Das Dorf mitten in der Stadt Zürich

Viele Touristen und Pendler bevölkern das Lindenhof-Quartier zwischen Limmat, See und Bahnhofstrasse. Aber nur wenige Menschen wohnen hier.

Eine Institution: Metzger Felix Bär wohnt im Haus, in dem er arbeitet. Foto: Andrea Zahler

Eine Institution: Metzger Felix Bär wohnt im Haus, in dem er arbeitet. Foto: Andrea Zahler

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Die Altstadt links der Limmat ist attraktiv: malerische enge Gässchen, viele Plätze, ein schöner Ausblick vom Lindenhof, kleine Bijouterien und andere Läden, die zum Stöbern einladen, Restaurants und Cafés. Das lockt viele Besucher an. Doch wie ist es, im historischen Zentrum der Stadt zu leben?

Um das herauszufinden, gehen wir an den Rennweg 50. Hier führt Felix Bär die gleichnamige Metzgerei, bekannt für den Fleischkäse und die Würste. Bär hat das Geschäft 1998 von seinem Vater übernommen, gegründet hatte es fünf Generationen früher sein Ururgrossvater Jakob.

Felix Bär führt eine Institution. Und er lebt so, wie hier kaum mehr jemand lebt: Er wohnt im Haus, in dem er arbeitet. Im Rennweg-Quartier-Verein (RQV) sei er seit geraumer Zeit der Einzige. Bär ist Präsident des RQV, der 1888 von seinem Urahn Jakob als Vereinigung der Geschäfte in der Altstadt auf der linken Seite der Limmat mitbegründet wurde. Bär erinnert sich an die Käserei Hebeisen, die 1997 nach 102 Jahren am Rennweg 36 wegen fehlender Nachfolge schloss. Oder an den Eisenwarenhändler Byland am Rennweg 48, der 2002 einer Nordsee-Filiale wich, bevor schliesslich die Kaffeekette Starbucks einzog. Er sei nicht wehmütig, sagt Bär. Diese Entwicklung könne man nicht aufhalten. «Mein Vorteil ist, dass das ganze Haus der Familie gehört.»

14'500 kommen zur Arbeit

Nicht nur viele alteingesessene Geschäfte konnten dem Druck der steigenden Mieten irgendwann nicht mehr standhalten. Auch ein guter Teil der Wohnbevölkerung wurde in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus dem Quartier gedrängt. Um 1950 lebten noch über 3500 Menschen zwischen Limmat, See und Bahnhofstrasse. Seit den 90er-Jahren hat sich ihre Zahl um 1000 eingependelt.

In der gleichen Zeit wurde das Quartier für immer mehr Menschen zum Arbeitsort; aus Wohnungen wurden Büros. Heute stehen den rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern über 14'500 Beschäftigte in knapp 1300 Betrieben gegenüber. Die meisten arbeiten in einer Bank, gefolgt von den Verkäuferinnen.

Wohnt trotz der vielen Besucher gern in der Altstadt: Christine Schmuki vor ihrem Haus beim Lindenhof. Foto: Andrea Zahler

Dazu kommen Scharen von Touristen, welche die Altstadt besichtigen – und die Jugendlichen, die an Wochenenden bis spätnachts für einen hohen Lärmpegel sorgen, wie Christine Schmuki feststellt. Die 62-Jährige wohnt seit 1982 direkt am Lindenhof und ist im Einwohnerverein Altstadt links der Limmat für die Finanzen zuständig. «Wir müssen das Quartier mit all diesen Menschen teilen», sagt sie. Das sei eine Herausforderung. Trotz der vielen Auswärtigen sei das Quartier für sie aber wie ein Dorf. «Man kennt sich, man trifft sich, man hilft einander.» Und die Einheimischen seien stolz und glücklich, in der Altstadtleben zu dürfen.

