Zürichs unbezahlbares Land

Hunderte Millionen Franken horten Genossenschaften, um billige Wohnungen zu bauen. Ein Beispiel zeigt, wie ein 3,85-Millionen-Haus trotzdem einen anderen Käufer fand.

Für einen Spaziergang reichts, für eine Wohnung oft nicht mehr: Blick über Zürich.

Für einen Spaziergang reichts, für eine Wohnung oft nicht mehr: Blick über Zürich. Bild: Keystone

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Sie ist superreich und gleichzeitig mausarm. Die Stiftung für günstige Wohn- und Gewerberäume PWG besitzt 1522 Wohnungen und hat 140 Millionen Franken Eigenkapital. Trotzdem kann sie sich in Zürich kaum ein Haus leisten. Dieses Jahr bemühte sie sich um über 70 Liegenschaften. Eine davon hat sie gekauft. Bei allen anderen musste sie passen. Zu teuer.

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Ein Beispiel. 2014 bewarb sich die PWG um ein Haus an der Klingenstrasse. Ihr Angebot: 3,85 Millionen Franken. Den Zuschlag bekam Anleger Peter Sander. Wie viel mehr er zahlte, ist nicht bekannt. Sander, der derzeit wegen Verdachts auf Wucher in Untersuchungshaft sitzt, kündigte den Mietern, verkleinerte einige Wohnungen. Nun vergibt er die Zimmer einzeln. Bei einem Kauf durch die PWG hätten alle Bewohner zur gleichen Miete bleiben können.

Ähnliche Schwierigkeiten wie die PWG erwarten auch die neue städtische Stiftung Bezök, die «bezahlbare und ökologische» Wohnungen erstellen soll. 80 Millionen Franken haben ihr die Stimmbürger vor zwei Jahren zugesprochen. Von diesem Geld hat sie noch keinen Rappen fürs Wohnen ausgegeben. Der Stiftungsrat ist seit gut einem Jahr aktiv, Ende Jahr will er eine Anlagestrategie ausgearbeitet haben. Man prüfe etwa einen städtischen Boden hinter dem Bucheggplatz, sagt Patrick Pons, Sprecher des Finanzdepartements.

Keinen Rappen ausgegeben

Auch die Genossenschaften haben Mühe, zu wachsen. Der Regionalverband Zürich beschäftigt drei Spezialisten, die nach Böden Ausschau halten. Rund 40 Genossenschaften interessierten sich für dieses Angebot, sagt Andreas Gysi, Leiter Immobilienentwicklung und Akquisition. Letztes Jahr konnte sein Team in Zürich Platz für 156 Wohnungen vermitteln. 150 davon erstellt die Genossenschaft BEP auf einem Areal in der Manegg, das sie einer Druckerei abgekauft hat. Der Wogeno vermittelte der Verband ein Haus an der Köchlistrasse im Kreis 4. «Das Bedürfnis der Genossenschaften übersteigt in Zürich das Angebot bei weitem», sagt Gysi. Teilweise bemühen sich mehrere Genossenschaften oder Stiftungen um die gleichen Grundstücke.

Die Situation scheint absurd: In Zürich liegen Hunderte von Millionen Franken ungebraucht herum; Millionen, die dazu da wären, günstige Wohnungen zu sichern. Dies entspricht dem Willen der Stadtzürcher Bevölkerung. Über drei Viertel der Stimmbürger verlangten 2011, den Anteil an gemeinnützigen Wohnungen bis 2050 auf ein Drittel zu erhöhen. Dazu kommt: Die Genossenschaften sind derzeit so beliebt, dass die meisten ihre Wartelisten wegen des Grossansturms schliessen mussten.

Alle wollen den Zürcher Boden haben

Überkaufter Markt. So heisst der Fachausdruck für die Situation. Zürcher Boden verspricht sichere, langfristige Renditen. Alle wollen ihn haben. Doch Pensionskassen und kommerzielle Anleger können mehr zahlen als Stiftungen und Genossenschaften. Diese hätten genug Geld zum Mitbieten. Doch um die Kaufpreise wieder hereinzuholen, müssten sie sehr hohe Mieten verlangen. Das widerspricht ihren Grundsätzen. «Wir zahlen gut. Trotzdem sind wir auf Verkäufer angewiesen, die nicht den vollen Marktpreis verlangen», sagt Kornel Ringli, Sprecher der Stiftung PWG.

