Nur 300 Gramm Fleisch pro Woche, kein Auto, keine Flüge

Wollen Zürcher die CO2-Ziele erreichen, müssen sie ihren Lebensstil «herb» umstellen. Trotz grosser Anstrengungen wurde bisher wenig erreicht.

Autobahn-Dreieck in der Allmend: In einer enkeltauglichen Welt würde es keine Autos mehr geben. Foto: Urs Jaudas

Autobahn-Dreieck in der Allmend: In einer enkeltauglichen Welt würde es keine Autos mehr geben. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war ein Vorsatz, der in die Zukunft reichte: 42 Jahre weit, eine gewaltige Distanz in der Politik. 76,4 Prozent der Zürcher Abstimmenden fanden Ende 2008, dass sie den Energieverbrauch der Stadt um mehr als die Hälfte senken wollten, auf 2000 Watt pro Einwohner.

Ab 2050 sollten die Zürcher nicht mehr auf Kosten anderer leben. Man wollte «enkeltauglich» sein, wie das heute heisst.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Und die Dringlichkeit des Vorsatzes hat sich weiter verschärft. Die Erderwärmung sei eine «Frage von Leben und Tod», sagte UNO-Generalsekretär An­tónio Guterres auf der Klimakonferenz, die diese Woche in Polen stattfindet.

Auf den ersten Blick haben die Zürcher ihren Vorsatz umgesetzt. So ist der Watt-Verbrauch pro Einwohnerin von 4300 im Jahr 2008 auf 3600 Watt im Jahr 2016 gesunken. Das erste, selbst gesetzte Etappenziel – 4000 Watt im Jahr 2020 – hat die Stadt damit locker erreicht. Auch im Vergleich mit der Restschweiz steht Zürich gut da: Dort lag der Pro-Kopf-Jahresverbrauch bei knapp 5000 Watt. Das liegt auch daran, dass Städterinnen in kleineren Wohnungen leben, kürzere Distanzen zurücklegen, mehr Tram fahren.

Bei diesen Zahlen handelt es sich um Hochrechnungen. Ein wichtiger Faktor ist darin nicht enthalten: die Energie, die der Konsum und die Ernährung der Zürcher verbraucht. «Diese Erhebung wäre zu aufwendig», sagt Georg Hafner, Leiter Energiestrategie beim Umwelt- und Gesundheitsdepartement.

Erdöl und Erdgas sollen weg

In der 2000-Watt-Theorie unterscheidet man drei Wege, um ans Ziel zu gelangen. 1. Eine bescheidene Lebensweise (Suffizienz). 2. Eine wirksame Nutzung der Energie (Effizienz). 3. Die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen (Konsistenz).

Die Fortschritte, die Zürich in den letzten zehn Jahren machte, gelangen vor allem dank Effizienz und Konsistenz. «Viele Geräte brauchen heute deutlich weniger Strom als früher, etwa Kühlschränke oder Fernseher», sagt Hafner. Auch die Trams würden ökologischer fahren. So bleibe der Stromverbrauch der Stadt in etwa gleich, obwohl diese jedes Jahr um mehrere 1000 Einwohner wächst. Der Pro-Kopf-Konsum sinkt also. Auch im Gebäudebereich passiere viel, sagt Hafner. Neubauten und renovierte Häuser seien heute viel besser isoliert. Das spare Erdöl und Erdgas.

Es gibt Alternativen

Schlechter sieht es bei den Treibhausgasen aus. Deren Ausstoss hat sich in den letzten zehn Jahren kaum verringert. Bis 2050 müsste er um mehr als das Vierfache schrumpfen, auf eine Tonne pro Mensch und Jahr. Ausserdem stehe man beim Heizen immer noch am Anfang, so Hafner. Erdöl und Erdgas sorgen für mehr als 45 Prozent des städtischen CO2-Verbrauchs.

Doch es gibt Alternativen: Wärmepumpen, Erdwärmesonden, Fernwärme. Sie setzen kaum CO2 frei. Die Stadt möchte den Umstieg mit Beratung und einer neuen Website fördern. «Dort können Hausbesitzer nach­schauen, welche Möglichkeiten der Wärmeversorgung sie haben», sagt Hafner.

Unvollständige Bilanz

Neuer Kühlschrank? Bessere Heizung? Solche Ersparnisse lassen sich machen, ohne den eigenen Lebensstil anzupassen. Und dies scheinen noch nicht viele Städter getan zu haben. Rund 40 Prozent des CO2-Ausstosses gehen auf Kosten des Fliegens und des Autoverkehrs, wobei die Anteile der beiden ähnlich gross sind. Im gesamten Kanton Zürich hat der Flugverkehr zwischen 2010 und 2015 um 58 Prozent zugenommen (eine Auswertung für die Stadt liegt nicht vor). Zwischen 2010 und 2015 ist der Autoverkehr in der Stadt Zürich hingegen um fünf Prozent zurückgegangen. Dafür wird mehr ÖV und Velo gefahren.

