Das Dirndl, eine Zürcher Tracht

Es war einst fast undenkbar, dass eine Zürcherin in ein Dirndl schlüpft. Mittlerweile ist das an der Tagesordnung, wenn «o’zapft is».

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Die junge dunkelhaarige Frau betritt in Jeans und Sweatshirt den Laden und ist bald darauf kaum wiederzuerkennen. Sie trägt eine weisse Bluse mit Puffärmelchen, hat ein grünes Mieder geschnürt und eine geblümte Schürze umgebunden. Im grünen Dirndl dreht sie sich lächelnd vor dem Spiegel. Sie geht ans Oktoberfest aufs Bauschänzli, wo dieses Wochenende «o’zapft is».

Kurz zuvor haben zwei junge Männer in Lederhosen posiert. Sie wollen am Oktoberfest in Uster gute Figur machen. Sonst hören sie Hip-Hop, Funk oder House. Heute Abend sollen es am Oktoberfest Züri-Oberland Sepp Mattlschweiger & Quintett Juchee sein. Ihr Hit: «Im Himmel ist die Hölle los, da oben tanzt heut Nacht der Bär.»

Sehr kleidsam, findet der Lederhosenträger

Es sei «ungewohnt», sagt die junge Frau im grünen Dirndl, während sie den knielangen Rock schwingen lässt. Exakt dasselbe – «ungewohnt» – meinte kurz zuvor eine andere Kundin, die ein hellbraun schimmerndes Dirndl trug. «Bequem» fanden es die beiden Burschen in den weiten Lederhosen. Bequem findet seine Lederhosen auch Kurt Oetterli: «Und sehr kleidsam.»

Kurt Oetterli ist Geschäftsführer des Kostümladens Atop in Zürich-Hottingen, der derzeit im Schaufenster mit dem Verkauf und dem Verleih von Dirndl und Lederhosen wirbt. Er hat 2005 das Geschäft von seinem Vater übernommen. Dieser war Maskenbildner und Perückenmacher am Opernhaus, das damals noch Stadttheater hiess. Der Sohn ist gelernter Kaufmann: «Ich war aber von klein auf fasziniert von Masken, Schminke, Büffelhaarbärten und Kunstblut.»

Dirndl trifft Zombie trifft Samichlaus

Das Geschäft läuft gut, trotz Konkurrenz aus dem Internet. So gut, dass Oetterli vor kurzem eine Filiale in Altstetten eröffnet hat. «Mir scheint, die Menschen mögen es immer mehr, sich zwischendurch zu verkleiden», sagt Oetterli. Der Oktober ist seine strengste Zeit, Hochsaison für das Kostümgeschäft, denn die einschlägigen Veranstaltungen folgen Schlag auf Schlag, der Verkauf läuft parallel: Oktoberfeste, Halloween, Samichlaus.

So komme es in seinem Laden zuweilen zu seltsamen Begegnungen. Zombie trifft Samichlaus und sagt: «Ich war heute sehr brav.» Chlaus zupft sich am Rauschebart und ruft einer jungen Frau zu, die sich in einem Dirndl vor dem Spiegel dreht. «Sieht megahübsch aus!»

Ein Abscheid auf dem Bauschänzli

Dieses Wochenende ist das Urzürcher Oktoberfest auf dem Bauschänzli gestartet. Als der 2012 verstorbene Fred Tschanz dort vor 23 Jahren das erste Oktoberfest ausrichtete, höhnte halb Zürich: «Eine Wiesn bei uns! Vergesst es.» Unterdessen finden landauf, landab Oktoberfeste statt. Auf dem Bauschänzli werden in den kommenden Wochen gegen 50 000 Gäste erwartet.

Es ist das letzte Bauschänzli-Oktoberfest unter der Leitung der Fred-Tschanz-Gruppe. Die Stadt hat die Gaststätte auf der Limmat an die Candrian-Gruppe vergeben, die das Oktoberfest weiterführen wird. Sie hat darin Erfahrung, hat sie doch dieses Jahr zum dreizehnten Mal zur Züri-Wiesn in die Bahnhofshalle eingeladen.

Hat erstaunlich Spass gemacht

Kurt Oetterli ist überrascht, wie dieses aus Bayern und dem Österreichischen importierte Fest bei uns eingeschlagen hat: «Noch vor fünfzehn Jahren war es unvorstellbar, dass eine Zürcherin in ein Dirndl schlüpft oder ein Zürcher Lederhosen trägt.»