Der Einwohnerverein pflegt seit vielen Jahren die Tradition der Nachbarschaftshilfe. 1974 wurde er als Gegenpol zum RQV gegründet, der sich damals vor allem um die Interessen der Geschäftsbesitzer gekümmert habe. Ein wichtiges Anliegen sei das Schaffen von Freiräumen für Kinder und Familien, sagt Schmuki. Als frühen und nachhaltigen Erfolg des Vereins sieht sie die Nutzung einer Fläche zwischen Lindenhof und Parkhaus Urania als Spielplatz und öffentliche Wiese. «Der Lindenhof ist einer meiner Lieblingsorte im Quartier – aber der eigentliche Treffpunkt der Bevölkerung ist dieser Ort gleich daneben.»

Den Widder konnten sie nicht verhindern

Das «links» im Namen des Einwohnervereins habe in der Anfangszeit nebst der geografischen auch eine politische Konnotation gehabt. In den 70ern wollte Generalunternehmer Karl Steiner, der im historischen Augustiner-Quartier bereits 15 Gebäude besass, noch zwei städtische Liegenschaften erwerben. Im Tausch hätte die Stadt Uto Kulm erhalten. Dagegen wehrten sich die Anwohner, das Geschäft scheiterte 1976 deutlich an der Urne. Jahre später musste der Einwohnerverein dann eine Niederlage einstecken: Das Luxushotel Widder konnte er nicht verhindern. Die UBS liess dafür zwischen 1985 und 1995 acht denkmalgeschützte Wohnhäuser umbauen.

Andri Gartmann schätzt den dörflichen Charakter des Quartiers. Foto: Andrea Zahler

Die Konkurrenz zum RQV ist mittlerweile verschwunden, zumal sich dieser heute auch um Anliegen der Anwohner kümmert. Der Beweis für die Einhelligkeit ist Andri Gartmann. Der Architekt, der seit zehn Jahren im Quartier lebt, ist Vizepräsident des RQV, Mitglied im Einwohnerverein und Kassier im Verein St. Peter. «Vereine sind ein tolles Mittel, um Leute zusammenzubringen und gemeinsam Dinge zu schaffen», sagt er.

Ein Lob auf den Sonntag

Auch Gartmann schätzt den dörflichen Charakter des Quartiers: «Wenn ich in mein Büro auf der anderen Seite der Limmat spaziere, treffe ich auf dem Weg immer bekannte Gesichter.» Die Lebensqualität sei dank der schönen alten Häuser, der vielen Läden und dem nahen See hoch. Am allerschönsten sei es am Sonntag, wenn nach der Hektik der Arbeitswoche Ruhe einkehre. Andri Gartmann würde sich als Vater eines zweieinhalbjährigen Sohnes aber wünschen, dass mehr Familien im Altstadtquartier wohnten.

Tatsächlich beträgt der Anteil der unter 20-Jährigen nur knapp 9 Prozent – tiefer ist er lediglich im Hochschulquartier. «Viele Wohnungen hier können sich nur gute Doppelverdiener leisten», sagt Christine Schmuki. Etwas Gegensteuer gebe die Stadt, die für ihre günstigeren Liegenschaften, etwa an der Schipfe, Familien mit Kindern bevorzuge.

Aber das seien Klagen auf hohem Niveau. Auf die Frage, was sie Negatives über das Leben hier sagen könne, antwortet Schmuki: «Manchmal habe ich das Gefühl, es macht etwas arrogant – dann, wenn ich gar nicht mehr aus dem Quartier hinausgehe, weil ich denke: Was soll ich ausserhalb? Ich habe hier alles.»

Erstellt: 18.07.2019, 12:09 Uhr

Der Tagi liess sich auf ein Experiment des Vereins St.­Peter ein. Von Montag bis Mittwoch arbeiteten Journalistinnen und Journalisten des Ressorts Zürich in der Kirche St.Peter, die inmitten des Lindenhof-Quartiers steht.

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