Das Geisterhaus an der Zürcher Langstrasse

Im Kreis 4 verlottert eine Liegenschaft. Ihr Besitzer ist ein Multimillionär.

Die Liegenschaft an der Langstrasse 95/97 ist heruntergekommen. Foto: Sabina Bobst

Die Liegenschaft an der Langstrasse 95/97 ist heruntergekommen. Foto: Sabina Bobst

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Scheiben sind eingeschlagen, die graue Fassade versprayt bis zu den Ober­geschossen, und im Erdgeschoss sind die Ladenlokale verwaist. Das Haus an der Langstrasse 95/97 vis-à-vis der Piazza Cella ist verwahrlost und heruntergekommen. Die Liegenschaft gehört Fredy Schönholzer. Der 66-Jährige war früher eine schillernde Figur im Zürcher Rotlichtmilieu und besitzt heute ein grosses Immobilienimperium.

Bei einem kürzlich durchgeführten Augenschein vor Ort war Schönholzer mit einem Begleiter im Hinterhof des Liegenschaftsgevierts anzutreffen. Er sieht nicht aus, wie man sich einen Kreis-4-Rotlichttypen vorstellt, eher wie ein pensionierter Prokurist. Schönholzer sitzt unter einem Zeltdach der benachbarten Lambada-Bar, raucht einen Stumpen und trinkt Kaffee. Vor sich ein dickes Aktenbündel. Die beiden Männer reden offenbar über Geschäftliches, über den Überraschungsbesuch der Presse ist Schönholzer überhaupt nicht erfreut. Was ich wolle, die Zeitungen schrieben sowieso nur Blödsinn, und es gehe niemanden etwas an, was er mit dem Haus plane. Nach dieser kurzen, abweisenden Begrüssung beginnt er, über Bauhandwerker zu fluchen, welche unfähig seien und den geplanten Umbau verzögern würden.

Neben dem Duo ist noch ein weiterer Begleiter anwesend, anscheinend ein Mitarbeiter von Schönholzer. Er übernimmt die Rolle des Rausschmeissers. Auf das Stichwort von Schönholzer, ob der Schreiberling schnelle oder langsame Schuhe anhabe, wirft er einen Blick auf die Halbschuhe, sagt «schnelle» und fordert im gleichen Atemzug den Journalisten unmissverständlich und drohend zum Verschwinden auf.

Steueroase in Nidwalden

Schönholzer wohnt in der Steueroase Hergiswil am Vierwaldstättersee im Kanton Nidwalden. Bei folgenden drei Aktiengesellschaften hat er die Einzelunterschrift: FSZ Immobilien, Globau und Zulumi. Grundstein für Schönholzers Immobilienbesitz war offenbar der Einstieg ins Zürcher Sexbusiness in den Siebzigerjahren. 1971 kaufte er zusammen mit einem Schulkollegen in Zürich-Oerlikon einen Kiosk und wandelte ihn zum ersten Sexshop der Schweiz um, wie das «Magazin» des TA in einer grossen Reportage über «Die anderen 68er» berichtet hatte. Später gründete er die Sexladenkette Boutique Erotica und kaufte in Zürich zahlreiche Liegenschaften auf.

Den grossen Wurf machte Schönholzer mit dem Verkauf des Labitzke-Areals in Zürich-Altstetten. Auf diesem Gelände befand sich eine Lacke und Farben produzierende Fabrik, die Anfang der Neunzigerjahre ihren Betrieb einstellte. Fredy Schönholzer kaufte damals das Areal. Er vermietete die Fabrikräume als Zwischennutzung an Gewerbler, Künstler und Wohngemeinschaften. Laut verschiedenen Medienberichten soll Schönholzer 2011 das Areal für 34 Millionen Franken an Mobimo verkauft haben. Die Immobiliengesellschaft erstellt jetzt auf dem Areal eine Überbauung mit 281 Wohnungen.

Wie AL-Gemeinderat Niklaus Scherr berechnet hatte, sind dies 3916 Franken pro Quadratmeter. Das schrieb der Politiker nach der polizeilichen Räumung des Areals im August 2014 auf der Website seiner Partei. Scherr zog einen Vergleich: Die Stadt Zürich habe 2010 die angrenzende, gleich zonierte Liegenschaft Hohlstrasse 477 für 1398 Franken pro Quadratmeter gekauft.

Geplant sind zehn Wohnungen

Das Haus an der Langstrasse 95/97 im Kreis 4 steht seit mindestens fünf Jahren leer. 2010 wurde die Liegenschaft besetzt, die Polizei rückte aus. Anschliessend wurde im Innern alles zerstört, um weitere Besetzungen zu verunmöglichen. Für den Quartierverein ist das Haus eine Schande. Doch den Behörden sind die Hände gebunden, wie eine Sprecherin des Hochbaudepartements im Frühling dem «Tagblatt der Stadt Zürich» sagte. Der Eigentümer könne frei entscheiden, was er damit machen wolle. Gegenüber der Zeitung sagte Schönholzer, dass die Arbeiten unterbrochen worden seien, weil die angeheuerte Baufirma in Konkurs gegangen sei. Nun warte er auf eine «vernünftige Offerte». Er wolle nicht unnötiges Geld ausgeben für ein überris­senes Projekt. Er möchte im Haus zehn Wohnungen schaffen. Verkaufen sei für ihn keine Option.

