Das Milliarden-Business mit den Kiffern

In Zürich treffen sich derzeit Cannabis-Händler aus der ganzen Welt. Mittendrin: die Zürcher Firma Cannaflora.

Jungunternehmer im CBD-Business: Chris Egger und Benjamin Steffen. Foto: Andrea Zahler

Jungunternehmer im CBD-Business: Chris Egger und Benjamin Steffen. Foto: Andrea Zahler

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Man kann es sehen, hören – und riechen. Diese Branche umweht ein jugendkulturelles Flair. Auffällig bunt sind einige Anzüge an dieser Konferenz. Unter den Teilnehmenden findet sich der eine oder andere Barfüssige mit Rastafrisur. Auf dem Podium und in den Gesprächen fällt die manchmal aufbrausende, oft ungeschliffene Sprache auf. Draussen auf dem Balkon kursieren früh schon die Joints.

Willkommen an der International Cannabis Business Conference (ICBC), die vorgestern im Zürcher Luxushotel Atlantis zum ersten Mal über die Bühne ging. 300 meist junge Branchenvertreter aus 30 Ländern hören in dieser gepflegten Umgebung Panels zu, tauschen Nummern aus und probieren Produkte. Für ein Ticket haben sie fast 600 Franken bezahlt.

Der US-amerikanische ICBC-Gründer Alex Rogers sagt: «Toll, diese Cannabis-Entrepreneure. Und alle im Anzug.» An dieser Messe zeigt sich eine Branche, die innert weniger Jahre zum weltumspannenden Milliardengeschäft angewachsen ist. Rogers sagt: «Die Schweiz ist drauf und dran, zum europäischen Cannabis-Drehkreuz zu werden.» Seit fünf Jahren veranstaltet Rogers die ICBC in Berlin, Barcelona, Vancouver und San Francisco. Und nun in Zürich.

200 Grosskunden in Europa

Unter den Zuhörern im Saal sind auch zahlreiche Zürcher Unternehmer. Benjamin Steffen ist 29 Jahre alt und führt zusammen mit seinen Geschäftspartnern Gregory und Patrick Nötzli die in Altstetten beheimatete Firma Cannaflora. Ihr Geschäft ist der CBD-Hanf, jenes in der Schweiz mittlerweile in zahlreichen Raucherwaren und Lebensmitteln vorkommende Cannabisprodukt, das nicht high macht, weil es weniger als 1 Prozent THC enthält. Dem darin wirksamen Stoff Cannabidiol wird entspannende und heilende Wirkung nachgesagt. Cannaflora verkauft Setzlinge, Marihuanablüten und -extrakte europaweit an über 200 Grosskunden.

Erlaubt wäre das Geschäft mit dem CBD seit 2011. Damals erhöhte der Bund den Grenzwert auf 1 Prozent, um die Produktion von Industriehanf zu erleichtern. Als ab 2012 US-Bundesstaaten damit begannen, Cannabis zu erlauben, wurden auch die Schweizer Firmen aktiv im Experimentieren mit CBD. 2016 ging in der Schweiz der erste CBD-Joint über die Ladentheke. Danach ging es steil bergauf.

«Das Geschäft hat sich innerhalb des letzten Jahres stark professionalisiert», sagt Steffen. Die Goldgräberstimmung, im Zuge derer jede und jeder leicht Geld verdienen konnte, sei zwar vorüber. Wer nicht rechnen konnte, sei rasch untergegangen. Doch Cannaflora hat in den eineinhalb Jahren ihres Bestehens ihren Umsatz nach eigenen Angaben verfünfzehnfacht. 600'000 Franken setzten sie im Monat um, sagt Steffen. Die Firma wurde erst kürzlich auf 6 Millionen Franken geschätzt.

«Der Schweizer CBD-Markt ist nur eine Vorstufe zum Handel mit THC-Cannabis.»Alex Rogers, ICBC-Gründer

Die Geschäftsleute, das Wachstum, die Professionalisierung – sie weisen auf etwas hin, das auf den Podien an der Konferenz fast immer zur Sprache kommt: der Schweizer CBD-Markt ist nur eine Vorstufe zum Handel mit THC-haltigem Cannabis. «Die Branche ist bereit, die Infrastruktur vorhanden», sagt Steffen. «Die Schweiz ist ein Versuchslabor für den europäischen Markt», sagt der Organisator Rogers. Für ihn ist klar, dass die Legalisierung nur eine Frage der Zeit ist.

Auch Schweizer Suchtexperten sagen, dass der jetzige CBD-Boom zu einer Normalisierung von Hanf beitrage. Und ein Schritt hin zur Legalisierung bedeuten könnte. Sie warnen aber auch: Eine solche müsse sorgfältig geplant und eng reguliert werden. Etwa mit einer Einschränkung der Verkaufsstellen, mit strengen Werberegeln oder Erziehungsmassnahmen.

Für Steffen geht es jetzt erst mal darum, Know-how auszutauschen in einem Geschäft, in dem noch vieles ungeregelt sei. Ein Grund dafür: Innert weniger Jahre hat die Branche von der Illegalität in die Legalität gedreht wie ein Umkehrbild. Mit denselben daran beteiligten Händlern und Produzenten. Infrastruktur war vorhanden, Regeln nicht oder nur rudimentär.

