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Das dritte Leben der Aussersihler Stadthalle

Boxkämpfe, Autogarage, Tourismus. Wie bringt man das unter ein Dach? So.

Hélène Arnet
Aus drei Nutzungen mach einen Innenraum: der Triumphbogen des einstigen Bühnenraums, weiss die teilweise aufgeschnittenen Zwischenböden der ehemaligen Garage und die Büros von Schweiz Tourismus.
Aus drei Nutzungen mach einen Innenraum: der Triumphbogen des einstigen Bühnenraums, weiss die teilweise aufgeschnittenen Zwischenböden der ehemaligen Garage und die Büros von Schweiz Tourismus.
Tom Kawara

Es gibt einen neuen Tunnel in der Stadt Zürich. Er führt durch ein Jugendstilgebäude an der Morgartenstrasse in Aussersihl direkt in den neuen Hauptsitz von Schweiz Tourismus. Das passt.

Die Neat: Eingang durch den Tunnel. Foto: Tom Kawara
Die Neat: Eingang durch den Tunnel. Foto: Tom Kawara

Wie es auch passt, dass im Erdgeschoss die Sitzungszimmer Bodensee oder Lac Léman heissen, in der mittleren Etage Gotthard und ganz oben Matterhorn. Verbunden sind sie mit einem richtig steilen, schmalen Aufgang – der Tremola. Die Tremola verbindet aber mehr als die drei Stockwerke: Sie verzahnt die wechselvolle Geschichte dieses Gebäudes, die 1906 ihren Anfang nahm.

Und da kommt man hin: Die Büros von Schweiz Tourismus. Foto: Tom Kawara
Und da kommt man hin: Die Büros von Schweiz Tourismus. Foto: Tom Kawara

Es war 1906, als mitten im boomenden Arbeiterquartier in der Selnau die Stadthalle gebaut wurde. Der von Oscar Brennwald konzipierte Raum bot 1400 Personen Platz, war einer der ersten grossen Säle der Schweiz und machte in der Architektenwelt von sich reden, weil die weitgespannte Decke ohne Stützen auskam.

Konkurrenz des Hallenstadions

In der damals repräsentativen Jugendstil-Halle fanden legendäre Boxkämpfe statt, verköstigte die Heilsarmee arme Leute, war Lenin zu Gast und kam es 1934 zu einer Saalschlacht zwischen Fröntlern und linken Arbeitergruppen.

Spektakuläre Innenarchitektur: Die neue Stadthalle. Foto: Tom Kawara
Spektakuläre Innenarchitektur: Die neue Stadthalle. Foto: Tom Kawara

1949, als Hallenstadion und Kongresshaus der Stadthalle Konkurrenz machten, schaute sich die Besitzerfamilie Eser nach Alternativen um und sah: Automobile! Immer mehr Automobile. Sie machte kein Federlesen, liess Zwischenböden und einen Autolift einbauen – die Stadthalle wurde zur Garage und blieb dies bis zum Herbst 2017.

Eine mehrstöckige Autogarage mitten in der Stadt wurde aus verschiedenen Gründen immer unpraktikabler, was zu einem Besitzerwechsel führte: Die Thurgauer Immobiliengesellschaft Hess Investment kaufte das Gebäude und nahm – eher ungewöhnlich, wie heute Morgen Mireille Blatter vom Amt für Städtebau bei einem Medienrundgang sagte – völlig ergebnisoffen Kontakt mit der Denkmalpflege auf.