Neben der Langstrasse 95/97 wartet noch eine weitere Schönholzer-Liegenschaft darauf, umgebaut zu werden. Das Restaurant Alte Post an der Schaffhauserstrasse 510 in Zürich-Seebach. Auch dieses Haus macht einen verwahrlosten und heruntergekommenen Eindruck. Laut «20 Minuten» ist die Beiz vor rund zwei Jahren zugegangen, im Lokal hat sich das horizontale Gewerbe breitgemacht. Das Erdgeschoss wird bereits seit 2012 und die erste Etage seit 2013/14 als sexgewerblicher Salon genutzt. Gemäss dem Baugesuch sollen Prostituierte zukünftig auch im Dachgeschoss ihre Dienste anbieten können. Schönholzer wollte sich auf Anfrage der Pendlerzeitung zu den Plänen nicht äussern.

Bauprojekt in Bern

Auch in Bern ist Schönholzer im Immobilienbusiness tätig. Dort ist er im Besitz eines grossen Hauses im Lorrainequartier, in dem bis 2012 rund hundert Pros­tituierte anschafften. Weil das Sexgewerbe nicht zonenkonform war, mussten die Frauen nach jahrelangem juristischem Streit ausziehen. Nun befindet sich die Alternative Schule im Gebäude. Geplant ist im Gebiet eine Grossüberbauung namens Centralpark. Das Haus von Schönholzer habe in diesem Areal eine Schlüsselfunktion, wie eine Vertreterin vom Verein Läbigi Lorraine auf Anfrage sagte. Die Stadt Bern habe das Haus kaufen wollen, der Kauf sei aber am zu hohen Preis gescheitert. Schönholzer will das Haus renovieren und «gestalterisch aufwerten».

Erstellt: 16.11.2015, 22:54 Uhr

Grossverdiener im Zürcher Milieu

Der Porno-König
Wohl der erfolgreichste Unternehmer im Sexbusiness ist Edi Stöckli. Der heute 70- Jährige war in den späten 70er-Jahren als «Pornokönig» bekannt geworden. Er war einer von Zürichs Pionieren im Sexkino­geschäft. Er kaufte Filmrechte, kopierte die Filme auf Video und verschickte sie. Er besitzt mehrere Schweizer Multiplexkinos (unter anderem das Arena im Sihlcity) und die drei verblie­benen Zürcher Sexkinos.

Der Sexheftli-König
Mitte der 70er-Jahre lancierte der 26-jährige Peter Baumann den «Schweizer Sex-An­zeiger», kurz SAZ genannt, wo Prostituierte und Salonbetreiberinnen mit Bildern inserierten. Der SAZ lief gut, bald darauf lancierte Baumann den vierfarbigen SOS, «Sex ohne Scheu». So schnell das Geld hereinkam, so schnell war es wieder draussen. In den 90er-Jahren hauste der ehemalige Millionär in einer Zweizimmerwohnung neben der Falstaff-Bar im Kreis 4. An einem Abend stürzte er dort kopfüber vom Barhocker, wankte zum Ausgang, stürzte erneut und starb darauf im Spital.

Der Stützlisex-König

1977 eröffnete Godi Müller im Spielsalon seines verstorbenen Vaters an der Brauerstrasse im Kreis 4 den ersten Stützlisex in der Schweiz. Bei Einwurf eines Fränklers ging eine Klappe hoch und gab für 30 Sekunden den Blick frei auf eine Drehfläche, auf der sich eine nackte Frau räkelte. Diese Neuheit machte Furore und Godi Müller zum Millionär. 1983 begann aber die Wende, als der Peepshop wegen «ideeller Immissionen» behördlich versiegelt wurde. Müller, der die Millionen mit vollen Händen wieder ausgab, verarmte völlig. Er lebte die letzten neun Jahre als IV-Rentner im Zürcher Obdachlosenheim Suneboge von Pfarrer Sieber, wo der 66-Jährige 2004 starb.

Der Milieu-König

Hans Peter Brunner erwarb sich den Ruf als Milieu-König, weil er Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre im Zürcher Lang­strassenquartier über ein Dutzend Liegenschaften kaufte. Darunter befanden sich viele Lokale des Sexgewerbes, neben dem Restaurant Sonne das Hotel Regina, die St.-Pauli-Bar sowie verschiedene Kabaretts wie beispielsweise das Red Lips. Einige dieser Lokalitäten erwarb er aus der Konkursmasse von Charly Hug, seinem Vorgänger als «Milieu-König». 2005 erschoss sich der damals 60-jährige Brunner kurz vor einer Gerichtsverhandlung im Zusammenhang mit Betrugsvorwurf. (hoh)

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