Das Café Boy soll wieder zur Stammbeiz der Linken werden

Im Restaurant beim Zürcher Lochergut wirtet ein neues Team, Pächterin ist eine SP-nahe Genossenschaft. Diese hat sich hohe Ziele gesteckt.

Das neue Team fürs legendäre Café Boy (v.l.n.r.): Vivien Jobé, Emy Lalli, Roman Wyss und Edith Pfister.

Das neue Team fürs legendäre Café Boy (v.l.n.r.): Vivien Jobé, Emy Lalli, Roman Wyss und Edith Pfister. Bild: Andrea Zahler

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Das Interesse war gross: Rund 30 Bewerber wollten das Café Boy pachten, nachdem das Gastronomen-Duo Jann Hoffmann und Stefan Iseli das Lokal beim Lochergut im Juni verliess. «Entschieden haben wir uns für das ambitionierteste Projekt», sagt Thomas Kamber, Vorstandsmitglied der Bonlieu Genossenschaft, der das Café Boy gehört. Damit gehe man zwar ein Risiko ein. «Aber wir unterstützen die Ideologie dahinter.»

Diese Ideologie ist links. Die neue Pächterin ist die SP-nahe Genossenschaft «Wirtschaft zum guten Menschen», die 2016 unter anderem mit Kapital aus dem Legat der verstorbenen Alt-Nationalrätin Ursula Leemann-Bossard gegründet wurde. «Wir wollten ein Daheim im Kreis 4», sagt die Präsidentin und ehemalige SP-Kantonsrätin Emy Lalli.

«Wir wollten ein Daheim im Kreis 4.»Emy Lalli (SP)

Die Suche danach stellte sich aber als schwierig heraus. Sie habe rund 70 Lokale abgeklappert und viele Bewerbungen geschrieben, sagt Lalli. Nun habe man endlich einen Ort für das Projekt gefunden. «Grösse, Standort, Geschichte: Hier passt einfach alles», sagt Lalli.

Gegründet wurde das Café Boy 1934 von der Proletarischen Jugend Zürich, der Vorgängerorganisation der Genossenschaft Bonlieu. Im vergangenen Jahrhundert war das Gebäude im Stil des Neuen Bauens ein wichtiger Treffpunkt der linken Szene und der Jugendbewegungen der 68er- und 80er-Jahre.

Vom Schlüssel ins Boy

Jetzt soll das Café Boy wieder eine Beiz für die Linke werden. Dafür verantwortlich ist Vivien Jobé, ehemalige Juso-Generalsekretärin und Absolventin der Hotelfachschule Luzern. In ihrem Konzept zeigt sich, was Thomas Kamber mit «ambitioniert» meint: Die Arbeitsbedingungen und Löhne sollen fair sein, das Essen und Trinken am liebsten direkt von Zürcher Bauern stammen, zumindest aber saisonaler und regional sein – und all das bei bezahlbaren Preisen. «Diesen Bogen zu spannen, ist tatsächlich nicht ganz einfach», sagt Jobé.

Edith Pfister ist die neue Boy-Wirtin, Roman Wyss der Küchenchef. Foto: Andrea Zahler

Ob es gelingt, hängt stark von zwei Personen ab: Von Gastgeberin Edith Pfister und Küchenchef Roman Wyss, die Jobé vom Konzept überzeugen konnte. Wyss hat sich in den vergangenen dreizehn Jahren im Restaurant Schlüssel einen Namen gemacht, das für seine bodenständige Küche bekannt ist.

«Direkter mit den Produzentinnen und Produzenten zusammenarbeiten – davon habe ich seit 20 Jahren geträumt.»Roman Wyss, Küchenchef

«Direkter mit den Produzentinnen und Produzenten zusammenarbeiten – davon habe ich seit 20 Jahren geträumt», sagt Wyss. Es bleibe aber noch etwas länger ein Traum. Er habe bei Gesprächen mit Bauern und Fischern festgestellt, dass die Logistik für die direkte Lieferung ab Hof oder Fischerei kaum vorhanden sei. Dieses System könne man nicht auf die Schnelle ändern, sagen Jobé und Wyss. Jetzt müsse man sich Schritt für Schritt weiterentwickeln, weiter mit den Produzenten und Produzentinnen reden, sich vielleicht mit anderen Restaurants zusammentun.

Gegen Foodwaste

Immerhin: Das Gemüse sei bereits biologisch und aus der Region, alle Produkte würden mit wenigen Ausnahmen aus der Schweiz stammen. Grosse Hoffnung setzt Roman Wyss in den Verein Grassrooted. Dieser bezieht das Gemüse, das wegen falscher Masse oder Überproduktion im Abfall landen würde, direkt von Landwirten aus der Region. Initiant ist der Klimaaktivist Dominik Waser.

«Ich werde seine Produkte als erstes berücksichtigen», sagt Wyss. Das könne auch einmal heissen, dass ein Gemüse eine Zeit lang die Karte dominieren könne. Vor einem Jahr bot Grassrooted beispielsweise 28 Tonnen Tomaten eines Bauern an.

Abends gibts den «Rettungsteller»

Um selber möglichst wenig Lebensmittel zu verschwenden, setzt das Café Boy abends auf einen «Rettungsteller» mit Gerichten, die am Mittag übrig geblieben sind. Ein Vegi-Restaurant wird das Boy aber nicht. Zwar gebe es sicher auch immer vegetarische Gerichte auf der Karte. Wyss will sich aber treu bleiben und eine bodenständige, währschafte Küche anbieten. «Je älter ich werde, desto lieber habe ich einfache, gute Gerichte», sagt Wyss. Als Beispiel nennt er das Siedfleisch Boy, das im Winter mit Bouillon und im Sommer als Salat serviert werde, je nach Saison.

Das Spannungsfeld zwischen teuren Produkten und fairen Löhnen auf der einen und bezahlbaren Preisen auf der anderen Seite, versucht das neue Team mithilfe einer breiten Preisspanne zu lösen. So gibt es auf der neuen Karte eine Suppe mit Büürli für 15 Franken. Weil aber Fleisch aus guter Produktion seinen Preis habe, könne ein Gericht mit einem Lammkotelett auch mehr kosten. Als Obergrenze hab man sich 43 Franken gesetzt, den Hackbraten gibt es für 36 Franken. «Diesen braucht es in jedem Restaurant, das eine Beiz sein will», findet Wyss.

«Wir reservieren nie alle Plätze»

Dass das Café Boy zu einer echten Beiz wird, dafür soll auch Gastgeberin Edith Pfister sorgen. Die Politik werde zwar eine wichtige Rolle spielen, etwa bei SP-Versammlungen, beim monatlichen Polit-Stammtisch und an Wahlsonntagen. «Aber wir wollen auch ein ganz normales Resti sein, das offen für das Quartier und alle Menschen ist», sagt Pfister. Das Boy werde deshalb sieben Tage mittags und abends geöffnet sein, für Familien gibt es Kinderteller und am Sonntag einen Familienbrunch. Und Gäste könnten immer auch spontan kommen: «Wir reservieren nie alle Plätze», sagt Pfister.

Fehlt zur echten Beiz nur noch das Jassen, findet Emy Lalli. «Das kann man fast nirgends mehr in der Stadt Zürich», sagt sie. Im neuen Café Boy soll auch das möglich sein.

Die Genossenschaft «Wirtschaft zum guten Menschen» feiert am Samstag und Sonntag die Wiedereröffnung des Café Boy mit Tavolata, Musik und Lesung. Das vollständige Programm finden Sie hier.

Erstellt: 11.09.2019, 12:12 Uhr

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