Das Fernduell im Zürcher Wahlkampf

Zweieinhalb Wochen vor den Wahlen bringen sich die Parteien noch einmal in Position.

Hat es in Zürich zu wenig Velowege oder zu wenig Parkplätze? Foto: Urs Jaudas

Hat es in Zürich zu wenig Velowege oder zu wenig Parkplätze? Foto: Urs Jaudas

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Unterschiedlicher könnte das Bild von Zürich kaum sein. Für Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ist die Stadt gut unterwegs. Für FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger, der Mauch das Präsidium streitig macht, ist die links-grüne Mehrheit in der Stadtregierung blockiert, weil sie Angst vor ihrer eigenen Klientel hat – gewisse Probleme könne der Stadtrat deshalb gar nicht mehr angehen. Gestern sind die beiden nicht direkt auf einem Podium gegeneinander angetreten, sondern für einmal an zwei verschiedenen Medienkonferenzen.

Im Bogen F in den trendigen Viaduktbögen im Kreis 5 präsentierte sich Mauch mit ihren Stadtratskollegen André Odermatt und Raphael Golta an einer Medienkonferenz der SP. Leutenegger trat im noblen Hotel Schweizerhof beim Bahnhofplatz mit den vier Stadtratskandidaten des wirtschaftsnahen Top-5-Bündnisses sowie Parteistrategen aus FDP und SVP auf. An dieser Medienkonferenz durfte neben Leutenegger von den Stadtratskandidaten allerdings nur Markus Hungerbühler (CVP) ein Statement abgeben; er sprach sich vor allem und wiederholt gegen Hausbesetzungen aus. Michael Baumer (FDP), Susanne Brunner und Roger Bartholdi (beide SVP) waren einfach nur anwesend.

Nielsen nur am Rand ein Thema

Die Hintergründe für die Auftritte waren sehr unterschiedlich: Die SP-Stadträte wollten aufzeigen, was sie in den letzten vier Jahren erreicht haben und was sie in den nächsten vier Jahren anpacken wollen. Das Debakel um den Rückzug von Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen war nur ganz am Rand ein Thema. Mauch sagte zu Beginn, dass sie ursprünglich geplant hatten, zu viert aufzutreten. Neues war von ihr und ihren beiden Kollegen kaum zu hören. Die meisten Argumente hatten die drei andernorts in Interviews, Streitgesprächen und auf Podien bereits verschiedentlich dargelegt. Ihre wichtigsten Punkte: mehr preisgünstiger Wohnraum, geeignete und bezahlbare Flächen für den urbanen Werkplatz, den Detailhandel beim Wandel unterstützen, auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren, Flüchtlinge bei der Integration unterstützen. Sozialvorsteher Golta sagte zudem, er wolle die Möglichkeit von Ergänzungsleistungen für Familien prüfen.

Beim bürgerlichen Bündnis war Nielsens Rücktritt ein zentrales Thema. Der gestrige Auftritt war auch als Reaktion zur neuen Ausgangslage zu verstehen. Für FDP-Präsident Severin Pflüger ist die links-grüne Regierung nach Nielsens Rückzug nicht mehr nur am Verwalten des Erreichten, sondern bereits im Niedergang. «Die Regierung hat in den letzten vier, wenn nicht sogar acht Jahren nichts gemacht, wenn sie nicht dazu gezwungen wurde.» Den Bürgerlichen hingegen sei das gelungen: beim Vermietungsreglement und bei den Spitälern. SVP-Wahlkampfleiter Ueli Bamert wirft der links-grünen Mehrheit Klientelpolitik und Filz vor.

Zweikampf um neunten Sitz

Reagiert hat das Bündnis aber auch auf die schlechten Umfrageergebnisse in den letzten Tagen. Obwohl nach Nielsens Verzicht drei Sitze in der Stadtregierung frei werden, läuft das Bündnis Gefahr, einen seiner drei bisherigen Sitze zu verlieren – was ein Fiasko wäre. Stimmt die «Tages-Anzeiger»-Umfrage auch nur einigermassen, so werden sich Andreas Hauri von den Grünliberalen und Susanne Brunner von der SVP um den neunten und letzten Sitz streiten. Beiden Parteien wurde der Einzug in den Stadtrat bis vor kurzem nicht zugetraut.

