Das Erbe einer Zürcher Beizerlegende wird versteigert

Bauschänzli-Chefin Stéphanie Portmann interessiert sich nicht für Kunst. Deshalb kommen die Anker- und Hodler-Bilder ihres Grossvaters Fred Tschanz unter den Hammer.

«Die Kunst soll unter die Leute, die sie schätzen»: Stéphanie Portmann mit einem Teil der Bilder. Foto: Urs Jaudas

«Die Kunst soll unter die Leute, die sie schätzen»: Stéphanie Portmann mit einem Teil der Bilder. Foto: Urs Jaudas

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Einen passenderen Ort als das Odeon gibt es für das Treffen mit Stéphanie Portmann nicht. Das Café am Bellevue vereinigt zwei Leidenschaften ihres Grossvaters Fred Tschanz: die Gastronomie – die Branche, in der er sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Restaurantkönig von Zürich hochgearbeitet hat. Und die Kunst, die er leidenschaftlich sammelte. Manch einen Maler, dessen Bilder Tschanz bei sich daheim aufhängte, hat er wohl persönlich gekannt und im Odeon getroffen.

Nun sitzt hier Stéphanie Portmann, Geschäftsleiterin der Fred-Tschanz-Gruppe. Ihr Grossvater hat ihr sein Stadtzürcher Restaurant- und Hotelimperium vermacht, zu dem nebst dem Odeon auch das Leoneck, das Hotel Wallhalla, das Restaurant 8001 und das Bauschänzli gehören. Und obendrauf hat sie seine Kunstsammlung geerbt. «Mein Grossvater war ein schaffiger Unternehmer und ein geselliger Gastgeber», sagt Portmann. Er habe viel und gerne gearbeitet. «Das geht mir genauso.» Die Begeisterung für die Kunst aber, die habe sie nicht geerbt.

Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, hat sich Portman deshalb entschieden, die Sammlung zu verkaufen. «Ich fände es schade, wenn ich diesen Schatz weiter im Keller versteckt halten würde», sagt sie. «Die Kunst soll unter die Leute, die sie schätzen.»

Schlafzimmer voller Aktbilder

Eine Aufgabe für Hans-Peter Keller. Er ist beim Auktionshaus Christie’s für Schweizer Kunst zuständig. Keller schwärmt von Tschanz’ «sehr persönlicher» Sammlung, in der klingende Namen wie Hodler, Anker oder Segantini vereint sind. Während er über die Künstler spricht, zeigt er die Bilder im Katalog – eine erste Tranche von 39 Werken kommt am 18. September im Glockenhof unter den Hammer.

Tschanz habe vor allem gesammelt, was ihm gefallen habe, sagt Keller. Vertreten seien Werke aus dem 19. Jahrhundert, aber ebenso zeitgenössische Bilder. «Man sieht, was ihn interessierte.» Dazu gehörte die weibliche Schönheit, wie Portmann sagt – Tschanz’ Schlafzimmer war voller Aktbilder, gemalt von Félix Vallotton oder Luciano Castelli.

Bedeutende Sammlung

Auch die Gastronomie und Hotellerie haben ihren festen Platz in der Sammlung. Auf Bildern des Luzerner Malers Leopold Haefliger sind Kellnerinnen und Kellner sowie Köche verewigt. Und der Zürcher Künstler Willy Guggenheim alias Varlin hat nebst Szenen aus der Stadt auch einen Billardtisch gemalt – vielleicht sogar einen jener Tische, die einst im Odeon standen? Das bleibt offen.

«Fred Tschanz hat sich museale Stücke von grossen Namen leisten können», sagt Keller vom Auktionshaus Christie’s. Er habe aber auch ein gutes Auge gehabt, sagt Keller und zieht als Beweis «Effetto di luna» von Giovanni Segantini heran. «Ein kunsthistorisch sehr wichtiges Bild.» Der grosse Alpenmaler hat auf seinem dunkel gehaltenen Werk von 1882 einen Schäfer im schimmernden Mondlicht porträtiert.


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Der künstlerische Wert der Sammlung ist beachtlich – wie auch der monetäre. Die Schätzung der ersten 39 Bilder ergab eine Summe zwischen einer und eineinhalb Millionen Schweizer Franken. Will Portmann darum verkaufen? Sie winkt ab. Der Erlös aus der Sammlung fliesst nicht in das Unternehmen oder zu ihr, sondern geht an die anderen Familienmitglieder und die von Tschanz gegründete Stiftung für bedürftige oder behinderte Kinder im Kanton Zürich.

Veränderungen im Café Odeon

Vom Geschäft habe sie die Kunst bewusst getrennt, sagt Stéphanie Portmann. Vom Geschäft, das ihr Grossvater so erfolgreich aufgebaut hatte. Dabei half ihm nicht nur ein Auge für die Kunst, sondern auch ein Riecher für gastronomische Innovationen. Tschanz importierte nach seinen Wanderjahren in den Vereinigten Staaten den Eisbergsalat und das US-Beef 1962 in die Schweiz. Und Jahre später brachte er – damals noch belächelt – auf dem Bauschänzli den ersten Ableger des Oktoberfests nach Zürich.


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Hier hat sich Stéphanie Portmann ihre Sporen abverdient, in ihren Studienjahren als Kellnerin, später als Geschäftsführerin. Jetzt wird das Lokal nach einer Neuausschreibung ab 2019 an die Candrian-Gruppe übergehen. «Wo eine Türe zugeht, geht eine andere auf», sagt sie. Genaues verrät sie nicht. Nur so viel: Es stehe ein umfangreiches Rebranding an. Und auch das Odeon werde per 1. Oktober, am Internationalen Tag des Cafés, eine Veränderung erfahren.

«Mir liegt das Unternehmen und seine Fortführung am Herzen», sagt Portmann. «Ich glaube, das ist im Sinn meines Grossvaters.» Ihr persönliches Erinnerungsstück ist eine einfache, blaue Stoffjacke. Sie hing da, wo Fred Tschanz täglich arbeitete: in seinem Büro über dem Odeon. Portmann hat sie nach Hause genommen, gewaschen – und irgendwann festgestellt, dass ihr Sohn den gleichen Namen trägt wie die Marke der Jacke.

Eine lebendigere Erinnerung an ihren Grossvater gibt es nicht.

Erstellt: 23.08.2018, 07:50 Uhr

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