Das Café Boy verliert seine Wirte

Wo einst die Revolution geplant wurde, steht nun die Revision an. Jann Hoffmann und Stefan Iseli hören nach neun Jahren im Restaurant beim Lochergut auf.

Muss saniert werden – und braucht neue Wirte: Das Café Boy an der Kochstrasse.

Muss saniert werden – und braucht neue Wirte: Das Café Boy an der Kochstrasse. Bild: Urs Jaudas

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Die Boys gehen: Das Gastronomen-Duo Jann Hoffmann und Stefan Iseli zieht einen Schlussstrich und verlässt «sein» Lokal Ende Juni. Übernommen hatten sie das Café Boy im Sihlfeldquartier 2010, nachdem es sieben Jahre lang als Kantine einer Computerfirma gedient hatte.

Nun muss die Genossenschaft Bonlieu, der das Bauhaus-Gebäude an der Kochstrasse gehört, eine Nachfolge für die beiden erfolgreichen Gastronomen suchen. Dieser Prozess sei schon weit fortgeschritten, sagt Vorstandsmitglied Thomas Kamber. Und: «Wir sind in intensiven Verhandlungen mit potenziellen Nachfolgern.»

Ausgezeichnete Küche, anstrengende Arbeit

Mit der Übernahme der damals 33- und 35-jährigen Hoffmann und Iseli ist das Lokal aufgeblüht. Die gutbürgerliche, schnörkellose und doch gehobene Küche wurde von Gastrokritikern und Besuchern geschätzt, Reservationsanfragen mussten immer wieder enttäuscht werden. «Es waren neun gute Jahre», fasst Iseli zusammen.

Hier standen sie noch ganz am Anfang ihrer Zeit im Café Boy: Stefan Iseli und Jann Hoffmann im Jahr 2010. Bild: Sabina Bobst

«Es waren aber auch neun anstrengende Jahre», ergänzt Hoffmann. Kochen auf diesem Niveau sei vergleichbar mit Spitzensport: Wenn sich der Erfolg einstellt, zwar erfüllend, aber doch zehrend. Es habe kaum Abende gegeben, an denen beide gleichzeitig abwesend waren. «So sind viele Gäste gute Freunde geworden», sagt Iseli.

Doch so viele Bekanntschaften entstanden sind, so wenig Zeit hatten die umtriebigen Gastgeber für Privates. Hoffmann und Iseli sind während ihrer Zeit im Café Boy beide zweifache Väter geworden. Nun gönnen sie sich erst einmal eine Auszeit, wollen nachdenken und mehr Zeit mit der Familie verbringen. Wie es beruflich weitergeht, das wissen sie noch nicht.

«Wir wollen kein Chichi, kein Täfer an den Wänden, keine Vorhänge mit Mäscheli.»Thomas Kamber, Vorstand der Genossenschaft Bonlieu

Die Gelegenheit einer Neuorientierung hat sich ergeben, weil im Juni Sanierungsarbeiten im Gebäude geplant sind. Die Kanalisation für das ganze geschichtsträchtige Gebäude und die Lüftung für Küche und Gastraum müssen erneuert werden, sagt Thomas Kamber von der Genossenschaft. Zudem wird eine Dämmung in der Decke zur Verbesserung der Akustik eingebaut. Die Lautstärke im vollen Restaurant wurde von Gästen teilweise kritisiert.

Trotz Umbau: Vieles bleibt gleich. Zum Beispiel die schlichte Einrichtung im Restaurant: einfacher Holzboden, schwarze Stühle, Holztische. Die neuen Pächter dürften sich zwar einbringen – «aber wir wollen kein Chichi, kein Täfer an den Wänden, keine Vorhänge mit Mäscheli», sagt Kamber. Die Fassade des 1934 erbauten Gebäudes soll in der heutigen und damit historischen Form Bestand haben.

Und auch in der Gastronomie hätten Iseli und Hoffmann fürs Boy eine sehr gute Grundlage erschaffen, sagt Genossenschafter Kamber. Man wolle auch in Zukunft eine einfache Küche mit hohem Qualitätsanspruch anbieten. Gut denkbar sei, dass die Karte günstiger werde.

Ein Haus mit bewegter Geschichte und bemerkenswerter Architektur: Das Café Boy im Sihlfeldquartier. Bild: Urs Jaudas

Schliesslich wird auch der Name «Café Boy» unabhängig von den neuen Pächtern bleiben. Seit der Eröffnung 1934 prangt der Schriftzug über dem Eingang des Gebäudes. Ein Gebäude, dessen Geschichte aus mindestens zwei Gründen erwähnenswert ist.

Erbaut von der Proletarischen Jugend Uster – der Vorgängergenossenschaft der heutigen Genossenschaft Bonlieu –, sollte hier ein Wohn- und Lebensraum für junge Arbeiterinnen und Arbeiter entstehen. Und das Café Boy blieb in einem bewegten Jahrhundert ein wichtiger Ort für die Zürcher, Schweizer und die europäische Linke. Für Verfolgte des Faschismus diente es als Rückzugsort, später avancierte es unter anderem zum Versammlungsort für die Jugendbewegung der 68er und 80er.

Und auch architektonisch ist das Gebäude im Stil des «Neuen Bauens» von Bedeutung. Die einzige Wölbung am Eingang, sonst klare, gerade Linien – Charakterzüge, die an Ikonen des Baustils erinnern. Das Haus repräsentiere – wie die aktuelle Küche – eine Art Luxus der Einfachheit, sagt Hoffmann.

Ein Quartier im Wandel

In der jüngeren Vergangenheit hat sich weniger das Gebäude als das Quartier rundherum grundlegend verändert. Als Hoffmann und Iseli das Lokal übernahmen, rollten direkt vor dem Café Boy noch täglich 23’000 Autos vorbei. Dann wurde die Westtangente gesperrt, die den Transitverkehr mitten durch die Stadt lenkte.

«Wir sind froh, dass wir das Quartier seither mitentwickeln durften», sagt Iseli. 2010 hätte es an der Badenerstrasse vor allem Sexshops und Brockenstuben gegeben. «Wenn es nach der Arbeit auf einen Absacker gehen sollte, gab es genau eine Möglichkeit: das Meyer’s.» Heute ist das verkehrsberuhigte Quartier im Trend, den Absacker können die Wirte in schier zahllosen Bars trinken.

Die scheidenden Pächter beschreiben diesen Wandel als vorwiegend positiv. Und doch sehen sie auch kritische Punkte, gerade auch, was die Gastronomie betrifft: «Heute ist alles schnelllebiger», sagt Iseli. «Ich vermisse manchmal den Gast, der sich Zeit lässt, sich verwöhnen lässt, der drei Stunden im Lokal ist und vielleicht auch einmal eine zweite Flasche Wein bestellt.»

Für Iseli und Hoffmann haben genau solche Gäste und die Freundschaften zu ihnen das Boy ausgemacht. Hoffmann freut sich schon auf die getauschten Rollen – und er im neuen Café Boy selber Gast sein kann.

Gäste können im Café Boy am 19. Juni zum letzten Mal Nachtessen, bevor die rund zweimonatigen Sanierungsarbeiten beginnen. Das Datum der Neueröffnung ist noch offen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2019, 15:06 Uhr

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