor auf Möbel von ‹Schwarz›, und da sehen Sie, wie haltbar die sind. Und auch schön, oder?» Orientteppiche bedecken die Böden, das Buffet ist aus etwas nachgedunkeltem Holz mit Glasvitrine, das Schuhkästchen hat gemusterte Vorhängchen, die Bettstatt ist massiv, auf einem hölzernen Notenständer liegen die abgegriffenen Noten eines Stücks von Antonín Dvorák. Silvia Seglias spielt seit 2001 im Senioren-Orchester Zürich Violine. Entschuldigend sagt sie: «Es ist im Moment nicht sehr ordentlich. Ich bin schon etwas am Räumen.»

An der Toilettentür hängt ein Zettel: «Türriegel verklemmt, bitte nicht schliessen.» – «Der klemmt schon lange», sagt Silvia Seglias. «Aber sonst ist die Wohnung gut im Schuss. Der Kochherd wurde sogar schon zweimal ersetzt. Das ist allerdings schon eine Weile her.» Der kleine Gasherd reiche ihr aber bei weitem. «Ich bin keine grosse Köchin.»

Im Quartier seien schon seit etwa zwei Jahren Gerüchte im Umlauf gewesen, dass mit den Häusern etwas gehe. «Allerdings hiess es immer, der Block auf der anderen Strassenseite werde abgerissen, und bei uns werde umgebaut. Da dachten wir, dass wir noch einmal Glück gehabt hätten.» Dann jedoch kam der Brief, in dem stand, dass alle Bewohner bis September 2019 draussen sein müssten. «Es war genau umgekehrt: Die anderen Blöcke werden umgebaut und un­sere abgerissen. Da hatten also die anderen Glück.»

«Wohnhäuser immer höher»

Was ging ihr durch den Kopf, als sie den Brief las? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen und ist ihr nachher etwas peinlich. «Zürich spinnt!» Nein, nein, so meine sie das natürlich nicht. «Ich frage mich einfach, ob es richtig ist, so viel abzureissen und dann alles neu zu bauen. Braucht es das wirklich?» Eine Weile habe man doch auch lauter Büros gebaut, die dann leer standen – «und nun werden die Wohnhäuser immer höher».

Im Haus kennt Seglias nur noch ganz wenige. Die Mieterschaft habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Vor kurzem sei endlich wieder einmal eine Familie mit vier Kindern eingezogen. Sie zeigt vom Küchenbalkon auf einen kleinen Spielplatz. «Endlich haben da wieder einmal Kinder gespielt.» Die Familie ist aber schon wieder ausgezogen. Sonst wohnen vor allem Studenten im Haus, die man eigentlich nur selten sehe. Eine ebenfalls betagte Bekannte lebe im Nachbarhaus, das auch abgebrochen wird. «Sie sucht jetzt intensiv nach einer Wohnung, findet aber nichts Zahl­bares.»

Es war eigentlich eine wirklich gute Genossenschaft.»

«Wissen Sie, diese Wohnungen waren und sind günstig. Herr Stephan à Porta war wirklich ein guter Mensch, er wollte Gutes tun und hat auch Gutes getan.» Sie bezahlt heute 768 Franken Monatsmiete – erst kürzlich sei die Miete sogar noch um einige Franken gesenkt worden. «Es war eigentlich eine wirklich gute Genossenschaft.»

Die À-Porta-Stiftung will in dem Neubau hälftig Familienwohnungen und Kleinwohnungen erstellen. Wie hoch die Mieten sein werden, ist noch nicht festgelegt. Der Geschäftsführer versicherte gegenüber dem TA jedoch, dass man bemüht sei, die Wohnungen so günstig wie möglich abzugeben. Fachleute gehen davon aus, dass eine Dreizimmerwohnung, die 700 Fran­ken Miete gekostet hatte, neu etwa doppelt so teuer sein wird – was aber, angesichts des Zürcher Durchschnitts, immer noch günstig sei.

Silvia Seglias hofft nun, dass die Stiftung ihrer Bekannten eine Ersatzwohnung anbieten werde. Doch was wird aus ihr? «Ich habe beschlossen, ins Altersheim zu gehen.» Angemeldet sei sie schon, doch wünscht sie sich insgeheim, dass es noch eine Weile dauert, bis ein Zimmer für sie frei wird. «Damit ich so lange wie möglich in der Wohnung bleiben kann.»

Erstellt: 28.07.2018, 12:08 Uhr

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