Endspurt: Mitte Jahr will Schweiz Tourismus einziehen. Die ehemalige Stadthalle wird wieder ahnbar sein.
Endspurt: Mitte Jahr will Schweiz Tourismus einziehen. Die ehemalige Stadthalle wird wieder ahnbar sein.
Dominique Meienberg
Jugendstil: Die Stadthalle wurde 1906 in einem etwas behäbigen Jugendstil gebaut.
Jugendstil: Die Stadthalle wurde 1906 in einem etwas behäbigen Jugendstil gebaut.
Dominique Meienberg
Verblasste Vergangenheit: Die Bemalungen werden konserviert, aber mit einer Ausnahme nicht restauriert.
Verblasste Vergangenheit: Die Bemalungen werden konserviert, aber mit einer Ausnahme nicht restauriert.
Dominique Meienberg
Mehr Licht: Nur eine Seite des Gebäudes hatte bisher solch grosse Fenster, auf der anderen Seite waren diese nur angedeutet. Nun werden sie geöffnet.
Mehr Licht: Nur eine Seite des Gebäudes hatte bisher solch grosse Fenster, auf der anderen Seite waren diese nur angedeutet. Nun werden sie geöffnet.
Dominique Meienberg
Der alte Eingang: Künftig wird man das Gebäude durch eine golden glänzende Röhre betreten. Intern «Neat» genannt.
Der alte Eingang: Künftig wird man das Gebäude durch eine golden glänzende Röhre betreten. Intern «Neat» genannt.
Dominique Meienberg
Vergangenheit und Zukunft: Die Zwischengeschosse der Garage bleiben teilweise erhalten, doch machen Durchblicke die Dimensionen der Stadthalle wieder erlebbar. So wird der neue Hauptsitz von Schweiz Tourismus aussehen.
Vergangenheit und Zukunft: Die Zwischengeschosse der Garage bleiben teilweise erhalten, doch machen Durchblicke die Dimensionen der Stadthalle wieder erlebbar. So wird der neue Hauptsitz von Schweiz Tourismus aussehen.
Burkhalter Sumi Architekten
In der Garage: Die Oblichter waren noch vorhanden, die Malereien werden freigelegt und in den neuen Innenausbau integriert.
In der Garage: Die Oblichter waren noch vorhanden, die Malereien werden freigelegt und in den neuen Innenausbau integriert.
Doris Fanconi
Was übrig blieb: 1949 wurde aus der Stadthalle eine Autogarage. Nur im obersten Stockwerk verweist das gewaltige Gewölbe mit Oblichtern auf die Vergangenheit.
Was übrig blieb: 1949 wurde aus der Stadthalle eine Autogarage. Nur im obersten Stockwerk verweist das gewaltige Gewölbe mit Oblichtern auf die Vergangenheit.
Doris Fanconi
Jugendstil-Deko: Die Denkmalpflege hat die Liegenschaft mit dem Umbau unter Schutz gestellt.
Jugendstil-Deko: Die Denkmalpflege hat die Liegenschaft mit dem Umbau unter Schutz gestellt.
Doris Fanconi
Zeitfenster: Unter der weissen Tünche hat die Denkmalpflege noch Teile der alten Verzierung freigelegt.
Zeitfenster: Unter der weissen Tünche hat die Denkmalpflege noch Teile der alten Verzierung freigelegt.
Doris Fanconi
Nun auch Vergangenheit: Die Garage in der Stadthalle wurde nach Altstetten verlegt.
Nun auch Vergangenheit: Die Garage in der Stadthalle wurde nach Altstetten verlegt.
Doris Fanconi
Konserviert: Die von den Restauratoren sorgfältig freigelegten Ornamente werden geschützt, aber nicht restauriert.
Konserviert: Die von den Restauratoren sorgfältig freigelegten Ornamente werden geschützt, aber nicht restauriert.
Doris Fanconi
So sah sie einst aus: Die 1906 gebaute Stadthalle mit Ringbestuhlung für die legendären Boxkämpfe.
So sah sie einst aus: Die 1906 gebaute Stadthalle mit Ringbestuhlung für die legendären Boxkämpfe.
Baugeschichtliches Archiv Zürich
Bereit zum Kampf: In den 30er-Jahren feierte der populäre Box Club Zürich Triumphe in der Stadthalle.
Bereit zum Kampf: In den 30er-Jahren feierte der populäre Box Club Zürich Triumphe in der Stadthalle.
PD
Firmenanlässe: Die säulenfreie Halle war eines der grössten Lokale der Schweiz.
Firmenanlässe: Die säulenfreie Halle war eines der grössten Lokale der Schweiz.
Baugeschichtliches Archiv Zürich
Voll besetzt: Rund 1400 Personen fanden in der Stadthalle Platz.
Voll besetzt: Rund 1400 Personen fanden in der Stadthalle Platz.
PD
Armenessen: Auch die Heilsarmee lud in die Stadhalle ein. Hier das Armenessen vom 11. Januar 1911.
Armenessen: Auch die Heilsarmee lud in die Stadhalle ein. Hier das Armenessen vom 11. Januar 1911.
Baugeschichtliches Archiv Zürich
Velobörse: Neben Boxkämpfen und Firmenanlässen fanden auch Messen statt.
Velobörse: Neben Boxkämpfen und Firmenanlässen fanden auch Messen statt.
PD
Autosalon: Schon bevor die Stadthalle einer Autogarage weichen musste, standen zuweilen Autos drin.
Autosalon: Schon bevor die Stadthalle einer Autogarage weichen musste, standen zuweilen Autos drin.
PD
Dunkle Zeiten: Maifeier der lokalen NSDAP-Gruppe im Jahr 1939.
Dunkle Zeiten: Maifeier der lokalen NSDAP-Gruppe im Jahr 1939.
Baugeschichtliches Archiv Zürich
Von aussen: Im Jugendstilgebäude an der Morgartenstrasse 5 war auch ein Tearoom untergebracht, damit auch die Frauen irgendwo unter sich waren.
Von aussen: Im Jugendstilgebäude an der Morgartenstrasse 5 war auch ein Tearoom untergebracht, damit auch die Frauen irgendwo unter sich waren.
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Die drei Leben der Aussersihler Stadthalle.

Die unverkrampfte Zusammenarbeit der beiden Seiten, ergänzt durch die Kreativität von Burkhalter Sumi Architekten, ergab ein erstaunliches Resultat: Es ist tatsächlich gelungen, die Geschichte dieses Hauses lesbar zu machen.

Symbiose funktioniert

Der erste Reflex wäre ja wohl: weg mit allem, was an die grobschlächtige Garage erinnert. Doch wie lässt sich eine weitgespannte Halle vermieten und nutzen? Und ist diese Autogarage nicht auch ein Zeichen einer Zeit, in der die Autos noch Fortschritt und unbeschwerte Freude an Mobilität waren?

Die Symbiose funktioniert: Zwischenböden und Säulen bilden eine Tragstruktur für die Büros und Sitzungszimmer. Dank verschiedenen Durchlässen sind Höhe und Weite der einstigen Halle wieder erlebbar, und die erst im Lauf der Renovation wieder zutage gebrachten Malereien vermitteln eine Ahnung von der einstigen Pracht dieser Halle.

«Wir sind sehr glücklich, in diesem besonderen Gebäude arbeiten zu dürfen», sagte Marc Isenring, Mitglied des HR-Teams von Schweiz Tourismus. Rund 120 Personen arbeiten nun seit kurzem in der Stadthalle, die damit eine neue, dritte Epoche erlebt.

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