Er, ein Oktoberfest-Besucher der ersten Stunde, hat es erlebt, dass anfangs nur gerade ein paar Handvoll in der traditionellen Kleidung erschienen. «Heute ist es bei weitem die Mehrheit.» Eben bringt eine Frau mittleren Alters ein Dirndl in den Laden zurück, das sie gemietet hat. Sie wird wohl nächstes Jahr eines kaufen, denn sie sagt: «Ich bin selbst erstaunt, aber es hat irrsinnig Spass gemacht.»

Ein Dirndl kostet 100 bis 250 Franken

Oetterli verzeichnet einen markanten Rückgang bei den Mieten und einen grossen Anstieg beim Verkauf von Dirndl. Das habe auch damit zu tun, dass es vielen Festbesuchern und Festbesucherinnen besser gefalle, als sie selbst geglaubt hätten. Oetterli importiert ausschliesslich Original-Marken aus Bayern im mittleren Preissegment.

Dabei achtet er darauf, dass möglichst nicht zweimal dasselbe Kleid «in Zürich unterwegs» ist. Seine Dirndl kosten – je nach Stoff und Verzierungen – zwischen 100 und 250 Franken ohne Bluse, eine Lederhose zwischen 150 und 300 Franken. Für die Miete bezahlt man ab 75 Franken. Nach oben, so sagt Oetterli, seien die Preise bei manchen Anbietern offen.

Frau wird zugeknöpfter

Die Dirndl seien durchaus einem gewissen Modetrend unterworfen, wobei alles auch immer nebeneinander gehe: In den letzten ein, zwei Jahren gab man sich weniger offenherzig, V-Ausschnitte statt der ausladenden Décolletés sind aufgekommen, auch züchtige Schneewittchen-Kragen. Und die Rocklänge wanderte ein wenig nach unten. Ursprünglich galt, der Rock solle so lang sein, dass ein auf den Boden gestellter Masskrug den Saum berührt. Doch dann rutschte er hoch, zuweilen weit übers Knie.

Bei den Farben sind eher erdige als grelle Töne en vogue. Auch bei den Lederhosen gibt es Trends: Derzeit sind Latzhosen und Hosenträger etwas aus der Mode geraten, Mann trägt Gürtel. Und es sind auch vegane Lederhosen auf dem Markt: aus Baumwolle oder Polyester.

Wie erklärt sich Kurt Oetterli den Aufschwung von Dirndl und Lederhose? «Vielleicht gefällt es den Frauen, dass sie darin richtig Frau sein dürfen. Und die Burschen können mal den Kerl spielen.» Unterdessen seien immer mehr junge Leute an den Oktoberfesten zu sehen. «Das gesellige Beisammensein scheint ihnen zu gefallen.»

Wenn der Chef mit dem Büezer

Auch gebe es an diesen Festen weder Chef noch Büezer. «Alle stehen gemeinsam tanzend auf dem Tisch.» So was ist vieler, aber nicht jedermanns Sache: Ein Kunde bringt seine gemietete Lederhose zurück und sagt: «Hoffentlich nie mehr.» Sein Chef hatte zu einer Oktoberfest-Party eingeladen. Da habe er wohl oder übel so etwas tragen müssen.

Die junge Frau hat sich für das grüne Dirndl entschieden und ist wieder in ihre Jeans geschlüpft. Das blaue und das rote Dirndl reicht sie der Verkäuferin zurück. Diese hängt die beiden Dirndl an einen Ständer neben ein Samichlausengewand, unter ein Gestell voller prächtiger Büffelhaarbärte in allen Tönungen und neben einen Korb gruseliger Masken von Godzillas, Zombies und Trumps.

Nachbemerkung: Gestern in der Uetlibergbahn. Vis-à-vis sitzt ein Mann in Lederhosen. Frage: «War es fröhlich am Oktoberfest?» Er schaut entgeistert drein. Dann folgt er dem Blick auf seine Hosen und sagt unwirsch: «Ich gehe wandern.»

Erstellt: 15.10.2018, 06:53 Uhr

Zürcher Oktoberfest

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Geheimcode

Die Schürzenschleife

An Oktoberfesten gibt es ein heimliches Verständigungsmittel, welches das Kennenlernen vereinfachen kann. Der Schürzenschleifen-Code: Bindet die Frau die Schleife ihrer Schürze aus ihrer Sicht auf der vorderen rechten Seite, so signalisiert sie, dass sie vergeben ist. trägt sie die Schleife vorne links, ist sie Single. Trägt sie sie vorn in der Mitte, ist sie Jungfrau, und hinten in der Mitte bedeutet, sie ist Witwe oder sie arbeitet hier in der Bedienung. Woher dieser Code stammt, weiss niemand. Bevor sich ein Bursche jedoch zu forsch nach der Position der Schleife richtet, sollte er sich gewahr sein, dass möglicherweise nicht alle Dirndl-Trägerinnen den Schürzenschleifen-Code kennen. (net)

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