Das abrupte Ende einer Zürcher Uni-Legende

100 Jahre lang versorgte eine Stiftung Studierende mit vergünstigten Produkten – bis sie ihre Läden fast über Nacht schliessen musste. Die Hintergründe.

Die Restposten einer 100-jährigen Institution: Geschlossener Studenten-Kiosk im Uni-Hauptgebäude. Foto: Doris Fanconi

Die Restposten einer 100-jährigen Institution: Geschlossener Studenten-Kiosk im Uni-Hauptgebäude. Foto: Doris Fanconi

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Am 5. Dezember rückten die Beamten des Konkursamtes Hottingen in die Universität Zürich aus. Seither ist die Tür des Studenten-Kiosks im Hauptgebäude versiegelt. Darunter eine Warnmeldung: Wer Produkte entferne oder auch nur die Tür öffne, müsse mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Hinter der Glasfassade liegen die Restprodukte im Halbdunkel: ein paar Schokoriegel, Zigarettenpäckli, ein dickes Skript mit der Aufschrift «Einführung in die medizinische Radiologie». Die Studentin, die es bestellt hat, wird es nicht in Empfang nehmen können. Der Kiosk bleibt für immer geschlossen.

Es ist ein trostloses Bild, das so gar nicht zur erhabenen Universität passen will. Die gleiche Tristesse präsentiert sich in den sechs anderen Filialen der Zentralstelle der Studentenschaft der Universität Zürich (ZSUZ): vier im Universitätsviertel und zwei auf dem Irchel-Campus – alle geschlossen. 28 Angestellte haben ihren Job verloren. «Das macht mich traurig», sagt eine Linguistikstudentin. Jeden Morgen habe sie im Kiosk ihren Kaffee bestellt. «Die Läden und ihr Personal waren für mich fixer Bestandteil des Unibetriebs.»

Plötzlich auf der Strasse

1907 wurde die Stiftung gegründet. Es gab seither kaum einen Studierenden, der ihren Service nicht in Anspruch nahm. Sei es in den Copy-Shops, Papeterien, Kiosks oder über das Job-Vermittlungsportal. «Wir waren so etwas wie das Dienstleistungsunternehmen für die Studierenden», sagt Beat Meier. Er war bis zum Schluss Stiftungsratspräsident.

Das Ende der Institution vollzog sich innert weniger Tage. Ende November wurden die Mitarbeitenden über die Kündigung informiert. Kurz danach, mit der Intervention des Konkursamtes, endete ihr letzter Arbeitseinsatz. «Ich bin immer noch fassungslos», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleiben will. Nichts Böses habe sie geahnt. Jetzt stehe sie auf der Strasse.

Der Stiftungsrat bat die Unileitung mehrfach um finanzielle Unterstützung – vergeblich.

Wirtschaftliche Probleme, vorangetrieben durch die Digitalisierung, haben die ZSUZ in den Konkurs getrieben. Einige Geschäftsfelder waren rückläufig. Im letzten Jahr resultierte gemäss Meier ein Verlust von einem tiefen sechsstelligen Betrag bei einem Umsatz von über fünf Millionen Franken.

Die Probleme waren schon lange bekannt. Die Schliessung einer defizitären Druckerei im Sommer brachte keine Rettung. Der Stiftungsrat bat die Unileitung mehrfach um finanzielle Unterstützung – vergeblich. Die Universität fühlt sich nicht verantwortlich. «Die ZSUZ war eine von der UZH rechtlich unabhängige Stiftung», sagt Unisprecher Beat Müller auf Anfrage. Die rechtliche Grundlage für eine finanzielle Unterstützung sei nicht vorhanden gewesen.

Aus rein formaler Sicht mag das stimmen. Die Universität hätte jedoch die Möglichkeit gehabt, die Stiftung als interne Institution anzuerkennen, womit sich eine Unterstützung hätte rechtfertigen lassen. Gemäss Stiftungsratspräsident Meier ist dies Streitpunkt der Verhandlungen gewesen. Die Universität liess sich nicht umstimmen. Für die ZSUZ sollten die gleichen Voraussetzungen gelten wie für andere private Anbieter auf dem Gelände der Universität.