Mit dem Ziel einer bürgerlichen Wende ist das Bündnis angetreten, an der Medienkonferenz wäre diese ohne die Nachfrage eines Journalisten kein Thema gewesen. FDP-Stratege Pflüger meinte, Medien hätten geschrieben, eine bürgerliche Wende sei nicht möglich; es gebe aber Leute, die ob dem eigenen Mut, daran zu glauben, etwas erschrecken würden. «Ich selber glaube, wir sind näher am Ziel denn je.»


Zürichs Problemzonen

Nichts treibt die Zürcherinnen und Zürcher derart um wie die Wohnungsnot. Zwei Drittel von ihnen empfinden die Wohnsituation in der Stadt als drängendes oder gar sehr drängendes Problem. Dies zeigt die Umfrage, die das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag des «Tages-Anzeigers» durchgeführt hat. Dabei wurden acht Problemfelder abgefragt, welche die Teilnehmer auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht drängend) bis 5 (sehr drängend) bewerten konnten. Die Wohnungsnot rangiert als Spitzenreiter in der Hitliste der drängendsten Probleme. Besonders die Wähler linker Parteien sehen akuten Handlungsbedarf.

Anders sieht es bezüglich der Fan-­Gewalt aus, die den 2. Platz in der Rangliste einnimmt. Insgesamt bewerten 55 Prozent Ausschreitungen rund um Fussballspiele als drängende Problematik. Aus Sicht der Wähler von CVP, GLP und EVP ist die Fangewalt sogar das Thema, mit dem Zürich am stärksten zu kämpfen hat. Linkswähler sehen das etwas gelassener, anerkennen aber die Problematik.

Die Wohnungsnot und die Fangewalt sind die einzigen Dauerbrenner, die eine Mehrheit als drängend empfindet. Alle anderen Themen scheinen entweder nicht akut zu sein oder polarisieren stark. Zum Beispiel Rang drei: Bürokratie und Vorschriften. 46 Prozent der Stadtzürcher finden, dass es unbedingt weniger Bürokratie und Vorschriften brauche. Für FDP- und SVP-Wähler sind sie ein Graus und das Hauptproblem. Die Linken sehen keinen dringenden Handlungsbedarf. Auch Hausbesetzungen werden von Linken und Rechten gegensätzlich wahrgenommen.

Am stärksten polarisieren Velowege und Parkplätze. Hier klafft ein grosser Unterschied in der Wahrnehmung verschiedener Bevölkerungskreise. Während Linke fehlende Velowege als das zweitgrösste Übel beklagen, hat es den Bürgerlichen zu wenig Parkplätze. Gegenseitiges Verständnis ist nicht vorhanden. Parkplätze rangieren bei den Linken und Velowege bei den Rechten auf dem letzten Platz. Der Blick auf die Gesamtbevölkerung zeigt, dass der Ärger über die fehlenden Velowege weiter verbreitet ist als jener über die fehlenden Parkplätze. (sip) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 22:49 Uhr

Umfrage von TA und Sotomo

Die Forschungsstelle Sotomo hat im Auftrag des «Tages-Anzeigers» die Daten zwischen dem 5. und dem 7. Februar 2018 erhoben. Die Erhebung fand über Tagesanzeiger.ch und über den E-Mail-Pool von Sotomo statt. Insgesamt wurden 2348 Personen befragt. Für die Auswertung konnten 71 Prozent der Antworten verwendet werden. Die Umfragedaten wurden nach Alter, Geschlecht, Bildung sowie politischen Merkmalen gewichtet. Diese Gewichtung gewährleistet eine hohe politische und soziodemografische Repräsentativität der Stichprobe. (sip)

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