Die PWG wüsste, wie sie ihre Chance vergrössern könnte: mit billigem Geld. «Wegen der tiefen Zinsen bekommt die Stadt Zürich Kapital praktisch zum Nulltarif», sagt Daniel Meier, PWG-Stiftungsrat und früherer CVP-Gemeinderat. Die PWG dagegen muss bei Bankkrediten mit mindestens 1,5 Prozent Zins rechnen. «Die Stadt sollte für die PWG Geld aufnehmen», sagt Meier. Dank dem Gewinn, den die PWG durch den tieferen Zinssatz erhielte, könnte sie in Bietverfahren länger mithalten. «So hätten wir 2015 fünf Häuser mehr kaufen können.»

Diese Strategie wäre mit «null Risiko» verbunden, sagt Meier. Die PWG stehe ­finanziell extrem stabil da; selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass sie wegen einer Immobilienkrise bankrottgehe, blieben als Gegenwert 131 Häuser. «Doch Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) hat unseren Vorschlag abgelehnt. Das ärgert mich», sagt Meier. Die Bedingungen am Kapitalmarkt seien für die Stadt «nur unwesentlich besser» als für Genossenschaften, begründet Patrick Pons die Absage. Ausserdem könne die Stadt die PWG nicht als einzige Stiftung finanziell bevorzugen.

Hohe Mieten in Kauf nehmen

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran hält die Wohnbaupolitik ebenfalls für «viel zu zögerlich». Seit längerem fordert sie eine «schnell handelnde Landkaufstiftung», die Boden erwirbt und ihn an die Gemeinnützigen weitergibt. Laut Badran müssten sich diese damit abfinden, die jetzigen Marktpreise zu zahlen. «Am Anfang führt das zu hohen Mieten. Doch in 20 Jahren werden sie tief sein, weil sie im Gegensatz zu Renditeobjekten nicht steigen.» Verlieren könne man dabei nichts. «Zürcher Immobilien sind immer ein ­Positivgeschäft.» Auch der Regionalverband der Genossenschaften verlangt von der Stadt, mehr Geld für Landkauf einzusetzen. Mit der jetzigen Politik würden künftig 250 bis 270 neue Genossenschaftswohnungen pro Jahr entstehen, steht in einer Verbandsstudie.

Patrick Pons verweist darauf, dass die Stadt kürzlich mehrere Grundstücke und Häuser gekauft habe. Auch die neue Stiftung prüfe private Angebote. Aber wenn ihr die Stadt nicht mit eigenen ­Böden aushelfe, könne die Bezök ihren Auftrag kaum umsetzen. Allgemein beurteilt die Stadtregierung die Situation positiver. «In den letzten fünf Jahren wurden 2500 neue gemeinnützige Wohnungen erstellt», sagt Christina Stücheli, Informationsbeauftragte des Stadtrats. Der Anteil der Gemeinnützigen an allen Mietwohnungen ist von 26 auf 26,7 Prozent gestiegen. «Diese Zahl hängt auch von den Aktivitäten der Kommerziellen ab, die ebenfalls intensiv waren», sagt Stücheli. Laut Schätzungen der Stadt entstehen in den nächsten acht Jahren bis zu 11'000 gemeinnützige Wohnungen. Noch wichtiger als der Landkauf sei dafür das Verdichten, da bestehe bei den Genossenschaften einiges Potenzial. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 23:19 Uhr

Zweitwohnungen in Zürich

Anzahl unbekannt

Wie viele Zweitwohnungen gibt es in der Stadt Zürich? Das wollte die damalige Gemeinderätin Jacqueline Badran (SP) im Jahr 2009 vom Stadtrat wissen. Die Vermutung lautete: Immer mehr Menschen leisten sich in Zürich eine Ferienwohnung, die sie nur selten nutzen. Dadurch gehen der Stadt Steuern und Wohnraum verloren.

Ob die Vermutung zutrifft, bleibt bis heute offen. «Eine korrekte Zahl zu erheben, ist sehr aufwendig. Bei den Tausenden von Wohnungswechseln gibt es immer Ungenauigkeiten und Unbekannte», sagt Christina Stücheli, Informationsbeauftragte des Stadtrates. Die Stadt habe mehrere Anläufe gemacht, keiner habe zu ausreichend genauen Resultaten geführt. Man verfolge die Frage aber weiter, sagt Stücheli. Die letzte Schätzung zum Thema stammt aus der Volkszählung im Jahr 2000. Damals wurden 15 488 Wohnungen als zweiter Wohnsitz genutzt, was 7,8 Prozent entsprach. (bat)

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