Das habe zu bisweilen absurden Situationen in der Zusammenarbeit mit den Behörden geführt, sagt Steffen: Als die Polizei einmal ihr Büro aufgrund eines Wasserschadens aufgesucht habe, habe sie sogleich einen Teil des Sortiments beschlagnahmen wollen. Oder er erzählt von CBD-haltigen Lippenpomaden, die eine andere Firma aus dem Verkehr habe ziehen müssen. Und von 20 Tonnen CBD-Gras, das am Zoll in Chiasso liegen geblieben sei, weil keiner der Beamten die rechtliche Lage kannte.

5000 bis 8000 Beschäftigte

Viele von denen, die in der Branche arbeiten, werden von ihren Chefs über die rechtlichen Gegebenheiten informiert. Beobachter schätzen die Anzahl der im CBD-Markt Beschäftigten zwischen 5000 und 8000. Sei es in der Produktion, der Weiterverarbeitung oder in der Herstellung von Maschinen.

Laut einer groben Schätzung der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) macht die Branche rund 60 Millionen Franken Umsatz pro Jahr. Da die Tabaksteuer bei Kleinmengen 25 Prozent beträgt, verdient der Staat mit CBD-haltigem Cannabis pro Jahr rund 15 Millionen Franken. Mit diesem Betrag rechnet die EZV auch für die kommenden Jahre, wie sie auf Anfrage schreibt.

Einen Eindruck vom boomenden Geschäft gibt an der Konferenz auch der Hauptredner und ehemalige republikanische Kongressabgeordnete Dana Rohra­bacher. «There’s a wave coming», sagt der 71-Jährige, der damals unter Präsident Reagan arbeitete und sich heute für die Legalisierung von Cannabis einsetzt. «Und ihr alle repräsentiert die Welle.» Die Menge applaudiert.

Mehr als 20 Millionen Follower

Ein wichtiger Grund dafür, warum sich die Schweiz zu besagtem Drehkreuz für Cannabishandel mausert, liegt beim psychoaktiven Wirkstoff THC. Mit einem Prozent ist der Grenzwert hierzulande fünfmal höher als der in den umliegenden Ländern erlaubte. Weil bei der Zucht die Höhe des CBD- mit dem ­THC-Gehalt korrespondiert, erreichen die Schweizer Züchter generell potenteres Gras. Bei der Exportware wird das THC auf chemische Weise wieder entfernt, übrig bleibt der hohe CBD-Wert. «Das Experimentieren mit potentem Gras gab der Schweiz einen Wissensvorsprung», sagt Steffen.

Für besagten Schweizer Vorsprung steht auch die in Zürich ansässige Beraterfirma High Life Media Consulting. Ihre Social-Media-Plattformen weisen mehr als 20 Millionen Follower auf. Will eine Cannabisfirma Aufmerksamkeit, gelangt sie an High Life. Die Firma berät Händler und Veranstalter in Social-Media-Fragen. Dies sei wichtig, sagt deren Gründer Marco Cadisch, da Facebook und Google die Werbung für solche Produkte nicht erlaubten.

Investoren klopfen an

Wie schnell sich das Geschäft verändert, zeigen auch ausländische Grosskonzerne mit Namen wie Aurora oder Tilray, die derzeit in die Schweiz drängen. Novartis ist laut «Handelszeitung» eine strategische Partnerschaft mit einem kanadischen Grosshändler eingegangen. In den USA und in Kanada mischen die Tabakmultis mit im Geschäft. Auch bei Cannaflora haben bereits Grossinvestoren angeklopft. Doch vorerst will man bei der kleinen Zürcher Firma nichts davon wissen.

Dass es hierzulande aber zu Übernahmen kommen werde, darin ist man sich an der ICBC einig. Auch, dass sich damit die Branche verändern wird. So wird sie sich wohl dereinst anders anschauen und auch anders anhören. Geschliffener, angepasster, erwachsener vielleicht. Sicher ist: Jugendlich riechen wird sie auch dann noch.

Erstellt: 17.05.2019, 22:15 Uhr

Die Hanfmesse

Die Cannatrade existiert seit 2001 und gilt damit als die älteste Hanfmesse Europas. Mit dem blühenden CBD-Geschäft hat sie in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. 200 Aussteller, 1000 Branchenvertreter und mehr als 10'000 Besucher werden laut Veranstaltern an diesem Wochenende in der Halle 622 in Zürich Oerlikon erwartet. Nebst Podiumsgesprächen mit Politikern, Patienten und Professoren gibt es Darbietungen von Künstlern, eine Live-Glasbläser-Show für Rauch-Utensilien oder einen Wettbewerb für Grassorten und Grow-Techniken. Daneben stehen zahlreiche Foodstände mit Hanfprodukten, Einblicke in die Welt der Cannabis-Comics oder die erste Schweizermeisterschaft im Jointdrehen auf dem Programm. (dsa)

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