«Das Geroldareal ist nun einmal nur die Nummer zwei»

Architekt Walter Wäschle kritisiert den Stadtrat für den Standortentscheid zum Kongresszentrum.

Vor seinen Plänen für ein Kongresszentrum auf dem Carparkplatz: Architekt Walter Wäschle.

Vor seinen Plänen für ein Kongresszentrum auf dem Carparkplatz: Architekt Walter Wäschle. Bild: Doris Fanconi

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Sie haben mit Ihrer Studie den Standort Carparkplatz für das Kongresszentrum ins Gespräch gebracht. Sie halten das Areal für perfekt geeignet. Nun hat sich der Stadtrat für das Geroldareal entschieden. Offenbar ist der Carparkplatz doch nicht so gut.
Doch, er ist sicher ein sehr guter Standort. Das Geroldareal erfüllt viele Kriterien, aber einige wichtige eben nicht. Dem Stadtrat müsste es zu denken geben, dass er für seine Pläne kaum Unterstützung erhält, weder von Parteien noch von Experten oder von der breiten Bevölkerung. Selbst Elmar Ledergerber sagt als Präsident von Zürich Tourismus, das Geroldareal sei nur der zweitbeste Standort. Das kann es ja nicht sein! Da will die Stadt eines ihrer wichtigsten und zugleich kostspieligsten Projekte bauen, und kaum jemand steht hinter dem vorgesehenen Standort. Ich befürchte, dass nach dem Projekt am See auch der Standort Geroldareal von den Zürcherinnen und Zürchern abgelehnt wird. Dann wäre ein Kongresszentrum ein für alle Mal gestorben.

Was ist so schlecht am Geroldareal?
Es ist völlig isoliert. Das Kongresszentrum wäre hier eingeklemmt zwischen den Gleisen, einem Autobahnzubringer und dem ZKB-Gebäude, das es wie ein Riegel abschottet. Die Lage an den Gleisen ist an sich noch spannend, aber nicht vergleichbar mit jener am See. Nach der Vorstellung der Befürworter, von denen es allerdings nicht allzu viele gibt, sollen die Kongressbesucher entlang der Viaduktbögen flanieren, ja vielleicht sogar unter der Hardbrücke. Ich muss sagen, ein sehr unwirtliches Umfeld für ein Kongresszentrum.

Der Carparkplatz gehört aber auch nicht gerade zu den schönsten Orten der Stadt – an den See kommt auch er nicht heran.
Dafür liegt er zentraler, und man hat eine tolle Aussicht auf den Platzspitz, der für Zürich so bedeutend ist wie der Central Park für Manhattan. Und hier könnte die Stadt mit dem Kongresszentrum gleich zwei Probleme lösen: Es wäre möglich, im Erdgeschoss einen überdeckten Busbahnhof zu integrieren. Eine Stadt wie Zürich braucht einen Busbahnhof. Es kann nicht sein, dass die Reisenden im Sommer verregnet und im Winter verschneit werden. Und der Stadtrat könnte hier ein Stück Stadt reparieren. Der Carparkplatz ist heute ein Unort, ein Schandfleck. Ein Kongresszentrum gäbe ihm ein ganz anderes Gesicht und würde auf der Nordseite des Bahnhofs ein Gegengewicht zur Europaallee schaffen.

Dafür liegt das Geroldareal zentral und hat sozusagen einen eigenen Bahnanschluss.
Nach dem Massstab anderer Grossstädte gälte diese Lage vielleicht als zentral, aber nicht nach jenem von Zürich. Dabei ist gerade eine zentrale Lage wichtig, weil die Kongressbesucher hier auch einkaufen und ausgehen und so für eine hohe Wertschöpfung sorgen sollen. Ich glaube kaum, dass die Kongressbesucher über Mittag in den Zug steigen und vom Geroldareal an die Bahnhofstrasse fahren, um eine Rolex zu kaufen. Vom Carparkplatz hingegen ist man in drei Minuten dort.

Es ist aber immer noch besser, Zürich hat ein Kongresszentrum an zweitbester Lage als gar keines. Der Untergrund des Carparkplatzes ist für den Stadttunnel reserviert. Seine Baulinie liesse sich nur auf politischem und entsprechend langwierigem Weg entfernen.
Das Atelier WW hat den Standort Carparkplatz seriös untersucht und kein stichhaltiges Argument dagegen gefunden. Die Baulinie etwa könnte man kurzfristig entfernen. Das kann also nicht das Killerargument gegen diesen Standort sein.

So schnell bringt man die Baulinie nicht zum Verschwinden. Immerhin muss der Kantonsrat dafür den Richtplan ändern.
Aber es ist machbar. Der Tunnel selbst ist ein Relikt aus alten Zeiten. Ich habe selber vor fast 40 Jahren bei Theo Hotz an dem Projekt, dem sogenannten Ypsilon, mitgearbeitet. Geplant war, dass die Strasse des einen Zweiges beim Milchbuck abtaucht und bei der Allmend wieder ans Tageslicht kommt. Aber selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten und dieser Tunnel realisiert werden sollte, könnte man ihn überbauen. Wir haben das mit Ingenieuren abgeklärt, technisch wäre es kein Problem.

Der Stadtrat sagt, das Areal des Carparkplatzes sei für ein Kongresszentrum zu klein.
Dieses Argument ist unverständlich. Es ist mit 11'000 Quadratmetern fast doppelt so gross wie das Geroldareal. Und: Es ist bereits im Besitz der Stadt und kostet sie nichts mehr. Am Geroldareal hingegen besitzt sie nur gerade 30 Prozent der Fläche. Die übrigen Eigentümer werden die Gunst der Stunde nutzen und sich ihr Grundstück von der Stadt vergolden lassen.

Für ein Kongresshotel reicht der Platz aber nicht.
Nicht auf dem Carparkplatz selber. Aber die Besitzer des Walhalla-Hauses und des Vorbahnhofs könnten sich zusammenschliessen und auf ihren Grundstücken das Hotel bauen. Das wäre ein gutes Geschäft für sie. Man könnte so auch die Bahnhofsunterführung von der Europaallee ins Kongresszentrum verlängern und einen direkten Bahnanschluss schaffen. Der See ist der Standort Nummer 1A, der Carparkplatz 1B. Das Geroldareal hingegen ist nun einmal nur die Nummer 2.

Und die Parkplätze des Parkhauses wollen sie ersatzlos streichen?
Nein, wir könnten zumindest einen Teil im Kongresszentrum ersetzen. Allzu tief können wir wegen des Grundwassers aber nicht bauen.

Weshalb engagieren Sie sich so dezidiert für den Standort Carparkplatz?
Unser Büro ist seit 40 Jahren in der Stadt. Wir sind hier verwurzelt, wir leben und arbeiten hier. Deshalb engagieren wir uns für die Stadt, unter anderem auch mit unserer Initiative für ein Seerestaurant am Bürkliplatz. Es ist uns nicht gleichgültig, was hier geschieht. Wir selber haben nichts davon, wenn das Kongresszentrum auf dem Carparkplatz gebaut wird. Wenn wir viel Glück haben, können wir am Architekturwettbewerb teilnehmen.

Erstellt: 25.04.2012, 07:16 Uhr

Zur Person

Walter Wäschle ist Mitinhaber des Architekturbüros Atelier WW in Zürich. In der Stadt hat es unter anderem die Messe Zürich, das Tamedia-Glashaus oder die Waschstrasse Tiefenbrunnen gebaut.

(Bild: TA-Grafik ek)

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