Geht es in diesem Tempo weiter mit dem CO2-Rückgang, reicht es kaum bis 2050. Dabei sei das Ziel von einer Tonne CO2 ökologisch bedeutender als die 2000-Watt-Marke, sagt Gabor Doka, der professionell Ökobilanzen berechnet. Dazu kommt: Die Zahlen der Stadt machen nicht den ganzen Verbrauch sichtbar. Dort fehle die graue Energie, sagt Doka (was die Stadt bestätigt). Auch die Ernährung müsse man dazurechnen. Diese trage heute über eine Tonne zur CO2-Gesamtbelastung bei.

In Wahrheit liege der CO2 der Zürcherinnen wohl bei acht Tonnen pro Kopf und Jahr, sagt Doka. «Wir sind also sehr weit weg vom Ziel.»

Eine herbe Umstellung

Für das Buch «Die andere Stadt» hat Doka ausgerechnet, wie Menschen leben müssten, um dieses Ziel zu erreichen. «Ausgegangen bin ich davon, dass es zehn Milliarden Menschen auf der Erde hat. Auch gewisse technische Neuerungen und Ökoeffizienzen habe ich berücksichtigt.»

Das Resultat seiner Berechnungen bezeichnet er als «herb». Der Konsum aller Menschen müsste sich auf Folgendes beschränken: 20 Quadratmeter Wohnraum, kein Auto, keine Flüge, sechs Kilometer Regionalzug pro Tag, 1000 internationale Zug- und 1000 Schiffskilometer pro Jahr, 15 Kilo Fleisch und rund 20 Liter Milch im Jahr, 70 Liter Wasser pro Tag, drei Stunden Internet pro Woche. «Man könnte das Ökobudget allerdings auch anders auf die verschiedenen Kategorien verteilen.»

Kein Auto, kleinere Wohnungen, Ferien mit dem Zug. So sähe der optimale energetische Lebensstil aus.

Dank technischem Fortschritt werde vielleicht etwas mehr Konsum drin liegen, sagt Doka. Doch nicht sehr viel. Das Resultat lasse sich aber auch positiv deuten. «Immerhin können die vorhergesagten zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, ohne sie zu zerstören.»

Wie aber soll man die Zürcher­innen und Zürcher dazu bringen, sich der «herben» Umstellung zu nähern? Mit Prävention? Steuerreduktionen? Oder geht das den Staat gar nichts an? «Wir sollten die Welt so gestalten, dass die Leute automatisch das Richtige tun», sagt Felix Moser, Präsident der städtischen Grünen. Als Beispiel nennt er das Velofahren. Dieses müsse in der Stadt bequemer werden, als sich im Auto fortzubewegen. Daher verlangten die Grünen, Velowege auszubauen und bestehende Parkplätze aufzuheben.

Die Stadt möchte ihren Bewohnern «Optionen aufzeigen», um Energie zu sparen. Die Entscheidung, was der oder die Einzelne wirklich umsetzen wolle, liege aber bei diesen.

Die Schweiz müsste folgen

Georg Hafner findet, dass sich Zürich auf einem guten Weg befinde. «Die Stadt kann eine Vorreiterrolle übernehmen. Wichtig ist, dass der Kanton und der Bund mitziehen. Und es braucht weitere Anstrengungen.»

Hafner glaubt, dass sich unter den Städterinnen und Städtern gerade ein klimafreundlicher Lebensstil ausbreite: kein Auto, kleinere Wohnungen, Ferien mit dem Zug. «Immer mehr Leute sehen das nicht als Verzicht, sondern als Befreiung.»

stadt-zuerich.ch/energis (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 09:32 Uhr

Artikel zum Thema

Alte Knochen verhindern ein Stück 2000-Watt-Gesellschaft

In Zürichs Innenstadt ist ein ökologisches Projekt an den starren Vorgaben für die Archäologie gescheitert. Mehr...

Nur noch ein Parkplatz pro Wohnung im Kanton Zürich?

Ein «vertrauliches» Dokument zeigt: SVP-Regierungsrat Markus Kägi will das Parkplatzregime auf privatem Grund verschärfen. Mehr...

2000-Watt-Gesellschaft: Nebst Datenlücken auch falsche Zahlen

Zahlensalat statt präziser Fakten: Das Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP) liefert falsche Daten zur 2000-Watt-Gesellschaft. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...