Enge Verflechtung

Die ZSUZ war seit je eng mit der Universität verbunden. Im neunköpfigen Stiftungsrat sassen fünf Studierende und vier externe Mitglieder. Von Letzteren stammen zwei aus der Leitungsstruktur der Universität. Ausserhalb der Hochschule verdiente die Stiftung kein Geld. Sie richtete sich nach den Interessen der Studierenden – so lautete ihr Auftrag.

Zu Misswirtschaft war es in den 90er-Jahren gekommen, wie aus einem Artikel der «Zürcher Studierendenzeitung» aus dem Jahr 2010 hervorgeht. Von «Intrigen, Bilanzmanipulatoren und Hobbyspekulanten» ist die Rede. Einer der Geschäftsführer habe sich einen Privatchauffeur geleistet, um nicht mit dem Tram zwischen Uni Zentrum und Irchel pendeln zu müssen. Mehrere 100 000 Franken Lohn habe er sich ausbezahlt. Geld, das vielleicht zur Rettung der Stiftung beigetragen hätte.

Vermeintlich einfache Vorgänge werden zur Herausforderung.

Das abrupte Ende der ZSUZ hat negativen Einfluss aufs Studentenleben. Vermeintlich einfache Vorgänge werden zur Herausforderung. Die ZSUZ-Campuskarte berechtigte Studierende zum Ausdruck und Kopieren an 90 verschiedenen Geräten. Mit dem Ende der Stiftung können die Karten nicht mehr aufgeladen werden, bestehende Guthaben drohen zu verfallen. «Ich hatte noch über 200 Franken auf der Karte», sagt ein Geschichtsstudent. Eine Rückerstattung des Geldes ist unwahrscheinlich, informiert aktuell der Studierendenverband VSUZH auf seiner Plattform. Forderungen können zwar beim Konkursamt angemeldet werden. Doch Beträge unter 10'000 Franken würden kaum berücksichtigt.

Im Dezember wichen viele Unistudenten in die benachbarte ETH-Druckerei aus. Diese verzeichnete einen plötzlichen Ansturm – und ergriff Massnahmen: Seit dem 3. Januar heisst es ETH First. Diverse Dienstleistungen dürfen den Unistudierenden nicht mehr angeboten werden, nur jenen der ETH. Die Universitätsleitung arbeitet zurzeit an der Einführung eines neuen Drucksystems. Wann dieses kommt, kann die Medienstelle auf Anfrage nicht beantworten. Das Gleiche gilt für andere vergünstigte Angebote, von denen Studierende profitieren konnten: Fachliteratur, Skripte, Kiosk oder Papeterieartikel.

Kommt privater Anbieter?

Die Studierendenvereinigung VSUZH führte eine interne Befragung durch. Diese ergab, dass 91 Prozent der Studierenden die ZSUZ-Läden vermissen. Knapp 2000 Personen nahmen an der Umfrage teil. Verschwunden ist auch das Stellenvermittlungsportal Campus Career, das sich gemäss Meier bis zuletzt grosser Beliebtheit erfreut habe.

Um die Angebotslücke zu füllen, wurde eine Taskforce gebildet – aus Vertretern der Studentenschaft und der Hochschulleitung. In den Verhandlungen, die heute fortgesetzt werden, geht es auch um die Frage der Privatisierung: Soll das Angebot durch rein kommerzielle Anbieter übernommen werden? Die Hochschulleitung möchte dies zum jetzigen Zeitpunkt zumindest nicht ausschliessen. Hoffnung besteht für die entlassenen Mitarbeiter. Eine Beschäftigung in einer allfälligen Nachfolgelösung sei «eventuell» möglich.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 22:12 Uhr

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